Wirtschaftspolitik:Wichtig ist, dass Fortbildung und lebenslanges Lernen selbstverständlich werden

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Aber wenn man ein flexibles System hat, werden diese Personen meist schnell woanders einen neuen Arbeitsplatz finden. Das setzt natürlich voraus, dass diese Personen auch eine entsprechende Qualifikation haben. Ein zentraler Punkt ist daher, dass wir die Leute befähigen, im Fall der Fälle diesen neuen Arbeitsplatz auch ausfüllen zu können.

Bei der Dimension der Aufgabe, bei der Größe des Strukturwandels - muss die nächste Regierung ein Volksbildungsprogramm Digitalisierung starten? Zum Beispiel, indem sie die Bundesagentur für Arbeit so modernisiert und umbaut, dass sie sich nicht erst dann um die Menschen kümmert, wenn sie ihren Arbeitsplatz schon verloren haben?

Die Bundesagentur sollte dabei durchaus eine Rolle spielen. Zusätzlich sollten aber auch die Verbände aktiv werden, die Arbeitgeber, die Gewerkschaften. Wichtig ist, dass Fortbildung und lebenslanges Lernen selbstverständlich werden. Früher haben das vor allem die Unternehmen übernommen.

Warum ist das nicht mehr so?

Früher war es üblich, dass man von einem Betrieb ausgebildet wurde, später übernommen wurde und dann dort bis zur Rente geblieben ist. Das ist heute die Ausnahme. Und deshalb fragen sich immer mehr Unternehmen, ob sich die Fortbildung noch lohnt, wenn sie gar nicht sicher sein können, wie lange jemand bei ihnen bleiben wird.

Ist es überhaupt realistisch, aus gut ausgebildeten Facharbeitern jetzt zuhauf IT-Programmierer zu machen?

Nein, aber das ist auch gar nicht nötig. So viele Programmierer braucht man gar nicht. Man braucht viel eher Leute, die in der Lage sind, sich schnell in einem neuen Anforderungsfeld zurecht zu finden und mit den dort auftretenden Problemen umzugehen. Statt Programmierkenntnissen braucht man vor allem Flexibilität und mehr Basiskompetenzen als Spezialwissen.

Das mag schön klingen. Aber hören wir nicht seit zwanzig Jahren oder länger: Bildung, Bildung, Bildung? Schaut man aber genau hin, dann sieht es da finster aus. Warum?

Es gibt seit Jahren eine falsche Prioritätensetzung. Vor allem auf Länderebene. An der Stelle muss sich die Politik an die eigene Nase fassen, warum sie ausgerechnet den Bildungsbereich vernachlässigt hat. In diesen Bereich sollten mehr Gelder gelenkt werden.

Seit Jahrzehnten gibt es ausgerechnet bei einem zentralen Thema wie der Bildung eine Art Möchtegernwettbewerb zwischen den Bundesländern. Muss man das nicht endlich abschaffen?

Nein, keinesfalls. Wenn man das täte, könnte es nämlich passieren, dass das Bildungssystem in allen Ländern auf das niedrigere Niveau absinkt. Das wäre weit schlechter als das jetzige System.

Sie wollen die Schulen neu aufstellen, aber das Kooperationsverbot unangetastet lassen? Das verhindert derzeit, dass der Bund sich in Bildungspolitik und Finanzierung der Schulen einmischt.

Eine gewisse Lockerung könnte angebracht sein. Aber ich halte Bildungswettbewerb für sinnvoll.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nehmen Sie die Familien, die sich überlegen, wo sie hinziehen, damit ihr Kind die aus ihrer Sicht beste Bildung bekommt.

Moment. Ist das nicht genau umgekehrt? Dass Menschen wegen ihres Jobs von einem Bundesland ins andere umziehen müssen - und plötzlich in den Schulen der Kinder ganz andere Verhältnisse herrschen?

