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Wirtschaftsanwalt Feigen über Justiz:"Der Managerberuf ist gefahrengeneigt"

SZ: Braucht jeder Manager bald seinen eigenen Anwalt?

Feigen: Natürlich nicht! Keiner will eine Lähmung des Managements. Viele Unternehmen leisten sich im Übrigen große und qualifizierte Rechtsabteilungen, um sich bei wichtigen Entscheidungen abzusichern. Und bestimmt nicht nur wegen drohender Ermittlungen, sondern auch deshalb, weil auch Aktionäre immer öfter den Klageweg beschreiten.

SZ: Es gibt aber auch immer mehr Anlässe dazu.

Feigen: Das stimmt nicht. Es kann auch nicht sein, dass jede Unternehmungsentscheidung strafrechtlich oder zivilrechtlich überprüft wird. Es können nicht Schäden mit Straftaten gleichgesetzt werden. Jede Unternehmensentscheidung trägt ein gewisses Risiko in sich und kann deshalb negative Auswirkungen haben. Nicht zuletzt lag der Mut zum Risiko dem deutschen Wirtschaftswunder nach dem Krieg zugrunde. Unternehmensführer, die keinerlei Risiko eingehen wollen, sind kaum vorstellbar und auch nicht wünschenswert.

SZ: Die Vorstände sind in der Regel doch sowieso gut versichert.

Feigen: Das ist ein Trugschluss. Die Versicherungen, die für Manager abgeschlossen sind, zahlen vielfach nicht oder nur nach endlosen Verhandlungen.

SZ: Viele Menschen haben aber den Eindruck, dass die Justiz die Großen laufen lässt und die Kleinen hängt.

Feigen: Das ist grober Unfug. Man kann eher von einem Prominenten-Malus sprechen. Auch das hängt wiederum mit der Berichterstattung in den Medien und dem bisweilen hierdurch entstehenden Erwartungsdruck auf Staatsanwaltschaften und Gerichte zusammen. Im Übrigen: Ich habe es noch nicht erlebt, dass man den Pförtner einsperrt und den Vorstandsvorsitzenden laufen lässt.

SZ: Zu Ihren Mandanten gehören so eckige Typen wie die früheren Chefs von Bahn und Porsche, Hartmut Mehdorn und Wendelin Wiedeking. Wird es solche Typen nicht mehr geben, weil Manager immer vorsichtiger werden?

Feigen: Der Managerberuf ist sicherlich in gewisser Weise "gefahrengeneigt". Aber es wird immer wieder solche Unternehmerpersönlichkeiten geben, die mit Umsicht, aber auch mit Mut zum Risiko vorangehen und vieles bewegen.

Zur Person:

Hanns W. Feigen, 61, ist einer der bekanntesten deutschen Strafverteidiger. Er hat den früheren Post-Vorstandschef Klaus Zumwinkel vertreten, der wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand. In der Spitzelaffäre bei der Telekom vertrat Feigen ebenfalls Zumwinkel, der dort Aufsichtsratschef war. Das Verfahren gegen Zumwinkel wurde eingestellt. Für den ehemaligen Infineon-Chef Ulrich Schumacher, der wegen Korruption angeklagt war, erwirkte Feigen einen Freispruch. Früher verhandelte er für den Chemiekonzern Bayer im Lipobay-Skandal und vertrat die Bahn im Zusammenhang mit der ICE-Katastrophe bei Eschede. Auch Bank-Manager zählen zu den Mandanten des Frankfurter Anwalts.

© SZ vom 29.06.2010/stl/mel
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