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Wirtschafts-Köpfe 2012: Anshu Jain:Hauptwohnsitz Flugzeug

Er isst kein Fleisch, hat nicht mal einen Aktenkoffer, dafür aber ein Talent zum Profitmachen: Anshu Jain folgt auf Josef Ackermann und wird der erste Chef der Deutschen Bank, der kein Deutsch spricht. Die Krise wird sein Stresstest.

Kommt er oder kommt er nicht? Das ist eine der am häufigsten gestellten Fragen in der Frankfurter Bankenszene zum neuen Jahr. Gemeint ist Anshu Jain, 48, und gemeint ist nicht, ob er mal vorbeischaut, sondern ob er umzieht, mit Sack und Pack und Familie, seinen Hauptwohnsitz von London nach Frankfurt verlagert. Die Antwort auf die Frage hat großen symbolischen Charakter: Es geht darum, ob der neue - und erste nicht deutschsprachige - Co-Chef der Deutschen Bank bereit ist, sich ganz auf Deutschland einzulassen. Zweifel waren bisher erlaubt. Obwohl er 13 Jahre Zeit hatte, sich auf den Job vorzubereiten, spricht er immer noch nicht Deutsch.

Im abgelaufenen Jahr stand noch eine andere Frage im Mittelpunkt: Wird er's oder wird er's nicht? Jain, der "Regenmacher", der als Investmentbanking-Chef jahrelang für Milliardengewinne gesorgt hatte, war als Favorit für die Nachfolge von Josef Ackermann ins Jahr gestartet - und musste sich gedulden. Denn im Februar trat Bundesbank-Chef Axel Weber zurück, und Ackermann sprach sich für ihn als Nachfolger aus. Jain schien weg vom Fenster, bis Weber im Juli verkündete, er werde zur Schweizer UBS wechseln. Jetzt führte an Jain kein Weg mehr vorbei. Allerdings: Man stellte ihm als Co-Vorstand Deutschland-Chef Jürgen Fitschen zur Seite. Und Ackermann deutete an, Aufsichtsratschef werden zu wollen. Keine Ideal-Kombination für Jain.

Das Warten hat sich gelohnt. Im November gab Ackermann seine Aufsichtsratspläne auf, und so kann Jain von Mai an in frischer Kombination durchstarten: Das Verhältnis zum neuen Oberaufseher, dem bisherigen Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner, ist unbelastet, Co-Chef Fitschen hat nur noch drei Jahre Vertrag. Die Weichen sind gestellt, dass Jain zum neuen "Mr. Deutsche Bank" werden kann - wenn er den Stresstest schafft und die Bank sicher durch die Krise bringt. Die Deutschen bekommen einen ungewöhnlichen Top-Manager, der statt Aktenkoffer Rucksack trägt und sich fleischlos ernährt. Bei der Google-Suche sind die ersten beiden Einträge hinter seinem Namen "Rucksack" und "Veganer", gefolgt von "Gehalt 2010".

Die Frage, ob Jain nach Frankfurt kommt, könnte salomonisch entschieden werden. Wie es heißt, wird er es machen wie Ackermann: Der hatte eine Stadtwohnung in Frankfurt, Hauptwohnsitz aber blieb Zürich. Jains Frau und Tochter dürften in London bleiben, der Sohn studiert in den USA. Es wird Jain ohnehin ähnlich ergehen wie seinem Vorgänger, der sagte: "Mein Hauptwohnsitz ist das Flugzeug."

© SZ vom 31.12.2011/jab
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