Süddeutsche Zeitung

Wirtschaftsnobelpreis:Versteigern, aber richtig

Ihre Arbeit hat ganz praktische Vorteile: Der Wirtschaftsnobelpreis geht an die Auktionstheoretiker Paul R. Milgrom und Robert B. Wilson. Auch die deutschen Steuerzahler können sich bei ihnen bedanken.

Von Nikolaus Piper

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht diesem Jahr an zwei Pioniere der Auktionstheorie, die beiden Amerikaner Paul R. Milgrom, 72, und Robert B. Wilson, 83. Milgrom lehrt an der Universität Stanford in Kalifonien, Wilson kommt ebenfalls von Stanford, ist aber mittlerweile emeritiert. Die beiden hätten nicht nur erforscht, wie Auktionen funktionieren, sondern auch neue Auktionsformen etwa für Mobilfunklizenzen entworfen, heißt es in der Würdigung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. "Von ihren Entdeckungen haben Verkäufer, Käufer und Steuerzahler auf der ganzen Welt profitiert." Der Nobelpreis für Ökonomie geht nicht wie die anderen Nobelpreise auf die Stiftung des Erfinders Alfred Nobel zurück, sondern wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet und 1969 erstmals verliehen. Er ist dotiert mit zehn Millionen schwedische Kronen, umgerechnet 960 000 Euro, die sich die Preisträger teilen.

Auktionen sind einerseits sehr alte und einfache Einrichtungen. Wenn etwa eine Erbengemeinschaft ein Haus verkaufen will, dann sammelt sie Gebote von Interessierten. Den Zuschlag bekommt, wer am meisten für das Haus zu zahlen bereit ist. Aber hat er auch den richtigen Preis gezahlt? Das Geschäft ist ja mit einem hohen Risiko verbunden, das Haus könnte zum Beispiel verborgene Schäden haben. Wilson fand bereits in den 1960ern heraus, dass die Gewinner von Auktionen in aller Regel zu viel gezahlt haben. Er nannte das den "Fluch des Gewinners".

Um den zu vermeiden, versuchten potenzielle Käufer weniger zu bieten, als den von ihnen vermuteten Wert. Der Abschlag ist umso größer, je weniger Informationen über das Objekt vorliegen. Milgrom entwickelte dazu allgemeinere Modelle für Auktionen von Objekten, die keinen allgemein akzeptierten Wert (common value) haben, sondern bei denen jeder seine eigene Wertschätzung (private value). Ein Beispiel sind teure Gemälde.

Einer der wichtigsten Vertreter der Auktionsforschung in Deutschland ist Axel Ockenfels, Professor an der Universität Köln. Er hat mit den beiden Nobelpreisträgern zusammengearbeitet und publiziert. Die Sache mit dem Fluch der Gewinners erklärt Ockenfels seinen Studenten so: Er stellt in der Vorlesung ein Marmeladeglas mit Cent-Münzen auf, das er dann meistbietend versteigert. Das Ergebnis ist immer, dass der Sieger der Auktion zu viel gezahlt hat, weil er den Wert der Münzen überschätzte.

Dank der Vorarbeit der beiden Ökonomen hat auch Deutschland Milliarden eingenommen

Wäre es aber nur bei solchen theoretischen Erkenntnissen geblieben, die beiden Forscher aus Stanford hätten den Nobelpreis vielleicht nie bekommen. Tatsächlich jedoch wandten sie ihre Modelle in der Praxis an und entwickelten ein Design, mithilfe dessen heute auch extrem komplexe Dinge versteigert werden können. Ein Beispiel, das auch in der offiziellen Würdigung genannt wurde, sind Mobilfunkfrequenzen. Anfang der Neunzigerjahre wurden solche Frequenzen in den Vereinigten Staaten noch einfach zugeteilt, wodurch der Staatskasse viele Einnahmen entgingen. Seit 1993 werden die Frequenzen versteigert, dank der Vorarbeit von Wilson und Milgrom.

Deren Modelle zeigten Methoden, um einerseits eine effiziente Verteilung der Frequenzen im ganzen Land zu erreichen und gleichzeitig für möglichst hohe Staatseinnahmen zu sorgen. Das komplizierte Auktionsformat, das Milgrom und Wilson erfanden, heißt Simultaneous Multiple Round Auction und sieht vor, stark vereinfacht, dass die Versteigerung aller Frequenzen simultan und in mehreren Runden stattfindet. Ohne Computer wären solche Modelle nicht möglich.

Auch Deutschland machte inzwischen Erfahrungen mit solchen Versteigerungen. Vielen ist noch die Versteigerung der UMTS-Frequenzen für den Mobilfunk der dritten Generation 2000 in Erinnerung, bei der die Bundesregierung 98,8 Milliarden Mark einnahm. Jetzt geht es um die Frequenzen für die fünfte Generation (5G). Die Erkenntnisse von Milgrom und Wilson werden aber auch noch auf ganz anderen Gebieten angewandt, etwa bei der Vergabe von Stromrechten oder von Schürfrechten im Bergbau.

Auktionen können helfen, wenn aus ethischen Gründen Preise nicht das richtige Mittel sind

Axel Ockenfels weist darauf hin, dass die Probleme von Auktionen auch bei der Vergabe öffentlicher Aufträge auftreten. Wenn die Behörden bei Ausschreibungen den Zuschlag immer dem Preisgünstigsten geben, laufen sie Gefahr, bei dem zu landen, der seine eigenen Kosten am meisten unterschätzt. Dann werden teure Nachbesserungen fällig. Das ist dann eine spezielle Form des "Fluchs des Gewinners".

Die Auktionstheorie kann aber auch angewandt werden für Versteigerungen, bei denen es aus ethischen Gründen keinen Preis geben darf. Zum Beispiel in der Corona-Pandemie. Im Sommer plädierte Wilson zusammen mit den Ökonomen Ockenfels, Peter Crampton und dem schon damaligen Nobelpreisträger Alvin E. Roth für neues Denken unter der Bedrohung durch das Virus. In einem Gastbeitrag für die SZ schlagen sie etwa eine Clearingstelle zur Verteilung von medizinischen Produkte vor, beispielsweise von Schutzmasken und Beatmungsgeräten. Sie sollte die Versorgung der Krankenhäuser sicher stellen.

Auch in der modernen Netzökonomie spielen Auktionen eine zentrale Rolle. Google versteigert seine Anzeigenplätze, Ebay basiert auf einem hochkomplexen Auktionssystem. "Die neuen Auktionsformate sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung zu Erfindungen führt, die der Gesellschaft dienen", heißt es in der Würdigung der Schwedischen Akademie.

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