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Wirtschaftspolitik:Das Soziale und der Markt

Passend zum 60. Geburtstag ist die soziale Marktwirtschaft unbeliebt wie vermutlich nie zuvor - dank gieriger Manager hat die Mehrheit den Glauben an die von Erhard geprägte Wirtschaftsordnung verloren.

Es ist ein unzeitgemäßes Jubiläum. Vor 60 Jahren, am 21. Juni 1948, konnten die Westdeutschen zum ersten Mal mit ihrer neuen Währung, der D-Mark, einkaufen gehen. Die Währungsreform war der Beginn des Wirtschaftswunders und der sozialen Marktwirtschaft. Heute ist diese soziale Marktwirtschaft so unpopulär wie vermutlich noch nie. Genauer: Eine Mehrheit der Deutschen glaubt, dass die soziale Marktwirtschaft nicht mehr die Grundordnung ist, sondern dass das Land gierigen Managern, der Globalisierung und einem kalten Kapitalismus in die Hände gefallen ist.

Ob ihm, Erhard, gefallen hätte, was Kanzlerin Merkel während der Festveranstaltung zum Jubiläum so gesagt hat?

(Foto: Foto: ddp)

Bemerkenswert dabei, dass das Unbehagen an der Wirtschaft gerade in einem Moment zugenommen hat, in dem die deutsche Wirtschaft so gut dasteht wie seit Jahren nicht mehr. Vor drei Jahren noch gab bei einer Bertelsmann-Untersuchung die Hälfte aller Befragten an, sie empfände die wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerecht. Heute gibt es 1,5 Millionen registrierte Arbeitslose weniger, trotzdem ist der Anteil der Unzufriedenen auf fast drei Viertel gestiegen.

Jedem fallen zu diesem Ansehensverlust ein paar Stichworte ein: Zumwinkel und Liechtenstein, Managergehälter, die Finanzkrise, Niedriglöhne. Doch all dies vermag zwar Ärger und Zorn über Wirtschaft und Wirtschaftspolitiker zu erklären, nicht aber die komplette innere Abkehr von der Wirtschaftsordnung. Die Ursachen dafür müssen viel tiefer liegen. Sie sind einerseits das Ergebnis von Missverständnissen, andererseits von jahrzehntelangen Fehlentwicklungen in der sozialen Marktwirtschaft selbst.

Heute ist fast vergessen, dass der wirtschaftliche Erfolg der jungen Bundesrepublik das Ergebnis eines beispiellosen neoliberalen Experiments war. Ludwig Erhard, der spätere Bundeswirtschaftsminister, hob im Juni 1948 zusammen mit der Einführung der D-Mark auf einen Schlag alle Preiskontrollen auf. Erst dies machte aus der Währungsreform eine Wirtschaftsreform. Der 21. Juni 1948 ist deshalb als "Tag, an dem es plötzlich wieder alles gab" ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Wie unerhört der Schritt war, zeigt jener berühmte Dialog zwischen Erhard und dem amerikanischen General Lucius Clay. "Meine Berater sagen mir, dass Ihre Entscheidung falsch ist," sagte Clay. "Das sagen meine auch," antwortete Erhard.

Ein Geniestreich und eine Falle

Erhard wollte aber nicht nur Angebot und Nachfrage wieder wirken lassen, er wollte "das Ruder um 180 Grad herumreißen", wie er später sagte. Die verhängnisvolle Herrschaft der Verbände und Kartelle, die autoritäre Wirtschafts- und Sozialpolitik, die um 1890 unter Bismarck ihren Anfang genommen hatte, sollte ein für alle mal der Vergangenheit angehören. Stattdessen sollten die Deutschen als freie Bürger im Leistungswettbewerb eigenverantwortlich ihr Schicksal gestalten. Beeinflusst wurde Erhard von einer Gruppe neu-liberaler Ökonomen: Walter Eucken, Wilhelm Röpcke, Alfred Müller-Armack, Alexander Rüstow (der den Begriff "neoliberal" erstmals verwendete) und anderen.

Ludwig Erhard nannte seine Konzeption "Soziale Marktwirtschaft" - ein sprachlicher Geniestreich und eine gefährliche Falle. Zwar wurde seine Politik damit zu einem gut verkaufbaren Marketingartikel, gleichzeitig aber blieb offen, worin nun das "Soziale" an der sozialen Marktwirtschaft liegen sollte. Das ist bis heute so geblieben. Guido Westerwelle kann sich ebenso auf den Begriff berufen wie Oskar Lafontaine.

Seite 2: Die Tragik der sozialen Marktwirtschaft

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