Wirtschaftsnobelpreis Den Menschen anstupsen

Die Auszeichnung geht in diesem Jahr an den Verhaltensökonomen Richard H. Thaler. Er lehrte, wie man Menschen durch kleine Tricks zu gesellschaftlich erwünschtem Verhalten leiten kann.

Von Nikolaus Piper

Worum es in diesem Jahr beim Wirtschaftsnobelpreis ging, wusste schon Immanuel Kant: "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werde", schrieb der deutsche Philosoph 1784. Auf die Wirtschaftswissenschaften bezogen heißt das: Der Mensch ist kein "Homo Oeconomicus", wie er so vielen Modellen zugrunde liegt, sondern unvollkommen, irrational und ohne Selbstkontrolle. Die Erforschung dieser Unvollkommenheit ist Gegenstand der Verhaltensökonomie. In diesem Jahr ehrte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften einen herausragenden Vertreter dieser Disziplin: den Amerikaner Richard Thaler. Der 72 Jahre alte Professor von der Universität Chicago erhielt die mit 940 000 Euro dotierte Auszeichnung, weil er "eine Brücke zwischen der wirtschaftlichen und der psychologischen Analyse individueller Entscheidungsprozesse" geschlagen habe, so das Preiskomitee.

Thaler selbst meinte in einem Telefon-Interview, seine wichtigste Erkenntnis liege darin, "dass wirtschaftlich Handelnde menschlich sind und Wirtschaftsmodelle das berücksichtigen müssen". Der Mensch ähnele mehr der Comicfigur Homer Simpson als Albert Einstein, ist ein häufig zitiertes Bonmot Thalers.

Der Ökonom entwickelte Modelle, mit denen Verhalten kalkulierbar gemacht werden kann. Zum Beispiel die Theorie der "mentalen Buchführung". Danach planen Menschen ihre Finanzen nicht einheitlich, sondern teilen ihr Geld geistig auf verschiedene Konten auf, etwa für kurzfristige Ausgaben, für langfristige Anschaffungen und Sparen. So ist es zu erklären, dass Verbraucher teure Kredite aufnehmen, obwohl sie noch Geld zur Verfügung hätten.

Rauchen ist tödlich. Aber wie bringt man die Menschen dazu, gesund zu leben? Die Verhaltensökonomie kann helfen.

(Foto: Gabrielle Lurie/Reuters)

Thaler fand heraus, dass die meisten Menschen einen Wertgegenstand, zum Beispiel ein teures Bild, höher bewerten, wenn sie ihn verkaufen sollen, als wenn sie ihn kaufen können. Und er arbeitete damit, dass Verbraucher "Referenzpunkte" haben, also Preise, die sie als "normal" erachten. Reklameversprechen wie "Drei Tuben Zahnpasta zu dem Preis von zweien" versuchen, den Referenzpunkt der Verbraucher nach oben zu verschieben.

Der Preisträger nennt "Nudging" einen "libertären Paternalismus"

Thaler fand in einer Reihe von Experimenten - sie trugen den Namen "Diktator-Spiel" - heraus, wie viel Wert Menschen auf das legen, was sie als fair empfinden. Um den Mangel an Selbstdisziplin der meisten Menschen zu erforschen, entwickelte er ein planner-doer model, ein Modell, in dem der Planer und der Ausführende im Kopf zu Analysezwecken getrennt werden. Der Planende will genügend fürs Alter zurücklegen, dem Ausführenden ist der Urlaub in der Karibik wichtiger. Im Ergebnis kommt eine irrationale Entscheidung heraus.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Thaler bekannt, als er die Idee des "Nudging" (wörtlich: Anstupsen) propagierte. Gemeint sind damit Tricks, die staatliche und privaten Institutionen anwenden können, um gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu erreichen. Das Konzept popularisierte er in einem sehr erfolgreichen Buch. (Richard Thaler, Cass Sunstein: "Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt"). Zum Beispiel könnte man der Riesterrente dadurch zum Erfolg verhelfen, dass ein Arbeitnehmer seinen Riestervertrag nicht mehr selbst suchen muss, sondern dass er automatisch einen Riestervertrag bekommt, den er dann aktiv kündigen müsste. So würde er angestupst zu sparen.

Richard H. Thaler, 72 ist mit dem Wirtschaftsnobelpreis 2017 ausgezeichnet worden. Er habe Brücken zwischen Psychologie und Ökonomie geschlagen, erklärte das Preiskomitee in Stockholm.

(Foto: Reuters)

Kritiker werfen Thaler vor, "Nudging" laufe auf die Manipulation von Menschen hinaus. Er selbst bezeichnet seine Methoden als "libertären Paternalismus", der von der Erkenntnis lebt, dass Menschen oft die langfristigen Konsequenzen ihres Verhaltens nicht übersehen - wenn sie zum Beispiel rauchen. Thaler arbeitete in Chicago eng mit dem Psychologen Daniel Kahneman zusammen, der 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Die Forschungen Thalers haben weitreichende praktische und politische Bedeutung. Sie erleichtern das Verständnis vom Umgang der Menschen mit Risiken und damit von irrationalen Finanzmärkten und ihren Krisen: Investoren sind bereit, langfristig Risiken einzugehen, die sie kurzfristig immer meiden würden. Bereits im Jahr 2008 ließ sich der damalige britische Premierminister David Cameron von Thaler beraten; es ging unter anderem darum, wie man die Bürger des Vereinigten Königreichs dazu bringt, weniger zu essen und zu saufen. US-Präsident Barack Obama richtete noch gegen Ende seiner Amtszeit ein "Social and Behavioral Sciences Team (SBST)" ein, das mit den Ideen von Richard Thaler arbeitete. Ein Projekt des Teams bestand darin, in der Industriestadt Flint (Michigan) wieder das Vertrauen der Bevölkerung herzustellen, nachdem dort eine massive Kontamination des Trinkwassers mit Blei entdeckt worden war. Die Gründerin von SBST, Maya Shanka, ist heute erste Beraterin der Vereinten Nationen für Verhaltenswissenschaften.

Anders als die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden geht der Wirtschaftspreis nicht auf das Erbe des Erfinders und Unternehmers Alfred Nobel zurück, sondern wurde im Jahr 1968 von der Schwedischen Reichsbank anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens gestiftet. Über die Vergabe entscheidet ein Komitee der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Um dessen Entscheidung gibt es immer wieder heftige politische Debatten.