Ostdeutschlands Wirtschaft droht den Anschluss zu verlieren. So schätzt es das Dresdner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ein, das nun den „Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026“ veröffentlicht hat. In Ostdeutschland fehle es vor allem an privaten Investitionen und an Fachkräften. Das behindert aus Sicht der Forschenden das Wirtschaftswachstum in den östlichen Bundesländern. Der Abstand zwischen Ostdeutschland und dem Rest des Landes drohe trotz wachsenden Wohlstands wieder größer zu werden, „wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern“, sagte der stellvertretende Niederlassungsleiter Joachim Ragnitz.
Die privaten Investitionen je Einwohner im Osten haben den Studienautoren zufolge zwischen 2019 und 2023 etwa drei Viertel des Westniveaus erreicht. Abzüglich der Bereiche Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur erreichten die Privatinvestitionen gar nur zwei Drittel des Westniveaus. Ein Grund sei die geringe Größe vieler ostdeutscher Unternehmen. Auch werde weniger gegründet als im Westen. Geringere Forschungsausgaben führten zu weniger Innovationen.
Das liegt laut der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, in den Vermögensunterschieden: „Denn es ist schon so: Wo eigenes Vermögen fehlt, da kann weder investiert noch gegründet werden.“ Unter Verweis auf die Bundesbank heißt es, ostdeutsche Haushalte inklusive Berlin verfügten im Jahr 2023 im sogenannten Median über ein Nettovermögen von 35 900 Euro – im Westdeutschland lag dieser Wert bei 143 200 Euro. Die Ursachen seien vielfältig: niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten sowie Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte und eine schwächere Beteiligung an renditestarken Vermögensformen.
Angesichts anstehender Landtagswahlen und starker AfD-Umfrageergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern warnte der stellvertretende Dresdner Ifo-Chef Ragnitz vor einem negativen Effekt auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts – bezogen auf Fachkräfte und Investitionen. Die Gefahr sei, dass Fachkräfte nicht in Länder mit einer AfD-Regierung gehen oder abwandern und dass Firmen weniger investieren. Das könnte den wirtschaftlichen Aufholprozess dämpfen.
Die erwerbstätige Bevölkerung in Ostdeutschland schrumpft dramatisch
Ein konkretes Risiko für die Region ist außerdem der teils dramatische Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung, wie Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut sagte. Stellenweise schrumpfe ihre Anzahl gemäß den Prognosen um bis zu 25 Prozent – im Schnitt sind es 7 Prozent bis 2035. Die Gefahr: Produktion kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Hinzu komme, dass gut ausgebildete, junge Menschen abwanderten.
„Mir ist jeder einzelne Arbeitsplatz in Ostdeutschland enorm wichtig“, sagte Ostbeauftragte Kaiser, bei der Vorstellung der Studie im Berliner Bundesfinanzministerium. Die Politik müsse gegen das schwindende Vertrauen in die Politik angehen. Es gehe um Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands und Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort. Diese Ergebnisse basieren auf dem „Ifo-Faktenmonitor“. Dieser enthält etwa 250 Kennzahlen zu den wirtschaftlichen Aktivitäten für alle Bundesländer.
Im „Wettbewerbsreport Ostdeutschland“ empfehlen die Ifo-Experten eine ganze Reihe von Maßnahmen, um das Wirtschaftswachstum im Osten anzukurbeln. So müssten Abschreibungsregeln und steuerliche Anreize für Betriebe und die Fachkräftebasis ausbaut werden, auch durch Zuwanderung. Hochschulabsolventen müssten stärker an regionale Unternehmen gebunden und die Förderung von Forschung und Entwicklung ausgeweitet werden. Die Ansiedlung forschungsintensiver Großunternehmen solle gezielt unterstützt werden.
Um die Gründungsdynamik zu erhöhen, müsse der Zugang zu Wagniskapital verbessert werden. Frank Nehring, Mitherausgeber des Wettbewerbsreports, sagte, statt eines Aufholprozesses solle man lieber von „Zukunftsregionen“ sprechen.
