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Forum:Wer rechnen kann, muss handeln

Grüne Investitionen lohnen sich, erst recht mit Blick aufs Risiko. Klimaschutz gewinnt deshalb als Wirtschaftsfaktor an Bedeutung - befeuert auch durch die Pandemie.

Von Michael Diederich

"Flatten the curve"? Zwischenzeitlich schien das eine leichte Übung: Covid-19 zog ein, der Finanzminister zog die "Bazooka" und die Bevölkerung zog mit. Doch mit dem Herbst fielen nicht nur die Blätter, sondern auch die Illusionen. Derzeit führt uns die sogenannte zweite Welle deutlich vor Augen: Resilienz ist kein Sommermärchen. Die Pandemie ist ein Dauerrisiko, dem wir uns stellen müssen - und die Generalprobe für weitaus größere Risiken: Die Klimaforschung spricht mit einer Perspektive von hundert Jahren bereits vom "Verwüstungs-Anthropozän", das genauso schlimm werden könnte, wie es klingt.

Wenn schon ein nanomillimetergroßes Virus solch immense Schäden anrichtet, wie wird uns dann erst der globale Klimawandel treffen? Welche Widerstandskräfte werden wir brauchen, um die Klimakurve zu glätten? Und wann fangen wir damit an?

Es ist ernst. Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 ist klar, dass die Weltwirtschaft keine weitere "Ewigkeit" mehr auf fossilen Rohstoffen basieren kann. Das Jahr 2050 mit seinen Klimazielen mag noch weit sein. Aber schon jetzt kann niemand mehr leugnen: Jede Art von Volltanken-, Vollgas- und Voll-Egal-Strategie wird zur existenziellen Gefahr, und zwar nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die globale Wirtschaft.

Die traditionellen Anlagestrategien einfach nur weiterzuführen, verspricht deshalb auch nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Risiken. Die Corona-Krise hat quasi über Nacht ein tiefes Investitionsloch in die Energiebranche gerissen. Der Ölpreis fiel extrem, kurzzeitig waren die Kurse sogar negativ. Und ohne Staatshilfen wäre manches Traditionsunternehmen nicht über den Sommer gekommen. Klimaschutz muss deshalb jetzt als Wirtschaftsfaktor an Bedeutung gewinnen.

Michael Diederich, 55, ist seit Anfang 2018 Chef der Hypo-Vereinsbank in München. Zuvor arbeitete er - mit einer kurzen Unterbrechung - bereits mehr als 20 Jahre für die Unicredit-Tochter, zuletzt als Vorstand für Firmenkunden und Investmentbanking.

(Foto: HVB)

Die EU-Kommission hatte schon zuvor die Initiative ergriffen: Bis 2030 verspricht der "Green Deal" ein öffentlich finanziertes Investitionsprogramm von einer Billion Euro. Es ist gedacht als Anschubfinanzierung für die große Transformation zu einem klimaneutralen Europa. In Summe werden bis 2030 rund drei Billionen Euro gebraucht. Auch die Europäische Investitionsbank hat sich bereits Ende 2019 als "Klimabank" positioniert und will ab 2021 nur noch Projekte fördern, die CO₂-neutral sind.

Es ist also nur folgerichtig, dass Deutschland Anfang September erstmals eine grüne Staatsanleihe ausgegeben hat, mit einem Volumen von 6,5 Milliarden Euro und einer Laufzeit von zehn Jahren. Ungeachtet der Corona-Krise hatte dieser Bond einen überaus erfolgreichen Markteintritt und bewies damit, dass Investoren auf solche richtungsweisenden Maßnahmen nur gewartet haben.

Unicredit war bei diesem historischen Schritt als Joint Bookrunner von Anfang an dabei. In der Koalition der Klimawilligen im Rahmen einer europäischen Nachhaltigkeitswirtschaft verstehen wir uns als "Green Banking"-Partner. Und das aus tiefster innerer Überzeugung: Schon seit 2004 bietet Unicredit über die Hypo-Vereinsbank eine nachhaltige Vermögensverwaltung an und war bereits 2007 präsent, als die Europäische Investitionsbank die damals erste grüne Anleihe überhaupt auf den Markt brachte.

