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Wirecard:Dubioser Chat

Jan Marsalek, der unter­getauchte Ex-Vorstand des Münchner Unternehmens Wirecard, soll Geheimdienstinformationen an die FPÖ weitergegeben haben.

Eine Schlüsselfigur der Milliardenpleite von Wirecard soll einem Medienbericht zufolge in dubiose Vorgänge in der österreichischen Innenpolitik verstrickt sein. Jan Marsalek, untergetauchter Ex-Vorstand des Unternehmens, soll Geheimdienstinformationen an die FPÖ weitergegeben haben. Wie die Zeitung "Die Presse" berichtet, habe der aus Wien stammende Manager über einen Mittelsmann sein Wissen an die rechte Partei geliefert. Demnach soll Marsalek dem Mittelsmann während der Koalitionsverhandlungen zwischen der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der FPÖ Ende 2017 und der anschließenden Regierungszeit als Quelle gedient haben. Grundlage für den Bericht der Presse ist ein Chatverlauf zwischen dem früheren FPÖ-Spitzenpolitiker Johann Gudenus und dem Mittelsmann. In den Textnachrichten soll immer wieder von "Jan" die Rede sein, der Wissen teilte. Bei diesem soll es sich um Jan Marsalek handeln, der seine Interna sowohl aus dem Innenministerium als auch aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) bezogen habe. Der Chat soll sich auf dem Handy von Gudenus befunden haben. Das Handy wurde bei den Ermittlungen zum Ibiza-Skandal sichergestellt und ausgewertet. Gudenus soll der "Presse" indirekt die Authentizität der Chats bestätigt haben. Auf die Frage nach Gegenleistungen für Marsaleks angebliche Hilfsdienste habe Gudenus gesagt, der Wirecard-Manager habe um einen Termin mit Rainer Seele gebeten, dem Chef des Mineralölkonzerns OMV. Angeblich habe Marsalek in Ölgeschäfte in Libyen investiert, darüber habe er mit Seele reden wollen. Dem Bericht zufolge soll das Misstrauen der FPÖ gegenüber der ÖVP auf Basis der von Marsalek weitergereichten Informationen gewachsen sein. Auf telefonische Anfrage der SZ wollte sich der inzwischen aus der FPÖ ausgetretene Gudenus nicht äußern, da er den Beitrag der "Presse" noch nicht kenne. Die Münchner Anwaltskanzlei, die Marsalek in den Wirecard-Ermittlungen vertritt, wollte zu dem Bericht in der "Presse" keine Erklärung abgeben.

© SZ vom 10.07.2020 / SZ

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