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Milliardenskandal:Wirecard drohen Ermittlungen wegen Bilanzfälschung

Wirecard-Hauptsitz in Aschheim

Wirecard hat mitgeteilt, dass die verschwundenen Milliarden mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Eingeständnis von Wirecard, dass bislang offiziell ausgewiesene Bankguthaben über gut 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen", stehen offenbar weitere Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I bevor.

Von Klaus Ott

Der Vorstand des Bezahldienstleisters Wirecard hat in der Nacht auf Montag eingestanden, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten bei zwei Banken auf den Philippinen in Höhe von insgesamt mehr als 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen.

Damit ist absehbar, dass die Staatsanwaltschaft München I in Sachen Wirecard nun auch wegen des Verdachts der Bilanzfälschung ermitteln wird. Die Strafverfolger hatten erst kürzlich ein Verfahren wegen des Vorwurfs der Manipulation des Börsenkurses eingeleitet und Wirecard durchsucht. Dieses Verfahren richtet sich gegen die bisherigen vier Vorstandsmitglieder, von denen zwei wegen des Milliardenskandals nicht mehr im Amt sind. Das sind der bisherige Vorstandschef Markus Braun sowie Jan Marsalek, in dessen Verantwortungsbereich die Vorgänge auf den Philippinen gefallen sein sollen.

Die Staatsanwaltschaft München I wollte sich auf Anfrage am Montagmorgen nicht dazu äußern, ob weitere Ermittlungen wegen Bilanzfälschung eingeleitet werden oder ob das bereits sogar geschehen ist.

"Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden"

Neuer Konzernchef ist der US-Amerikaner James H. Freis, der erst vergangene Woche in den Vorstand berufen worden war. Freis muss nun aufräumen. Zu seinen ersten wichtigen Amtshandlungen gehörte die Mitteilung des Vorstands in der Nacht zum Montag, dass die mehr als 1,9 Milliarden Euro wahrscheinlich nicht vorhanden sind. "Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden", heißt es in der Mitteilung weiter."

Damit räumt Wirecard selbst ein, dass frühere Jahresbilanzen bis einschließlich 2018 unrichtig sein könnten. Nach Paragraf 331 Handelsgesetzbuch sind falsche Bilanzen strafbar. Das kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder mit Geldstrafen geahndet werden. Verantwortlich für Jahresbilanzen ist der Unternehmens-Vorstand. Bei Wirecard sind dies Braun, Marsalek und ihre bisherigen Vorstandskollegen. Sie müssen nunmehr mit weiteren Ermittlungen wegen Bilanzfälschung rechnen. Dabei könnte es noch um andere Delikte gehen. Erfahrungsgemäß prüfen Staatsanwaltschaften in solchen Fällen alle Delikte, die in Betracht kommen.

Wirecard hatte unter der Leitung von Braun und Marsalek stets alle Vorwürfe zurückgewiesen, dass es bei den Geschäften des Bezahldienstleisters zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei. Braun und Marsalek hatten vielmehr erklärt, Wirecard sei das Opfer von Börsenspekulanten, die auf fallende Kurse setzten und deshalb falsche Vorwürfe verbreiteten.

Die Wirecard-Aktie brach an der Börse erneut ein. Gegen zehn Uhr notiert das Papier mit minus 34 Prozent bei 16,26 Euro.

© SZ
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