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Nach Bilanzskandal:Wirecard erlöst mehr als 300 Millionen Euro

Aschheim Firmenzentrale der Wirecard AG, 24.07.2020, Aschheim bei Muenchen Firmenzentrale der Wirecard AG in Aschheim be

Die Firmenzentrale der Wirecard AG in Aschheim bei München.

(Foto: imago images/Eibner)

Bei dem Pleite-Konzern kommt mit dem Verkauf des Nordamerika-Geschäfts erstmals viel Geld in die Kasse, das den Gläubigern zugutekommen soll.

Von Klaus Ott

Vier Monate nach der Pleite der Wirecard AG ist Insolvenzverwalter Michael Jaffé der erste große Verkauf eines Konzernteils gelungen. Der Ableger Wirecard North America bringt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung mehr als 300 Millionen Euro in die ziemlich leere Konzernkasse. Das deckt allerdings nur einen kleinen Teil der Schulden, die sich auf insgesamt 3,2 Milliarden Euro belaufen.

Käufer ist das Unternehmen Syncapay Inc., eine US-Holding-Gesellschaft, die sich laut Jaffé auf leistungsstarke Zahlungsdienstleister fokussiert. Der Abschluss der Transaktion steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Aufsichtsbehörden.

Wirecard North America hat in dem Skandalkonzern weitgehend eigenständig agiert, was sich in der Pleite als großer Vorteil erwies. Nach dem bisherigen Stand der Dinge soll der Nordamerika-Ableger nicht in die mutmaßlich kriminellen Geschäfte des untergetauchten Ex-Vorstands Jan Marsalek und seiner Helfer verwickelt gewesen sein. Der deutsche Konzern hatte Wirecard North America im Jahr 2016 von der Großbank Citi erworben. Wirecard North America gibt vor allem vorbezahlte Kreditkarten aus.

Beim Verkauf waren für Insolvenzverwalter Jaffé wohl auch seine seit vielen Jahren sehr guten Kontakte zur Staatsanwaltschaft München I, die im Fall Wirecard wegen Betrugsverdacht in Milliardenhöhe ermittelt, sehr hilfreich. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Insolvenzverwalter im Verlaufe des Verkaufsprozesses bescheinigt, dass nicht geplant sei, die Wirecard-Anteile an Wirecard North America sicherzustellen.

Denn das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen den langjährigen Vorstandschef Markus Braun und andere ehemalige Konzernmanager hatte offenbar die Kaufinteressenten von Wirecard North America aufgeschreckt. Die Staatsanwaltschaft hat im August das Privatvermögen von Braun, von anderen ehemaligen Managern sowie von einzelnen Firmen arrestiert. Braun sitzt ebenso wie drei weitere frühere Wirecard-Manager in Untersuchungshaft. Er weist alle Vorwürfe zurück. Das arrestierte Vermögen in Höhe von insgesamt rund 200 Millionen Euro soll den Gläubigern und Geschädigten zugutekommen.

Da auch der Verkaufserlös von Wirecard North America am Ende den Gläubigern zugutekommt, hatte die Staatsanwaltschaft unter Verweis auf die Strafprozessordnung problemlos erklären können, dass hier keine Arrestierung geplant sei. Das wiederum hatte Insolvenzverwalter Jaffé seine Arbeit erleichtert.

Die ersten, noch unverbindlichen Angebote für Wirecard North America sollen noch um einiges höher gewesen sein als die jetzt erzielten mehr als 300 Millionen Euro. Die weltweite Berichterstattung über den Wirecard-Skandal wie auch die Corona-Pandemie erwiesen sich dann aber als große Belastung. Unter diesen Umständen gilt der jetzt erzielte Erlös als großer Erfolg.

Die Konzernteile, die verkauft werden, wollen den Namen Wirecard so schnell wie möglich loswerden

Jaffé war nach der Pleite der Wirecard AG darauf angewiesen, dass die deutsche Finanzaufsicht Bafin Gelder der Konzerntochter Wirecard Bank freigibt, damit der Geschäftsbetrieb fortgesetzt werden konnte. Die Konzernkasse war weitgehend leer. Dass der Betrieb weiterläuft, war und ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass Jaffé werthaltige Konzernteile verkaufen und so Geld zugunsten der Gläubiger in die Kasse holen kann.

Derzeit steht der Verkauf des Kerngeschäfts an, das ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag bringen soll. Aus Gläubigerkreisen ist zu hören, dass ein Gesamterlös von bis zu einer Milliarde Euro schon ein sehr großer Erfolg wäre. Hauptgläubiger sind die Hausbanken von Wirecard und mehrere Investoren. Die Aktionäre wiederum haben mehr als 20 Milliarden Euro an der Börse verloren.

Diejenigen Konzernteile, die verkauft werden, wollen den Namen Wirecard so schnell wie möglich loswerden. Wirecard North America soll in North Lane Technologies umbenannt werden. So heißt die Straße, in der das Unternehmen in Philadelphia einst gegründet worden war.

© SZ
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