Sie sehen das zu pessimistisch. Die Vorstellung, man sei dem Arbeitsmarkt wehrlos ausgeliefert, ist doch falsch. Tatsächlich kehren sich die Machtverhältnisse im Augenblick eher um. Wir laufen auf einen Fachkräftemangel zu; da werden sich die Unternehmen ganz schön anstrengen müssen, die guten Leute überhaupt zu bekommen. Dabei spielen Standortfaktoren - wie die Qualität des Bildungssystems - eine wichtige Rolle. Das betrifft natürlich vor allem die gut Ausgebildeten.

Womit wir wieder bei Ungleichheit und wachsenden Unterschieden sind.

An der Stelle haben Sie recht. Es bestehen große Unterschiede zwischen denen, die eine gute Ausbildung haben, und denen, bei denen dies nicht der Fall ist. Hier ist der Staat gefordert, damit jeder gemäß seinen Fähigkeiten die Möglichkeit hat, eine gute Ausbildung zu erhalten. Dies ist zentral für die Chancengerechtigkeit. Das fängt bei der frühkindlichen Bildung in den Kindergärten an. Deshalb hat sich der Sachverständigenrat auch für ein kostenfreies verpflichtendes Vorschuljahr ausgesprochen. Wir müssen früh beginnen, wenigstens einen Teil der Unterschiede auszugleichen. Wir müssen natürlich auch Spitzenleistungen zulassen. Aber es darf nicht passieren, dass jemand abgehängt wird, weil er aus einem Elternhaus kommt, das auf Schule und Bildung nicht viel Wert legt.

Sollte der Staat für eine solche Großanstrengung "Schule und Bildung" zur Not auch neue Schulden machen oder die Steuern erhöhen?

Das ist gar nicht nötig. Man kann das im Rahmen des jetzigen Budgets schaffen, wenn man an anderer Stelle spart.

Nämlich wo?

Nehmen sie die Möglichkeiten im Bereich der öffentlichen Verwaltung durch die Digitalisierung. Da hinkt Deutschland weit hinterher, obwohl es enorme Effizienzpotenziale gibt. Dadurch würden vermutlich Jobs verloren gehen. Aber an dieser Art von Effizienzsteigerung werden wir gar nicht vorbei kommen. Das gleiche gilt für unser Gesundheitswesen. Es ist so ineffizient, dass wir dringend etwas tun müssen.

Woran denken Sie da?

Das fängt bei ganz einfachen Dingen an. Zum Beispiel, dass eigentlich jeder Arzt schnell wissen sollte, was der Patient für Befunde hat, welche Medikamente er nimmt, welche Operationen er hatte.

Ist Ihnen der Datenschutz egal?

Natürlich nicht, hier gibt es immer Abwägungen. Aber das Potenzial sollte man nutzen, im Sinne des Patienten. Vielleicht mit der Möglichkeit, dass der Patient stets aktiv einwilligen muss, wenn etwas gespeichert wird. Aber das geht noch viel weiter. Man kann sich ja längst vorstellen, dass Ärzte durch Fotografien oder Livestreams übers Handy erste Ferndiagnosen erstellen. Das würde beispielsweise dort helfen, wo es auf dem Land kaum noch Landärzte gibt. Es wäre also eine große Errungenschaft.

Ist das nicht eine Träumerei?

Nein. Im Gegenteil. Man muss die Chancen erkennen. So etwas ist doch eine gute Alternative, wenn man sich wochenlanges Warten auf einen Termin und stundenlanges Warten in einer Praxis ersparen könnte. Möglicherweise sitzt der Arzt gar nicht in Deutschland.

Das klingt ein bisschen gruselig.

Finde ich nicht. Warum? Ich glaube, der Wohlfahrtsgewinn daraus ist enorm. Sie kennen das bestimmt auch: Man geht nicht zum Arzt, weil der ganze Prozess zu langwierig und mühsam ist. Und deshalb macht man oft gar nichts, was aus gesundheitlichen Gründen falsch ist. Ist das besser? Ich finde nicht.

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