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Unstrittener Fonds:Wirecard-Ermittler verzweifeln am Mauritius-Rätsel

Illustration: Stefan Dimitrov

Bereits 2016 gab es erste Zweifel an einem Millionen-Deal in Indien. Wirtschaftsprüfer untersuchten den Fall, wurden aber jäh gestoppt. Hätte der Schwindel rund um Wirecard früher aufgedeckt werden können?

Von Cerstin Gammelin, Berlin, Christoph Giesen, Peking, Jörg Schmitt und Meike Schreiber, Frankfurt

Wem gehört der Fonds mit der eigenwilligen Abkürzung EMIF 1A? Wer verbirgt sich hinter diesem Konstrukt, und wo sind die Millionen geblieben, die 2015 an diese Gesellschaft mit Sitz auf Mauritius überwiesen worden sind? Ist es womöglich das große Sparschwein, in dem der flüchtige Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek Millionen versteckt hat? Kaum eine Frage beschäftigt die Ermittler im Wirecard-Fall so sehr, wie das Mauritius-Rätsel. Und wie sich nun herausstellt, haben Wirtschaftsprüfer bereits 2016 erstmals Zweifel gehabt. Das geht es aus einem bisher geheimen "Informationsband" der Sonderprüfung von KPMG hervor, den die Süddeutsche Zeitung einsehen konnte. Den offiziellen Teil hatte KPMG im April 2020 vorgestellt.

Laut dem Unternehmensregister auf Mauritius wurde Emerging Markets Investment Fund 1A (EMIF 1A) am 10. Februar 2015 in der Hauptstadt Port Louis gegründet. Das Büro befindet sich im fünften Stock in der Barkly Wharf Le Caudan Waterfront, es handelt sich dabei um die Adresse einer der bekanntesten Sekretariatsfirmen der Insel, die Tausende Gesellschaften verwaltet. Die Anteile von EMIF 1A werden von der Firma Emerging India Fund Management Ltd gehalten, die ebenfalls in Port Louis ansässig ist. Wer sich dahinter verbirgt, ist unbekannt.

Gesichert ist nur: Wenige Monate nach der Gründung von EMIF 1A, kaufte der Fonds für 35 Millionen Euro die drei indischen Unternehmen Hermes i Tickets, GI Technology und Star Global, an denen auch Wirecard zuvor Interesse gehabt hatte. Gut vier Wochen später kam Wirecard zum Zug. Kosten: 216 Millionen Euro plus 110 Millionen Gewinnbeteiligungen. Damit sollte Wirecard 326 Millionen Euro für ein Geschäft aufbringen, das kurz zuvor für nur knapp ein Zehntel den Besitzer gewechselt hatte. Überwiesen wurden am Ende 315 Millionen Euro.

Im Mai 2016 meldete sich dann intern beim Rechnungsprüfer EY ein Mitarbeiter des Wirtschaftsprüfers. In einem Brief, verfasst auf Englisch, erhob er schwere Vorwürfe. EMIF 1A, sei ein Vehikel des "Senior Managements", schrieb er. Der Whistleblower beschuldigte auch leitende Wirecard-Manager, den Betriebsgewinn der indischen Unternehmen künstlich erhöht zu haben, um den Kaufpreis zu steigern, der teilweise mit zukünftigen Gewinnen verbunden war. Diese "Earn-Outs" machten ein Drittel des Gesamtpreises aus. Im September 2016 beauftragte der Wirecard-Vorstand den EY-Geschäftsbereich "Assurance, Forensic & Integretiy Service" (EY FIS), die Vorwürfe zu überprüfen. Projektname: "Ring".

Dem vorausgegangen war eine Debatte: Was genau ist unter "Senior Management" zu verstehen? Der Vorstand? Dann hätte der Aufsichtsrat die Untersuchung anordnen müssen. Da aber lediglich der damalige Chefbuchhalter Stephan von E. (der inzwischen in Untersuchungshaft sitzt) namentlich erwähnt wurde, kam man bei Wirecard und deren Anwälten zu dem Ergebnis, dass der Vorstand nicht gemeint sein könne. Elf Monate prüften die Forensiker von EY FIS. "Nach Angabe von EY FIS wurden angefragte Unterlagen seitens der Wirecard AG grundsätzlich verspätet oder gar nicht zur Verfügung gestellt", heißt es in dem Informationsband von KPMG.

Wirecard beurteile die Anschuldigungen als haltlos

Am 3. April 2018 beendete schließlich der damalige Vorstand Jan Marsalek die Untersuchungen. "Wir nehmen zur Kenntnis, dass im Rahmen Ihrer Prüfung und Analyse der Anschuldigungen aus dem Whistleblower-Letter vom Mai 2016 keine Beweise für die Vorwürfe gefunden werden konnten." Wirecard beurteile daher die Anschuldigungen als haltlos und beabsichtige "keine weiteren Investigationen" durchzuführen. Damit war das Projekt "Ring" beendet. Im Prüfbericht zum Jahresabschluss von Wirecard 2017, den EY nur wenige Wochen später vorlegte, fand dies nur kurz Erwähnung. Am Ende gab EY erneut ein uneingeschränktes Testat.

In einem Gespräch mit KPMG im Dezember 2019 gab der zuständige Manager von EY FIS jedoch an, dass die Sonderprüfung auf Wunsch des Mandanten eingestellt worden sei. Es handele sich aus seiner Sicht jedoch um eine nicht abgeschlossene Sonderuntersuchung. Einen Abschlussbericht gab es nie. Dabei hatte EY FIS durchaus Merkwürdigkeiten gefunden: Kurz nach dem Einstieg von Wirecard in Indien wurden auf einmal Domains von mehreren Webseiten verkauft: "Getmytrip.com", "biyahko.com" oder "easeticket.com" wechselten für Millionenbeträge den Besitzer. Die Kaufverträge konnte Wirecard nicht vorlegen. Sollte so der Umsatz der indischen Gesellschaften erhöht werden, um wiederum den Kaufpreis für EMIF 1A zu steigern?

