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Dax-Konzern vor der Pleite:"Ausgeklügelter Betrug" bei Wirecard

Wirecard

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters zu sehen.

(Foto: dpa)

In dem Bilanzskandal mehren sich die Hinweise auf einen riesigen Betrugsfall. Trotzdem trennt sich der Konzern von Anwälten, die für Aufklärung sorgen sollten.

Beim Zahlungsdienstleister Wirecard, der kurz vor der Pleite steht und beim Amtsgericht München einen Insolvenzantrag eingereicht hat, gibt es immer mehr Indizien für einen weltweiten Betrug. Aus dem Konzern sollen hohe Beträge in Steueroasen abgeflossen sein. Die Wirtschaftsprüfgesellschaft EY (früher Ernst & Young), die jahrelang die Bilanzen von Wirecard für in Ordnung befand, spricht von einem "ausgeklügelten Betrug".

Zahlreiche Ermittler, Wirtschaftsprüfer und Anwälte sind inzwischen damit befasst, den Konzern zu durchleuchten. Aus ihrem Kreise heißt es, über fragwürdige Berater- und Kreditverträge seien aus dem Konzern hohe Millionensummen abgezweigt worden. Darunter seien auch Kredite gewesen, die nicht gesichert gewesen seien. Im Unternehmen habe es geheißen, das sei immer schon komisch gewesen, aber der bisherige Vorstand habe Bedenken immer weggeredet.

Das Geld sei teilweise an Firmen in Steueroasen gegangen, heißt es weiter aus dem Kreise derjenigen, die Wirecard untersuchen. Es gebe Anzeichen dafür, dass viele Geschäfte außerhalb von Europa einem Schneeballsystem ähnelten. Auch der langjährige Bilanzprüfer von Wirecard, die Wirtschaftsprüfgesellschaft EY (früher Ernst & Young), sieht bei dem Zahlungdienstleister Anzeichen für einen weltumspannenden Betrugsfall.

Es gebe "klare Anzeichen dafür, dass das ein aufwendiger und ausgeklügelter Betrug war, in den unterschiedlichste Parteien rund um die Welt aus verschiedenen Institutionen involviert waren, mit dem Ziel der Täuschung", heißt es in einer Stellungnahme der Deutschland-Tochter von EY. Die Prüfgesellschaft spricht von betrügerischen Absprachen, bei denen mit hohem Aufwand falsche Fährten gelegt worden seien. EY hat jahrelang die Bilanzen von Wirecard für in Ordnung befunden und steht nun selbst unter Druck.

Wirtschaftsprüfer sind normalerweise sehr verschwiegen. Die äußerst ungewöhnliche Stellungnahme gegen den eigenen Mandanten Wirecard erweckt den Eindruck, dass EY nun die Flucht nach vorne antreten möchte, um nicht in den Skandal hineingezogen zu werden. Bei den diversen Untersuchungen dieses Wirtschaftsskandals wird es auch um die Frage gehen, ob EY sich die komplizierten Geschäfte von Wirecard mit zahlreichen Partnerfirmen genau genug angeschaut und kritisch genug geprüft hat.

Eine Kanzlei sollte helfen, die Vorwürfe aufzuarbeiten

Es ist nicht ausgeschlossen, dass EY in den nächsten Tagen die Testate für Jahresbilanzen bis 2018 zurückzieht. Das wäre ein weiterer Hinweis auf jahrelanges, kriminelles Vorgehen bei Wirecard. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Manipulation des Börsenkurses gegen den vergangene Woche zurückgetretenen Konzernchef Markus Braun und gegen dessen langjährigen Vertrauten Jan Marsalek, der diese Woche als Vorstandschef gefeuert worden war. Braun und Marsalek haben, als sie noch in ihren Ämtern waren, stets alle Vorwürfe zurückgewiesen.

Wirecard äußerte sich auf Anfrage der SZ nicht zu neuen Vorwürfen und Verdächtigungen. Das Unternehmen nahm auch nicht zu dem Umstand Stellung, dass man sich überraschend von der Münchner Anwaltskanzlei Ufer-Knauer getrennt hat. Die Kanzlei war erst vor rund einem Monat für die Betreuung und Aufarbeitung der strafrechtlichen Vorwürfe gegen den bisherigen Vorstand angeheuert worden. Florian Ufer und Christoph Knauer sind Spezialisten für große Wirtschaftsskandale.

Nach Angaben aus dem Umfeld von Wirecard war die Kanzlei bereits auf zahlreiche verdächtige Vorgänge gestoßen, als Wirecard das Mandat beendete. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft München I dem Unternehmen zu verstehen gegeben, dass die Zusammenarbeit mit Ufer-Knauer sehr gut laufe und für die Aufklärung hilfreich sei. Die Kanzlei hat schon bei zahlreichen anderen Fällen dazu beigetragen, Vorwürfe schnell zu klären und so Verfahren rasch zu beenden. Das gilt unter anderem für den Cum-Ex-Steuerskandal.

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Von Meike Schreiber, Jan Willmroth, Frankfurt, und Nils Wischmeyer, Köln

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