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Coronavirus und Weltwirtschaft:Banger Blick nach Peking

(200222) -- SHIJIAZHUANG, Feb. 22, 2020 -- A worker disinfects a vehicle at the Jingtang port area of Tangshan Port, nor

Lkw-Desinfektion im Hafen von Jingtang: Chinas Außenhandel leidet, und damit auch der Welthandel.

(Foto: imago images/Xinhua)
  • Chinas Wirtschaft ist wegen des Coronavirus in arger Bedrängnis und diese Unwucht erfasst die Weltwirtschaft.
  • Die Volksrepublik ist ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Firmen, vor allem die in China tätigen Unternehmen haben zu kämpfen.
  • Wann geht es wieder bergauf? Die kommenden Wochen werden entscheidend sein.

Von Christoph Giesen, Hongkong

Das Schicksal der chinesischen Wirtschaft ist nun komprimiert in einer Zahl, dem sogenannten Production Activity Tracker. Ende Februar hat ihn die staatlich kontrollierte Investmentbank China International Capital Corporation eingeführt. In New York an der Wall Street schauen sie inzwischen darauf, genauso wie im Hongkonger Finanzdistrikt. PAT kürzen die Analysten den neuen Index ab. PAT ist entscheidend für China und die Welt.

Wann endlich springt die chinesische Wirtschaft wieder an? Wann arbeiten die Fabriken in der Volksrepublik wieder unter Volllast? Wann stehen die Wanderarbeiter wieder am Band, so wie noch Mitte Januar, bevor die Coronavirus-Krise die Rückkehr der Menschen aus den Frühlingsfestferien verhinderte? Die Unwucht in der Volksrepublik hat längst die Weltwirtschaft erfasst: Kaum eine Lieferkette, kaum ein Produkt, das ohne Beteiligung aus China gefertigt und verkauft werden kann. Smartphones genauso wie dringend notwendige Medikamente. Die amerikanische Arzneimittelbehörde warnt deshalb bereits vor Engpässen. Auch skurrile Probleme stellen sich ein: In Japan etwa herrscht derzeit ein Mangel an Grabsteinen, 90 Prozent der Marmorbrocken werden aus China importiert. Die meisten Steinmetzbetriebe haben jedoch ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen.

Bei mehr als 70 Prozent steht der PAT-Index aktuell. Eingerechnet werden der Kohleverbrauch, die Arbeitsmigration, die Logistik und der städtische Verkehr. Also alles wieder auf dem richtigen Weg? Das größte Problem sind die kleinen und mittleren Unternehmen in China. Restaurants, Buden, Läden und Hinterhofwerkstätten. Die meisten dieser Betriebe haben kaum finanzielle Reserven. Jedoch haben gut 55 Prozent davon ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen, teilte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie mit. Was also, wenn es zu großflächigen Insolvenzen im chinesischen Mittelstand kommt? Millionen plötzlich arbeitslos werden? Und viele Lieferketten gesprengt werden, weil wichtige Glieder wegfallen? Die kommenden Wochen, das steht fest, sind entscheidend.

Die vergangenen Wochen, das ist ebenfalls sicher, waren katastrophal: Am Samstag legte die Pekinger Zollverwaltung erstmals seit dem Ausbruch der Lungenkrankheit Handelszahlen vor. Demnach sackten Chinas Exporte im Januar und Februar im Vergleich zu den ersten zwei Monaten des Vorjahres um 17,2 Prozent auf 292,45 Milliarden Dollar ab. Die Einfuhren gingen um vier Prozent auf 299,54 Milliarden Dollar zurück. Insgesamt schrumpfte der Außenhandel damit um elf Prozent. Der Rückgang im Außenhandel ist nach Angaben der Zollverwaltung "hauptsächlich auf die Auswirkungen des Ausbruchs des Coronavirus und die Frühlingsferien zurückzuführen".

Eine schwächelnde Wirtschaft in China hat auch für Deutschland Folgen. Die Volksrepublik ist ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Firmen. Im vergangenen Jahr lag das Exportvolumen bei 96 Milliarden Euro. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist seit 2015 auch das Land, aus dem die meisten Importe nach Deutschland kommen. Vor allem die in China tätigen deutschen Unternehmen haben zu kämpfen. "Die Auswirkungen sind insgesamt schlimm", stellten die deutsche und die europäische Handelskammer in China nach einer Umfrage unter Mitgliedsunternehmen Ende Februar fest. Fast 90 Prozent der Firmen berichteten von "mittelschweren bis starken Auswirkungen" durch die Lungenkrankheit.

Manche Analysten vergleichen Smogwolken und schauen sich Feinstaubtabellen an

Noch schlimmer als den Außenhandel traf es den chinesischen Automarkt, der von deutschen Konzernen dominiert wird. Nach Daten des chinesischen Automobilverbandes sank der Absatz im Vergleich zum Vorjahresmonat um 80 Prozent. In den ersten 16 Februartagen wurden landesweit genau 4909 Autos verkauft, im Schnitt also 307 Fahrzeuge in 24 Stunden. Normalerweise dauert es statistisch keine siebeneinhalb Minuten, um so viele Wagen in China, dem eigentlich größten Automarkt der Welt, abzusetzen.

Nun also schaut das Land gebannt auf den PAT-Index. Einzig und alleine mag sich allerdings kaum jemand darauf verlassen. Manche Analysten haben damit begonnen Satellitenbilder auszuwerten. Sie vergleichen Aufnahmen von Smogwolken und schauen sich Feinstaubtabellen an. Bis hoch zum Regierungschef reicht schließlich das Misstrauen gegenüber chinesischen Zahlen. 2007, als der heutige Premierminister Li Keqiang noch Parteisekretär der Provinz Liaoning an der nordkoreanischen Grenze war, erzählte er amerikanischen Diplomaten einmal, dass er den offiziellen Daten nicht traue. Er schaue sich stattdessen lieber drei andere Indikatoren an: den Energieverbrauch, die Kreditvergaben und die Eisenbahnfrachttonnen. Als Ende 2010 mit der Veröffentlichung der amerikanischen Botschaftsdepeschen Lis Misstrauen bekannt wurde, widmete der Economist Li einen eigenen Keqiang-Index.

Dass auch die neusten Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt das Beispiel Zhejiang. Wie das chinesische Wirtschaftsmagazin Caixin recherchierte, wurde in der ostchinesischen Provinz in den vergangenen Wochen offenbar kräftig geschummelt. In Fabriken und Büros brannte das Licht, obwohl niemand am Arbeitsplatz war, Klimaanlagen und Maschinen surrten den ganzen Tag, Dienstpläne wurden gefälscht, Fabrikarbeiter gar darin geschult, Inspektoren zu täuschen, alles nur, damit Unternehmen rosigere Statistiken an die lokalen Verwaltungen weitergeben können.

Mancherorts ordneten Provinzbeamte an, dass Firmen auch am Wochenende ihre Geräte laufen lassen sollten und Computer eingeschaltet bleiben. Denn in der Hauptstadt wird der Stromverbrauch als Richtgröße genommen, ob die Industrie wieder am Arbeiten ist. Zhejiang wurde von der Propaganda mehrfach als Musterprovinz gelobt. Bereits am 24. Februar hieß es, habe die Wiederaufnahmequote in Zhejiang mehr als 90 Prozent betragen. Offenbar eine geschönte Statistik.

© SZ vom 09.03.2020/fued
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