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Nach Bilanzskandal:Münchner Start-up kauft Wirecard-Tochter

FILE PHOTO: The logo of Wirecard AG is pictured at its headquarters in Aschheim

Die Zentrale der Wirecard AG in Aschheim bei München: Der Insolvenzverwalter Michael Jaffé versucht seit Juni, Ordnung in das Chaos zu bringen.

(Foto: ANDREAS GEBERT/REUTERS)

Der Video-Identifikationsdienst ID Now übernimmt die Wirecard Communication Services. Die ersten Mitarbeiter sollen schon in dieser Woche ihre neue Aufgabe beginnen.

Von Nils Wischmeyer

Der Deal musste schnell über die Bühne gehen. Der Skandalkonzern Wirecard strauchelte schon eine ganze Weile, musste im Juni Insolvenz anmelden und für die Konzerntochter "Wirecard Communication Services" wurde es eng. Sie erbrachte Dienstleistungen für die Muttergesellschaft und externe Auftraggeber, allem voran Callcenter-Dienste. Doch mit dem Zusammenbruch des Konzerns, der womöglich zu großen Teilen aus Scheingeschäft bestand, blieb für die Tochter immer weniger Geschäft übrig. Sie musste im Juli selbst Insolvenz anmelden, es drohte das Aus für die Firma und damit die Arbeitslosigkeit der Mitarbeiter.

Wie die Süddeutsche Zeitung vorab erfuhr, hat sich in letzter Minute nun ein Käufer für die Tochterfirma gefunden. Demnach hat das Münchner Start-up ID Now die Leipziger Wirecard Communication Services gekauft und will von den verbleibenden 150 Mitarbeitern einen Großteil übernehmen. Bereits am Montagnachmittag gab es eine Betriebsversammlung, bei der die Mitarbeiter über die Übernahme informiert wurden.

ID Now aus München ist einer der führenden Video-Identifikationsdienste in Deutschland. Wer beispielsweise ein Bankkonto übers Internet eröffnet, spricht per Video mit einem sogenannten Agenten, der dann unter anderem die Ausweisdokumente prüft. Aufgrund von Corona ist die Zahl der Identifikationen über ID Now in den vergangenen Wochen im zweistelligen Prozentbereich gestiegen, was das Unternehmen vor die Herausforderung stellte, neue, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Mit der Übernahme kauft das Start-up sich nun Expertise vom ehemaligen Hoffnungsträger der Fintech-Branche ein.

Die Wirecard-Tochter und der Identifikationsdienst arbeiten schon seit mehreren Jahren zusammen, die Münchner waren einer der externen Kunden der Firma. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter von Wirecard Communication Services führten regelmäßig Videoanrufe im Auftrag von ID Now durch. Und das, wie einer der vier ID-Now-Gründer, Felix Haas, betont, mehr als zufriedenstellend. Als nun die Tochter zum Verkauf stand, habe man sich bei ID Now zusammengesetzt, es durchgerechnet und am Ende dafür entschieden, direkt die gesamte Firma zu übernehmen. "Durch den Zukauf kriegen wir nun auf einen Schlag mehr als einhundert qualifizierte Mitarbeiter, die wir vollkommen bei uns integrieren werden", sagt Gründer Haas.

Betroffen vom Verkauf der Tochter sind aktuell noch knapp 150 Mitarbeiter, von denen ID Now den größten Teil übernehmen wird. Start ist für sie bereits der 1. September. Die neuen Mitarbeiter, die bereits geschult sind, dürfen dann die ersten Video-Anrufe entgegennehmen, der Rest muss erst noch die Qualifikation durchlaufen. Für sie startet die neue Aufgabe voraussichtlich in der kommenden Woche.

Gerade einmal 26,8 Millionen Euro an frei verfügbaren Bankguthaben

Für viele Mitarbeiter der Wirecard Communication Services ist es ein versöhnliches Ende des Skandals, der ihr Leben in den vergangenen Wochen durcheinandergewirbelt hat. Die Wirecard AG musste bereits im Juni eingestehen, dass sie 1,9 Milliarden Euro vermisst, kurz darauf war die Firma aus Aschheim bei München gezwungen, Insolvenz zu beantragen.

Der Insolvenzverwalter der Wirecard AG, Michael Jaffé, versucht seitdem Ordnung in das Chaos zu bringen, bei dem ein Großteil der Geschäfte wohl Luftnummern waren und kaum ein Teil des Unternehmens Gewinne erwirtschaftete. 3,2 Milliarden Euro Schulden stehen nun gerade einmal 26,8 Millionen Euro an frei verfügbaren Bankguthaben gegenüber, so listet es der Insolvenzverwalter in einem Gutachten auf. Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen aktuelle und ehemalige Manager des Unternehmens. Ex-CEO Markus Braun sitzt ebenso in U-Haft wie zwei weitere Manager. Der ehemalige Vorstand Jan Marsalek befindet sich auf der Flucht und wird international mit einem Haftbefehl gesucht.

© SZ
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