Im Einklang mit dem langfristigen Engagement von Unicredit für Nachhaltigkeit sind die ESG-Kriterien zu Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungs-Standards integraler Bestandteil und zentrales Element unserer Geschäftsstrategie. So tragen wir nicht nur zur Bekämpfung des Klimawandels und zum Schutz der Umwelt bei, sondern erhöhen auch die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft insgesamt. Auf diese Weise sind wir seit 15 Jahren treibende Kraft im umfassenden Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Das ist nicht allein eine Frage des sozial- und umweltpolitischen Verantwortungsgefühls, sondern auch der ökonomischen Vernunft. Denn grüne Investitionen dürften sich rechnen, und zwar auch und gerade, wenn man sie durch die Risikobrille betrachtet.

Covid-19 hat uns gezeigt, wie teuer uns das - von Experten längst vorhergesagte - Pandemie-Risiko zu stehen kommen kann. Wir erleben gerade die schwerste Weltwirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg und wissen nicht, wie lange und wie stark uns diese Situation noch bremsen wird. Selbst wenn es gelingt, das aktuelle Virus zu besiegen, wartet um die Ecke schon das nächste: Auf HIV folgte Ebola folgte SARS folgte Covid. Was kommt als nächstes? Und um wie viel größer fällt das Klimarisiko aus? Wie teuer werden die Auswirkungen von schmelzenden Gletschern, steigenden Meeresspiegeln und zunehmenden Wetterkatastrophen? Wer rechnen kann, muss handeln.

Um das Engagement für Nachhaltigkeit weiter zu bekräftigen, hat sich Unicredit konkrete ESG-Ziele gesetzt. Wir haben uns verpflichtet, die Finanzierung des thermischen Kohleabbaus vollständig aufzugeben und die Unterstützung für kohlebefeuerte Stromerzeugung bis 2023 einzustellen. Konzernweit streben wir außerdem eine 25-prozentige Erhöhung des Engagements bei erneuerbaren Energien sowie einen Anstieg der energieeffizienten Darlehen an Kunden an, mit dem Ziel, in Europa, dem Nahen Osten und Afrika unter die Top Fünf bei kombinierten grünen Anleihen und ESG-gebundenen Darlehen zu kommen.

Der Finanzsektor wird eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele spielen. Banken unterstützen den öffentlichen Sektor und helfen bei der Finanzierung der Wirtschaft - gerade auch jetzt in der Krise durch staatliche und eigene Darlehen. Wenn wir dabei auf nachhaltigere Finanzierungsquellen umstellen, kann das von zentraler Bedeutung sein. Dann kann es gelingen, dass in der Krise nicht nur kurzfristig und notdürftig gerettet, sondern auf lange Sicht klug investiert wird. Das stärkt die Handlungsfähigkeit und zugleich die Wirtschaftlichkeit. So kann aus der wissenschaftlichen und unternehmerischen Stärke Deutschlands und Europas die Kraft erwachsen, sich neue, große Geschäftsfelder zu erschließen.

Der Markt für jede Art von Investments mit ESG-Bezug wächst auf Nachfrageseite fast schneller als auf Anbieterseite. Sobald die von der EU-Kommission im Frühjahr vorgelegten neuen Standards umgesetzt sind, haben Anleger endlich auch die Sicherheit, nicht nur oberflächlich grün eingefärbten Wertpapieren aufzusitzen, sondern tatsächlich auf eine zukunftsfähige emissionsarme Wirtschaft zu bauen. Diese muss gegenüber den erwartbaren Krisen des 21. Jahrhunderts widerstandsfähig sein. Dann bleiben Mensch und Umwelt gesund - und genauso auch unsere Wirtschaft.

© SZ/sry
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