bedeckt München 20°

Flucht von Ex-Wirecard Vorstand Marsalek:Falsche Spur auf die Philippinen

Aufenthaltsort unbekannt: Jan Marsalek, der frühere Wirecard-Vorstand.

(Foto: oh)

Wo ist Jan Marsalek? Der ehemalige Vorstand von Wirecard ist untergetaucht. Einer der ersten Hinweise nach Manila führte in die Irre.

Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Jan Marsalek, früherer Wirecard-Vorstand mit Kontakten in aller Welt, taucht unter, nachdem Mitte Juni das Unternehmen implodierte, weil klar wurde, dass 1,9 Milliarden Euro in den Bilanzen und womöglich ein Großteil des Asiengeschäfts gar nicht existieren - und dann führt die erste Spur, die öffentlich wird, direkt zu ihm.

Wo ist Marsalek? Das wüssten der neue Wirecard-Vorstand, die Insolvenzverwalter und die Staatsanwaltschaft München gerne.

Jetzt ist zumindest klar: Auf den Philippinen, wie es zunächst geheißen hatte, war der 40-Jährige auf seiner Flucht offenbar nie. Und ist von dort wohl auch nicht weiter nach China gereist. Die Spur führt in die Irre.

Die Daten, die Marsaleks Einreise am 23. Juni und seine Ausreise am nächsten Tag dokumentieren sollen, seien gefälscht, sagte der philippinische Justizminister Menardo Guevarra am Samstag. Dies habe eine Untersuchung der Aufnahmen von Überwachungskameras, Passagierlisten und anderem Material ergeben.

"Die Beamten der Einwanderungsbehörde, die diese fiktiven Einträge vorgenommen haben, wurden von ihren Aufgaben entbunden und müssen nun mit verwaltungsrechtlichen Strafen rechnen", sagte Guevarra, ohne die genaue Zahl der Mitarbeiter zu nennen. Er habe weitere Ermittlungen in dem Fall angeordnet.

Guevarra hatte bereits kurz nach der angeblichen Einreise Marsaleks von Auffälligkeiten gesprochen - -der Manager war auf keiner der Überwachungskameras am Flughafen zu sehen. Trotzdem könne er nicht völlig ausschließen, dass Marsalek im Lande sei, sagte der Politiker. "Wir sind ein Inselstaat, und es gibt Schlupflöcher, durch die Ausländer unbemerkt schlüpfen können." Nach Angaben Guevarras war Marsalek früher im Jahr auf den Philippinen gewesen - vom 3. bis 5. März.

Die Philippinen stehen im Fokus der Affäre, da die fehlenden 1,9 Millarden Euro angeblich auf Treuhandkonten zweier Banken in dem Land geparkt waren. Allerdings hatten die betroffenen Banken Mitte Juni öffentlich gemacht, dass die Kontounterlagen gefälscht seien und nie eine Geschäftsbeziehung zu Wirecard bestanden habe.

Wirecard soll bereits seit 2014 getrickst haben

Nach dem verweigerten EY-Testat fiel die Verteidigungsstrategie von Wirecard MItte Juni binnen Stunden in sich zusammen. Noch nie in der Geschichte des DAX ist ein Unternehmen derart schnell abgestürzt. Der Aktienkurs fiel innerhalb weniger Tage von etwa 100 Euro auf zeitweise knapp über einem Euro. Derzeit liegt er bei etwas über drei Euro. Milliarden Euro an Börsenwert wurden vernichtet, Anleger verloren einen Großteil ihres Investments. Partner und Kunden kündigten an, die Geschäftsbeziehungen aufzulösen. Schließlich musste Wirecard Insolvenz anmelden.

Marsalek ist die Schlüsselfigur in dem Bilanzskandal, neben Ex-Vorstandschef Markus Braun, der das Unternehmen aufgebaut hatte und nach außen vertrat. Marsalek, zuständig fürs operative Geschäft, hatte das Asiengeschäft eingefädelt und war vor allem für die zahlreichen Drittpartner zuständig, deren Aktivitäten einen großen Teil des Umsatzes und Gewinns von Wirecard ausgemacht haben sollen.

Inzwischen haben Ermittler Hinweise darauf, dass Wirecard in seinen Bilanzen bereits seit 2014 getäuscht hat. Wohl auch, um den Wert des Unternehmens größer gescheinen zu lassen, als er tatsächlich war und für Investoren attraktiver zu sein. Gegen Braun und Marsalek wird wegen Bilanzfälschung und Marktmanipulation ermittelt. Doch während Braun sich der Staatsanwaltschaft stellte und gegen eine Millionenkaution auf freien Fuß gesetzt wurde, wird Marsalek mit Haftbefehl gesucht. Sieht so aus, als würde die Suche nach ihm noch kompliziert.

© SZ.de/dpa/Reuters/olkl/leja

SZ Plus
Wirecard
:Catch me if you can

Jan Marsalek, Ex-Vorstand von Wirecard, wird weltweit gesucht. Ihn zu schnappen dürfte allerdings länger dauern. Denn der Wirecard-Mann hat Geld, Kontakte - und ist skrupellos genug.

Von Christoph Giesen, Klaus Ott, Nicolas Richter, Jörg Schmitt, Jan Willmroth und Nils Wischmeyer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite