Wirtschaftsprofessor Der große Mahner Hans-Werner Sinn tritt ab

Hans-Werner Sinn, der langjährige Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

(Foto: dpa)

Bei seiner letzten Weihnachtsvorlesung in München lässt Sinn 50 Jahre Wirtschaftspolitik Revue passieren: pointiert, streitbar, unterhaltend.

Von Caspar Busse

Insgesamt 82 Semester hat er an der Universität gelehrt, davon 61 in München, viele Tausende Studenten sind von ihm in die Geheimnisse der Volkswirtschaftslehre eingeführt worden. Ja, Hans-Werner Sinn ist im Hauptberuf Wirtschaftsprofessor. Das hat der eine oder andere angesichts seiner unzähligen Auftritte in Fernseh-Talkshows vielleicht schon vergessen. In der Tat: Sinn ist überall, der Mann mit dem markanten Backenbart berät die Regierung, er kritisiert öffentlich die Euro-Rettung, er wirft mit Zahlen um sich und schreibt Bücher, er führt das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Und doch ist seine eigentliche Leidenschaft die Lehre.

Mehr als Tausend Zuhörer sind in die prachtvolle Große Aula der Ludwig-Maximilians-Universität gekommen, die Veranstaltung wird sogar in einen zweiten Hörsaal und im Internet übertragen. Ein wenig Wehmut liegt an diesem Montagabend in der Luft. Denn es ist die Abschiedsvorlesung von Professor Sinn, im März kommenden Jahres wird er 68 Jahre alt, und hat seinen Rückzug angekündigt. In der ersten Reihe sitzt sein Nachfolger Clemens Fuest und lächelt - ihm dürfte spätestens jetzt klar sein, welches Erbe er da antreten soll.

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Prediger der Ökonomie - pointiert, streitbar, unterhaltend

Sinn lässt in gut 90 Minuten 50 Jahre Wirtschaftspolitik Revue passieren - und er tut das auf seine Weise: pointiert, streitbar, unterhaltend, mit vielen bunten Charts und diesmal auch privaten Fotos, und mit flotten Sprüchen. Die Zuhörer - in den vorderen Reihen ältere Herrschaften und Honoratioren der Münchner Wirtschaft, weiter hinten auch Studierende und ehemalige Studenten - folgen ihm gespannt. Es ist ein wenig so, als ob ein Prediger der Ökonomie zu seinen Jüngern spricht.

Wenn man Sinn so zuhört, ist eigentlich alles ganz einfach. Der Kommunismus musste zusammenbrechen ("Planwirtschaft führt automatisch zu Gewaltherrschaft"), die sozialliberale Koalition, vor allem unter Kanzler Helmut Schmidt, ließ Ausgaben und Staatsverschuldung explosionsartig nach oben gehen, die deutsche Einheit wurde ein wirtschaftliches Desaster, weil die westdeutschen Konzerne die ehemalige DDR gegen ausländischen Investoren abgeschottet haben. Und beim Euro sind sowieso ganz viele Fehler gemacht worden.

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Zu Besuch bei Tante Lieschen

Es ist ein kurzweiliger Abend: Sinn erzählt, wie er mit seinen Eltern einen Tag vor dem Mauerbau Tante Lieschen in Ost-Berlin besuchte, wie später Onkel Günther aus dem Erzgebirge zum Westbesuch zu Familie Sinn nach Westfalen kam. Sinn berichtet, wie er den Prager Frühling erlebte und wie er zusammen mit Rudi Dutschke gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Man mag es kaum glauben, aber Sinn ist wirklich einmal ein Linker gewesen, Mitglied der Falken und beim Sozialistischen Hochschulbund. Aber das sei ja nicht "die Zeit der freien Liebe gewesen", sagt Sinn heute, sie hätten nur über Politik und Wirtschaft diskutiert.

Das ist lange her: Heute gibt Sinn den großen Mahner, auch zum Abschied. Euro-Rettung, Flüchtlinge, Rente mit 63, Energiewende, Mindestlohn - "schaffen wir das?", fragt Sinn rhetorisch gleich mehrmals. Dann machte er eine kurze Pause, um am Ende selbst die Antwort zu geben: "In der Summe eher nicht, glaube ich." Das Publikum applaudiert lange.

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