Wirecard Wirecard-Chef gibt Fehler zu

Alexander von Knoop (li.), Finanzchef von Wirecard und Vorstandschef Markus Braun bei der Bilanzpressekonferenz an diesem Donnerstag.

(Foto: REUTERS)
  • Wirecard-Chef Markus Braun äußerte sich im Rahmen der Bilanzpressekonferenz zu den Spekulationen, die es rund um das Unternehmen zuletzt gab.
  • Braun räumt einige Fehler ein, sagt aber auch, dass es "kein strafrechtliches Vergehen" gab.
  • Unterdessen gibt es in Medienberichten neue Vorwürfe gegen Wirecard.
Von Harald Freiberger und Nils Wischmeyer

Markus Braun ist überpünktlich. Bereits zehn Minuten vor Beginn der Bilanzpressekonferenz schreitet der Wirecard-Chef am Donnerstag über den rötlichen Teppich im NH-Hotel, direkt gegenüber der Zentrale in Aschheim. Er prüft kurz das Podium, schaut auf sein Handy. Nichts soll mehr schiefgehen. Denn für Braun geht es heute um mehr als nur um Zahlen.

Es geht um das Vertrauen in sein Unternehmen, das zuletzt hart in der Kritik stand - und es geht für Braun um Millionen von Euro. Immerhin hält er sieben Prozent an Wirecard. Bevor also die Zahlen zum Thema werden, spricht Braun über das, was alle vor Ort interessiert: die Vorwürfe der Bilanzmanipulation, des Betrugs und sogar der Geldwäsche. Oder wie Braun es formuliert: "Ich möchte über den Elefanten im Raum sprechen."

Als er anfängt zu reden, stellt er sich an den Rand der kleinen Bühne und wackelt von einem Bein aufs andere und sagt, dass er sich "an die mediale Aufmerksamkeit erst gewöhnen" müsse. Bei der letzten Bilanzpressekonferenz waren sechs Journalisten da, nun sind es rund 60, dazu zehn Fotografen, deren Auslöser unablässig rattern.

Die gesteigerte Aufmerksamkeit hat mit Problemen des Unternehmens in Asien zu tun. Am 30. Januar hatte die Financial Times erstmals über mögliche Missstände bei Wirecard berichtet. Umsätze seien doppelt gebucht und Verträge falsch datiert worden. Die Aktie fiel daraufhin um bis zu 40 Prozent. Wirecard wies die Vorwürfe als "falsch und diffamierend" zurück. Mehrere Artikel und neue Vorwürfe, auch von anderen Medien, folgten. Die Finanzaufsicht Bafin verhängte zwei Monate lang ein Leerverkaufsverbot: Anleger durften nicht mehr auf einen fallenden Kurs der Wirecard-Aktie wetten. Das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben.

"Wir haben Qualitätsmängel, insbesondere bei der buchhalterischen Qualität"

Mehr als acht Wochen nach dem ersten Artikel in der FT gibt sich Markus Braun erstmals geläutert. "Wir haben Qualitätsmängel, insbesondere bei der buchhalterischen Qualität." Die Mängel habe es im Bereich der Softwarelizenzen gegeben, der aber nur einen kleinen Teil des gesamten Geschäfts ausmache. Verträge seien teils falsch oder zur falschen Zeit verbucht worden. In den vergangenen Jahren sei man sehr stark gewachsen, habe in viele Märkte investiert, sei aber mit den Prozessen nicht immer hinterhergekommen. Dann wird Braun gefragt, ob er Fehler gemacht habe. Der schnauft erst einmal ins Mikrofon, dann sagt er: "Wir haben in den letzten sechs bis acht Wochen Fehler gemacht, das ist unumstritten." Er meint den Umgang mit der Affäre.

Es ist das erste Schuldeingeständnis von Markus Braun. Bisher wies Wirecard die Berichte stets zurück, nannte sie falsch und ging sogar rechtlich dagegen vor. Die Einsicht von Braun hat freilich Grenzen. "Es gab aber kein strafrechtliches Vergehen", betont er. Auch "vorsätzliches Handeln" sei nicht festgestellt worden. Generelle Probleme will er aus den Vorfällen nicht ableiten.

"Es gab keine materiellen Auswirkungen"

Braun betont, dass alle Nachforschungen der internen wie auch der externen Prüfer nichts zu Tage gefördert hätten, was die Bilanz belaste. "Es gab keine materiellen Auswirkungen", sagt er. Auch Rajah & Tann, die Anwaltskanzlei, die WIrecard engagiert hatte, um die Vorwürfe aufzuklären, habe nichts Signifikantes gefunden. Darüber hinaus kündigte Braun eine Taskforce an, die alle Prozesse verbessern soll, besonders zwischen der Zentrale und den Töchtern im Ausland.

So viel zum Elefanten im Raum. Dann kam Braun endlich auf das Thema, mit dem er sich lieber beschäftigt: Die Zahlen für 2018 fielen gut aus, der Umsatz stieg um 35 Prozent auf zwei Milliarden Euro, der Konzerngewinn um 37 Prozent auf 560 Millionen Euro.

Sind die Chaostage bei Wirecard also vorbei? Alles gut in Aschheim? Nicht ganz, noch immer ermittelt eine Spezialeinheit in Singapur wegen diverser Vergehen gegen Wirecard-Mitarbeiter und verbandelte Firmen. Die Ermittler haben mehr als 200 Kisten an Material eingesammelt, die sie nun durcharbeiten müssen. Das wird noch dauern.

Auch hat der Konzern den endgültigen Bericht von Rajah & Tann nur in einer Zusammenfassung vorgelegt - er macht sich damit weiter angreifbar. Geplant ist eine vollständige Veröffentlichung auch in Zukunft nicht. "Wir dürfen das nicht", behauptet Braun und begründet es mit Rechten von Dritten, die davon berührt würden. Aus dem Bericht lasse sich auf Personen schließen. Klammere man diese Stellen aber aus, sei der Bericht nicht mehr verständlich.

Am Vortag hatte die Financial Times zudem einen neuen kritischen Artikel veröffentlicht. Der Vorwurf: Der Gewinn bei Wirecard sei zum großen Teil von drei "undurchsichtigen Firmen" gekommen, die in Dubai, Singapur und auf den Philippinen sitzen und nicht von einem Wirtschaftsprüfer testiert worden seien. Braun widersprach diesen Vorwürfen: "Alle unsere Firmen sind geprüft", sagte er. Man könnte alle Abschlüsse auf der Internetseite nachlesen. Und dass 80 oder 90 Prozent der Gewinn von nur drei Partner kämen - "das stimmt nicht".

Dann verlässt Braun schnell den Raum Rom/Paris im NH Hotel, nimmt das Headset vom Ohr, der nächste Termin wartet: Der Wirecard-Chef muss seine Geschichte vom Elefanten im Raum den Investoren erzählen.

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