bedeckt München 19°

Wirtschaftspolitik:Trump wettert gegen alle Branchen - scheinbar wahllos

Ein "großes Maß an Unsicherheit" hat Bart van Ark, Chefvolkswirt des Wirtschaftsforschungsinstituts Conference Board, in der amerikanischen Unternehmerschaft ausgemacht. Einerseits seien viele Manager erfreut über die versprochenen Steuersenkungen und zusätzlichen Staatsausgaben. Andererseits bestehe die Sorge, dass Trump einen Handelskrieg mit Staaten wie China und Mexiko anzetteln könnte. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie in Berlin spricht von einer "Verunsicherung in der deutschen Wirtschaft". So hielt es Werner Baumann, der Chef des Bayer-Konzerns, für nötig, zu Trump zu pilgern, um dessen Segen für die geplante Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto einzuholen.

Was viele Manager verstört, ist, dass Trump scheinbar wahllos Branchen attackiert. Auf seiner Pressekonferenz am letzten Mittwoch hatte der künftige Regierungschef auch die Pharmaindustrie angegriffen und ihr vorgeworfen, mit überzogenen Medikamentenpreisen "über Leichen" zu gehen. Auch der Siemens-Konzern geriet ins Visier. Dessen Windräder, so der Präsident in spe, "töten alle Vögel". Ob es ihm tatsächlich ums Federvieh ging, oder ob das nur die Vorboten einer neuen Pro-Öl-Politik waren, blieb offen. Immerhin: Siemens beschäftigt in den USA 2000 Menschen in der Windenergie.

Umgekehrt hoffen viele Manager, dass der Präsident nach einem wortgewaltigen Start ins Amt auf die Wirtschaft zugehen wird. "Trump wird einsehen müssen, dass nicht alles, was er sagt, umgesetzt werden kann", sagt etwa Sandy Schwartz, Chef des Autohandelsdienstleisters Cox Automotive. Früher oder später werde der Immobilienmogul die Realität anerkennen.

Nicht alle wollen den Hurra-Patriotismus mitmachen

So optimistisch ist Justin Wolfers, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Michigan, nicht. Von Trumps Kurs ist er "alles andere als begeistert". Auch die unterwürfigen Reaktion vieler Unternehmenslenker schätzt er nicht. Wolfers hat berechnet, dass in den USA pro Monat durchschnittlich 2,2 Millionen Jobs wegfallen, viele davon Saisonarbeitsplätze. Gleichzeitig werden jedoch im gleichen Zeitraum fast 2,4 Millionen Stellen neu geschaffen. "Angesichts der gewaltigen Bewegung auf dem US-Arbeitsmarkt", sagt der Ökonom, sei Trumps hemdsärmeliger Ansatz, in Gesprächen mit einzelnen Firmen persönlich für den Erhalt von Jobs zu sorgen, "völlig unzureichend und unbrauchbar". Auch der US-Aktienmarkt tritt nach der anfänglichen Euphorie über Trumps Wahlsieg seit Mitte Dezember auf der Stelle.

Nicht einmal kleine Unternehmen freuen sich durchweg über den Hurra-Patriotismus des neuen Präsidenten, der sein Amt kommende Woche Freitag antreten wird. Trump hatte zuletzt offen für die kleine Textilfirma L. L. Bean geworben, deren Eigentümerin Linda Bean im Wahlkampf an ihn gespendet hatte. Doch das Unternehmen, aufgeschreckt von Boykott-Aufrufen vieler Trump-Gegner, verbat sich die präsidentielle Lobhudelei: "L. L. Bean unterstützt keine politischen Kandidaten und nimmt nicht politische Stellung", sagte Firmenchef Shawn Gorman. "Vereinfacht gesagt: Wir halten uns raus aus der Politik."

© SZ vom 14.01.2017/vit
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB