Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft kompakt:Bodenhaftung in Berlin

Auf den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld streikt für mehrere Stunden das Bodenpersonal, Siemens paktiert mit Gazprom und die Lokführer pochen auf mehr Lohn - das Wichtigste in Kürze.

Auf den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld drohen an diesem Donnerstagnachmittag Verspätungen und Ausfälle. Die Gewerkschaft Verdi hat den Großteil des Bodenpersonals kurzfristig zu einem Warnstreik von 16 bis 19 Uhr aufgerufen.

Hintergrund sind die stockenden Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern GlobeGround Berlin (GGB) und Acciona. Beide Seiten ringen um die künftigen Einkommen der rund 2100 Beschäftigten. Verdi fordert Einkommenserhöhungen bei GlobeGround sowie die Aufnahme der Tochterfirma GSI in die GlobeGround- Tarifverträge. Bei Acciona will die Gewerkschaft Gehaltskürzungen verhindern.

Die GGB-Geschäftsführung schalte auf stur und weigere sich trotz erheblicher Gewinne, ihr mageres Angebot zu verbessern, kritisierte Verdi. Die Gewerkschaft kündigte den Warnstreik erst eine Viertelstunde vor Beginn an und begründete dies mit erheblichen Einschüchterungen Streikender durch die Arbeitgeber und dem Einsatz von Streikbrechern beim vorhergehenden Warnstreik Ende Mai.

Siemens paktiert mit Gazprom

Der Technologiekonzern Siemens will künftig mit dem staatlichen russischen Energiekonzern Gazprom zusammenarbeiten. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten die Vorstandsvorsitzenden beider Unternehmen in St. Petersburg, wie der Münchener Dax-Konzern mitteilte. Siemens und Gazprom wollen bei der Entwicklung von Technologien zur Erdgasverflüssigung (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) kooperieren.

Das gemeinsame Entwicklungsprogramm umfasst den Bau einer LNG-Demonstrationsanlage. Darüber hinaus sei die Fertigung gemeinsamer Komponenten für russische LNG-Anlagen denkbar. Außerdem wollen Gazprom und Siemens gemeinsam den Arbeitsrahmen für die Entwicklung des Shtokman-Gasfelds abstecken. Das Feld Shtokman in der Barentssee ist eine der größten Gaslagerstätten der Welt.

Mehr Geld - und zwar schnell!

Die Lokführer verlangen fünf Prozent mehr Lohn. Die Gewerkschaft GDL sprach von einer moderaten Forderung für rund 23.000 Beschäftigte, da man zugleich einen Branchentarifvertrag für alle Bahnen anstrebe und nicht mehr allein mit der Deutschen Bahn verhandeln wolle. In diesem Ziel ist sich die GDL mit den größeren Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA einig, die auch Regelungen über die rund 125.000 Beschäftigten bei der DB hinaus anstreben.

Die beiden Gewerkschaften hatten bereits ein Tarifpaket von sechs Prozent verlangt. Notfalls würde für einen solchen Vertrag auch gestreikt, hatten sie angekündigt. Die Friedenspflicht gegenüber der Deutschen Bahn läuft Ende Juli aus. Konkurrenten der DB haben in den letzten Jahren vor allem im Regional- und Güterverkehr erheblich aufgeholt. Das Staatsunternehmen hat im Nahverkehr noch einen Marktanteil von rund 80 Prozent, bei der Güterbahn von etwa 75 Prozent. Im Regionalverkehr werden die Aufträge von den Ländern ausgeschrieben.

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat seine Wachstumsprognose für Deutschland im laufenden Jahr spürbar angehoben. Im Jahr 2010 dürfte die deutsche Wirtschaft um 2,1 Prozent wachsen, teilte das Institut mit. Im März hatte die Schätzung mit 1,2 Prozent noch deutlich niedriger gelegen.

Für das kommende Jahr senkte das IfW die Prognose hingegen von 1,8 Prozent auf 1,2 Prozent. Die Finanzpolitik wirke im kommenden Jahr dämpfend, und die Weltkonjunktur werde sich stärker abschwächen als bisher erwartet, heißt es zur Begründung.

Vor allem in der ersten Jahreshälfte 2010 dürfte die konjunkturelle Dynamik in Deutschland deutlich höher gewesen sein als bisher angenommen, begründet das IfW seine Zuversicht für das laufende Jahr. Hierauf deuteten nicht zuletzt wichtige Frühindikatoren hin, die sich zuletzt spürbar verbessert hätten.

Mit der Schuldenkrise hätten aber auch die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung zugenommen, schränken die Forscher ein. "Die hohe Staatsverschuldung in den Industrieländern allgemein stellt wohl das größte Risiko für Konjunktur und Wachstum dar."

Arbeiter bestreiken Toyota-Zulieferer

Erst Honda, jetzt Toyota: Der Autohersteller ist von einem Streik in China betroffen. Möglicherweise werde die Hauptfertigungsstätte in Tianjin ihre Produktion vorübergehend einstellen müssen, berichtete die Zeitung Asahi. Grund dafür sei ein Streik bei einem Zulieferer, der unter anderem Teile für Türen der Kompaktwagen baut und 800 Mitarbeiter beschäftigt. Toyota konnte den Bericht zunächst nicht bestätigen.

Zuvor hatten Arbeiter eines Honda-Zulieferers in Zhongshan ihre Arbeit niedergelegt. Sie forderten mehr Lohn und frei gewählte Gewerkschaften. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao mahnte unterdessen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Millionen von Wanderarbeitern in dem Land an. "Die Regierung und alle Teile der Gesellschaft sollten die jungen Wanderarbeiter so behandeln als wenn es ihre eigenen Kinder wären", sagte Wen dem Parteiblatt Renmin Ribao zufolge.

Wen ist der ranghöchste Politiker, der sich seit Beginn einer Reihe von Protesten gegen harte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne, vornehmlich im Süden des Landes in der Provinz Guangdong, geäußert hat.

Fujitsu und Toshiba bauen Handys

Die beiden japanischen Elektronikriesen Fujitsu und Toshiba wollen ihre Mobilfunksparten zusammenlegen. Dies sieht eine Grundsatzvereinbarung vor. Beide wollen dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit bei Handys und Smartphones steigern. Mit der Fusion entstünde Japans zweitgrößter Hersteller für Mobiltelefone hinter Sharp mit einem Marktanteil von zusammen fast 20 Prozent.

Hintergrund ist eine forcierte Konsolidierung auf Japans heiß umkämpftem Markt für Mobiltelefone. Der Markt ist insgesamt gesättigt, die Nachfrage ist rückläufig. Daher bündeln auch andere Hersteller ihre Kräfte und orientieren sich verstärkt ins Ausland. Jüngstes Beispiel ist ein Zusammenschluss von NEC, Hitachi und Casio.

Fujitsu und Toshiba sehen vor allem Wachstumspotential bei Smartphones und wollen in diesem Segment wettbewerbsfähige Modelle der nächsten Generation herstellen. Zu diesem Zweck soll zum Oktober ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet werden, an dem Fujitsu die Mehrheit halten will. Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden. Ein Vertrag ist für Ende Juli angestrebt.

Japan lockt Ausländer mit Subventionen

Japan will mit Steuererleichterungen und Subventionen ausländische Firmen dazu bewegen, ihre asiatischen Hauptquartiere in das Land zu verlegen. Das berichtete die Wirtschaftszeitung Nikkei.

Es sei Teil einer Wachstumsstrategie, die am Freitag veröffentlicht werden solle. Dazu gehöre auch die Bildung eines Sonderausschusses, der den Export von Atomenergie-Technik und große Infrastrukturprojekte fördern solle.

Senkung der Solarförderung verschoben

Der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat hat seine Beratungen zur umstrittenen Absenkung der Solarförderung auf Anfang Juli vertagt. Der Ausschuss setzte nach Angaben des Bundesrats eine Arbeitsgruppe ein, die Kompromissvorschläge erarbeiten soll. Die Verhandlungen des Vermittlungsausschusses würden am 5. Juli 2010 fortgesetzt, hieß es.

Die Bundesländer wehren sich gegen die von Regierung und Bundestag beschlossene deutliche Kürzung der Solarförderung. Der Bundesrat hatte Anfang Juni den Vermittlungsausschuss angerufen und damit die zum 1. Juli geplante Senkung der Subventionen um 16 Prozent vorerst gestoppt. Die Länder wollen eine weniger starke Kürzung der Förderung durchsetzen, können vom Bundestag in dieser Frage allerdings überstimmt werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.960915
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/dpa/Reuters/AFP/stl/mel/mel
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.