Der letzte Beweis fehlte. Den wollte EY FIS offenbar in den E-Mails von Chefbuchhalter Stephan von E. suchen, den der Whistleblower namentlich genannt hatte. Von E. hatte einem Gespräch mit EY FIS zunächst eingewilligt, dies aber später widerrufen. Er wurde nicht befragt und seine E-Mails nicht analysiert. Hätte womöglich der Schwindel bei Wirecard bereits 2017 aufdeckt werden können? Und warum ist erst jetzt, fast ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des KPMG-Sonderprüfgutachtens die Existenz des Informationsbandes bekannt geworden?

Wer hat eigentlich eine Dachterrasse? Auch das spielt nun eine Rolle

Das Bundesfinanzministerium (BMF) erfuhr nach eigenen Angaben erst aus der Presse von der Existenz des "vertraulichen Informationsannex". Erst kurz nach den Berichten sei der Annex von der zuständigen Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS der Finanzaufsicht Bafin zugesandt worden, die ihn dem BMF zur Verfügung gestellt hat. Nun werde das Dokument in Berlin ausgewertet. "Das BMF erwägt, den Bericht im Sinne der Transparenz zur Einsicht an die Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages zu übersenden", heißt es aus dem Ministerium.

Die Rechnungsprüfer von EY wiederum verteidigen sich ungewohnt scharf. EY hat eine Analyse erstellen lassen. Darin heißt es, die im Informationsband enthaltenden Äußerungen seien an zahlreichen Stellen "unrichtig", "unvollständig" und "unplausibel". Falsch sei etwa, dass es ein "persönliches Gespräch auf einer Dachterrasse des Hauses von Jan Marsalek mit einem EY-Partner gegeben habe. "Abgesehen davon, dass nicht bekannt ist, ob Herr Marsalek zu Hause eine Dachterrasse hat, war dort kein EY-Partner." EY räumte jedoch ein: "Im Geschäftsgebäude der Wirecard AG in Aschheim liegt direkt neben einem Konferenzraum eine Dachterrasse, die von Zeit zu Zeit für Besprechungen genutzt wurde."

Als unplausibel wird in der EY-Analyse der Vorwurf von KPMG bewertet, dass EY FIS die E-Mails von Chefbuchhalter Stephan von E. nicht gesichtet habe. "KPMG behauptet, eine forensische E-Mail-Analyse des Accounts von Stephan von E. sei nicht durchgeführt worden, erklärt aber nicht, dass diese nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt war, denen weder der Aufsichtsrat noch der Vorstand von Wirecard zugestimmt hatten."

Das Fazit von KPMG fällt dennoch ernüchternd aus: "Eine unabhängige und nachvollziehbare Aufklärung durch einen unabhängigen Dritten ist in einem solchen Sachverhalt der richtige Schritt", heißt es in dem Informationsband.

Retten, was zu retten ist

Wo lässt sich noch Geld holen? Das ist eine der Kernfragen für Michael Jaffé, den Insolvenzverwalter von Wirecard. Er hat bei dem Zahlungsdienstleister kaum Vermögen vorgefunden, dafür aber 3,2 Milliarden Euro Schulden. Also lässt Jaffé, wie es seine Pflicht ist, Ansprüche gegen alle möglichen Personen und Gesellschaften prüfen. Dazu gehört auch der Wirtschaftsprüfer- und Beraterkonzern EY, der sich vormals Ernst & Young nannte. EY hat jahrelang die Bilanzen der Wirecard AG für in Ordnung befunden. Die Zahlen des Zahlungsdienstleisters sollen aber seit 2015 gefälscht gewesen seien, wie die Staatsanwaltschaft München I vermutet. Hat EY also nachlässig geprüft und muss, zusammen mit anderen, daher für die Schäden der Hausbanken und Investoren von Wirecard haften? Das will Jaffé zumindest nicht ausschließen und daher verhindern, dass mögliche Ansprüche gegen die Wirtschaftsprüfgesellschaft verjähren. Da aber schon Ende des Jahres eine solche Verjährung eintreten könnte, hat der Insolvenzverwalter EY angeschrieben. Und aufgefordert, einen sogenannten Verjährungsverzicht zu erklären. EY äußert sich dazu nicht. Dem Vernehmen nach überlegen das EY-Verantwortlichen noch, ob sie eine solche Erklärung abgeben, oder nicht. Würde der Wirtschaftsprüferkonzern das nicht tun, müsste der Insolvenzverwalter bereits in diesem Jahr Klage gegen EY einreichen. So aber würde Jaffé Zeit gewinnen, was in diesem Fall besonders wichtig ist. Jaffé hat ein so riesiges Chaos bei Wirecard vorgefunden, dass die Aufklärung der vielen undurchsichtigen Vorgänge nicht Monate, sondern Jahre dauern dürfte. Auch die Hausbanken von Wirecard prüfen Schadenersatzforderungen, unter anderem gegen EY. Dort dürfte am meisten zu holen sein, weshalb Anwaltskanzleien im Auftrag von Aktionären bereits erste Klagen eingereicht haben. EY weist alle Vorwürfe zurück und erklärt seit Monaten, man sei von Wirecard getäuscht worden. Klaus Ott

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