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Wirtschaftsskandal:Bei Wirecard flossen Hunderte Millionen Euro ab

Investigators Raid Wirecard Offices

Ermittler durchsuchten neben den Wirecard-Büros auch die Wohnung des Wirecard-CEO Markus Braun in Wien. Das Unternehmen hat vor kurzem Konkurs angemeldet und gegen seine Führungskräfte wird wegen Betrugs ermittelt.

(Foto: Getty Images)

Über fragwürdige Kredite und eine Briefkastenfirma im Indischen Ozean verschwand das Geld aus dem Unternehmen. Wo es landete, ist unklar.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Nils Wischmeyer

Im Skandal beim Internetkonzern Wirecard gibt es massive Hinweise auf Betrug in großem Stil. Unterlagen der Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG zufolge sind über fragwürdige Kredite an Firmen in Asien und über eine Briefkastenfirma auf Mauritius im Indischen Ozean Hunderte Millionen Euro abgeflossen. Der Verbleib des Geldes ist unklar. KPMG hatte im April einen Sonderprüfbericht angefertigt, von dem aber nur eine Zusammenfassung veröffentlicht worden war.

Eine mehr als 200 Seiten starke, als vertraulich eingestufte Anlage enthält nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR zahlreiche Details über merkwürdige bis dubiose Geschäfte, die bei seriös geführten Unternehmen nicht vorkommen dürften. Die Staatsanwaltschaft München I, die bisher dem Verdacht der Bilanzfälschung und Manipulation des Börsenkurses der Wirecard AG nachgeht, zieht nun auch Betrugsermittlungen in Betracht. Die Staatsanwaltschaft durchsuchte den in Aschheim bei München ansässigen Konzern am Mittwoch zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit.

In Kreisen von Anwälten und Wirtschaftsprüfern, die mit Wirecard befasst sind, geht man von einer Schadenssumme in Milliardenhöhe aus. Den KPMG-Unterlagen zufolge hat Wirecard zwei Firmen aus Asien im Jahr 2018 die Möglichkeit gewährt, Kredite bis zu 250 Millionen Euro in Anspruch zu nehmen, ohne dass es dafür Sicherheiten gegeben habe. Einer weiteren Firma aus Asien gab Wirecard laut KPMG im selben Jahr Kredite über 115 Millionen Euro, ebenfalls ohne Sicherheiten.

Obwohl Zinsen in Millionenhöhe nicht gezahlt worden seien, habe der Wirecard-Vorstand im September 2019 alle Kredite um ein Jahr verlängert. Der Chef dieser Firma aus Asien war den KPMG-Unterlagen zufolge früher Manager bei Wirecard. Die Prüfer schreiben, sie hätten nicht feststellen können, welche Gesellschaften oder Personen in welchem Umfang von diesen Darlehen "wirtschaftlich partizipierten". Höchst undurchsichtig ist auch ein weiteres von der KPMG geprüftes Geschäft, das über eine Briefkastenfirma auf Mauritius abgewickelt wurde.

Von dieser Firma mit einem Stammkapital von 100 Dollar (88 Euro) hatte Wirecard 2015/16 für insgesamt 315 Millionen einen Zahlungsdienstleister aus Indien gekauft. Die Briefkastenfirma hatte das indische Unternehmen kurz zuvor für 35 Millionen Euro erworben. In den KPMG-Unterlagen heißt es, im März 2019 sei bei einer Prüfung bei Wirecard der Vorstand Jan Marsalek mit der Firma auf Mauritius "in Zusammenhang" gebracht worden. Dafür hätten sich aber keine Nachweise gefunden. Marsalek habe abgestritten, hinter der Firma zu stehen, und dies später bei einer Befragung durch KPMG wiederholt.

Auch hier fanden die Wirtschaftsprüfer nicht heraus, bei wem das viele Geld gelandet ist. Marsalek war wegen des kürzlich bei Wirecard entdeckten Bilanzlochs in Milliardenhöhe gefeuert worden. Danach erging ein Haftbefehl gegen ihn. Marsalek hat sich ins Ausland abgesetzt und ist auf der Flucht. Wirecard äußerte sich nicht zu den KPMG-Erkenntnissen.

© SZ vom 02.07.2020

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