Wirtschaft und Toleranz In der Wirtschaft gibt es einen enormen Konformitätszwang

Völlig unterschiedliche Unternehmen, aber alle reden gleich. Wichtiger als alles andere ist es hier, den Stereotypen zu entsprechen. Wenn irgendetwas dann nicht in dieses Mind-set passt, interessiert es nicht. Darum schläft ein Manager, wenn er mit seiner Frau in den Kammerspielen sitzt, weil sie ihn dazu gezwungen hat, fast ein. Das, was auf der Bühne passiert, hat eben mit der Welt, auf die er eingenordet ist, nichts zu tun. Ein Begriff, der diesen Konformitätszwang exemplarisch symbolisiert, ist die sogenannte Corporate Identity. Sie soll die Identität eines Unternehmens definieren, auf die die Mitarbeiter eingeschworen werden sollen.

Meistens ist das ein kurzer Text, der früher an der Wand hing und heute vielleicht im Intranet steht - den aber kaum jemand wahrnimmt ...

Aber kein Mensch erschrickt darüber, obwohl Corporate Identity, nimmt man es genau, Leibeigenschaft bedeutet. Spräche man von Corporate Loyalty, würde das die Heterogenität integrieren. Corporate Identity hebt sie auf. Vom Inneren des Unternehmens bis zur Sprache gibt es in der Wirtschaft einen enormen Konformitätszwang.

Warum empört Sie das so?

Weil es da intolerant wird. Weil dieser Konformitätszwang homogenisierend wirkt. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff der Arbeit. Jeder arbeitet heute. Außer jenen, die keine Arbeit bekommen, und jenen, die nicht mehr arbeiten müssen, weil sie alt oder zu reich sind. Die Gesellschaft tut sich mit diesen Gruppen schwer, weil sie mit ihnen nichts anfangen kann. Dazwischen arbeitet alles: der Chef, der Angestellte, selbst das Kapital des Investors. Der Arbeitsbegriff verseucht einfach alles: Da ist von Trauerarbeit die Rede und von Beziehungsarbeit. Wehe, du bist nicht auf Arbeit. Dann bist du raus. Alles, was real ist, ist durch Arbeit vermittelt. Ohne Arbeit, und das heißt auch: ohne Kaufkraft, geht nichts mehr - und den Leuten, die im kapitalistischen Wettbewerb nicht mithalten können, schlägt die nackte Intoleranz entgegen. Wo kommen die denn eigentlich noch vor? Die Künstler etwa? Für die werden dann bestenfalls noch Sonderbereiche geschaffen, kulturelle Zoos, Museen, weil man ahnt, dass dieses Kulturgut irgendetwas wert sein könnte.

Die Kurzformel lautet also: Wirtschaft profitiert von Heterogenität und Toleranz, aber je mehr sie das tut, desto intoleranter wird sie?

Ja, den Eindruck kann man manchmal schon gewinnen. Und das ist absurd. Der wirtschaftliche Erfolg von Heterogenität und Toleranz bemisst sich irgendwann im Bruttoinlandsprodukt. Aber es gehört eben auch zur Ökonomie, dass am Ende etwas Menschenwürdiges dabei rauskommt. Und ich würde sogar noch weitergehen: Es darf nicht nur um das gute Geschäft und tolle Dinge gehen, sondern um die Frage: Kommen dabei ein Weltgefüge und erkennbare und tolerierbare Individuen heraus, die die ganze Geschäftemacherei wert sind? Oder zählt am Ende nur der Ge- und Verbrauchswert der Produzenten und der Konsumenten oder der Ressourcen? Ökonomie ist eben immer auch Kultur, eine politische Ökonomie. Milton Friedman hat gesagt: Wahrheit ist nicht Thema der Wirtschaftswissenschaften. Stattdessen geht es um Nutzen und Effektivität.

Weiß es die Wirtschaftsphilosophie besser?

Als Wirtschaftsphilosoph muss ich sagen: Ihr kommt da nicht raus, Freunde. Ihr arbeitet immer auch an der Bewahrheitung der Welt. Alles, was etwa an Technik erfunden wird, erzählt doch etwas über die Natur der Welt. Desgleichen, wie wir global unsere Beziehungen organisieren und was uns alles einfällt, um unser Dasein zu erwirtschaften. Die Schlussbilanz unserer Epoche ist ja noch nicht erstellt. Noch weiß keiner, in welchem Ausmaß wir uns wirklich belogen oder womöglich insgesamt nur eine große ökonomische Illusion betrieben haben.

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