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Bankenaufsicht:Der Schlingerkurs der Bafin

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Finanzaufsicht hat Reporter der "Financial Times" erst angezeigt. Nun beruft sie sich auf deren Erkenntnisse. An der Strafanzeige hält die Behörde aber fest.

Von Klaus Ott, Meike Schreiber und Jan Willmroth

Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat sehr lange gebraucht, um konsequent gegen die Wirecard AG vorzugehen. Und das, obwohl der Zahlungsdienstleister schon sehr lange im Verdacht stand, Geschäfte zu erfinden und seine Bilanzen zu schönen. Im Juni aber, als die dubiosen Praktiken bei Wirecard nicht mehr zu übersehen waren, ging es bei der Bafin Schlag auf Schlag. Die Bonner Behörde reichte gleich drei Strafanzeigen gegen Manager des in Aschheim bei München ansässigen Konzerns bei der Staatsanwaltschaft München I ein. Und siehe da, plötzlich beruft sich die Bafin auch auf Erkenntnisse der Financial Times (FT). Jener britischen Zeitung, die seit Jahren über fragwürdige Vorgänge bei Wirecard berichtet. Und gegen deren Reporter die Bafin noch vor eineinviertel Jahren mit einer Strafanzeige vorgegangen ist.

In einer der drei aktuellen Strafanzeigen gegen Wirecard-Verantwortliche heißt es, der Konzern habe in den vergangenen Jahren die vielen öffentlich erhobenen Vorwürfe - falsche finanzielle Angaben, mangelhaftes Kontrollsystem, mangelnde Transparenz und mehr - zu keinem Zeitpunkt vollständig ausräumen können. Insbesondere Medien wie die FT sind damit gemeint, wie in der Strafanzeige nachzulesen ist. Für FT-Reporter Dan McCrum und seine Kollegen, die seit Langem hartnäckig bei Wirecard recherchieren, dürfte das eine große Genugtuung sein. Denn dieselbe Bafin hatte noch im April 2019 in München Strafanzeige gegen McCrum, eine FT-Kollegin sowie gegen fünf britische Börsenhändler gestellt und Ermittlungen auch gegen diese Reporter ausgelöst.

Wirecard hatte damals behauptet, an den Anschuldigungen gegen den Aschheimer Konzern sei nichts dran. Man sei vielmehr Opfer der FT, die mit ihren Attacken kriminelle Börsenspekulationen unterstützen wolle. Die Bafin sah das ähnlich. In ihrer Strafanzeige gegen McCrum hieß es, bei dem FT-Reporter lägen Anhaltspunkte vor, dass er Teil eines Netzwerkes gewesen sei, das Börsenspekulanten profitable Geschäfte mit fallenden Kursen von Wirecard ermöglichen sollte. Belege dafür hatte die Bafin keine. Jetzt, in den neuen Strafanzeigen gegen Wirecard-Manager, liest sich das ganz anders.

Doch an der alten Strafanzeige gegen die beiden FT-Reporter, die damals von der Bafin als auffällige Personen bezeichnet wurden, hält die Bonner Behörde fest. Und schiebt die Verantwortung auf die Münchner Staatsanwaltschaft ab. Die Bafin macht keinerlei Anstalten, die Strafanzeige gegen die beiden FT-Reporter zurückzuziehen. Warum man erst jetzt so konsequent gegen Wirecard vorgehe, erklärt die Bafin so:

Als Finanzaufsicht sei man für die Wirecard Bank zuständig gewesen. Nicht aber für den ganzen Konzern, einen Technologieanbieter. Die Wirecard Bank ist gemessen an ihrer Bilanzsumme nicht größer als eine mittlere Sparkasse. Das Institut, heißt es aus der Behörde, habe sich in den vergangenen Jahren außerdem relativ unauffällig verhalten. Größere Regelverstöße sind der Bafin demnach nicht bekannt geworden.

Und jetzt, als der Wirecard-Skandal Fahrt aufnahm, hat die Bonner Behörde die konzerneigene Bank ohnehin gleich unter Sonderverwaltung gestellt. Mehrere Beamte der Finanzaufsicht und der Bundesbank haben das Kommando übernommen. Der langjährige Bankvorstand Alexander von Knoop, zugleich Finanzchef der Wirecard AG, hat seinen Posten geräumt. Nach SZ-Informationen hatte ihm die Bafin zuvor in Aussicht gestellt, ihn mangels Zuverlässigkeit abzuberufen.

So zupackend wie jetzt war die Aufsicht nicht immer. Über die Bank hätte die Bafin einige Instrumente gehabt, um Wirecard genauer zu durchleuchten. Anlass dazu hätte es durchaus gegeben: So organisierte die Bank unter anderem den Zahlungsverkehr für illegale Glücksspielanbieter; außerdem war ihre Verstrickung in mutmaßlichen Online-Betrug mit riskanten Wertpapieren dokumentiert. Im Dezember verließ der langjährige Vorstand Rainer Wexeler überraschend die Bank, kurz nach einer Befragung durch Sonderprüfer der Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG, die damals Unregelmäßigkeiten im Konzern untersuchten. Die Bafin hat Wexeler aber nie befragt, was es mit seinem plötzlichen Abgang auf sich hatte. Jetzt kann bei der Wirecard Bank offenbar nichts mehr schief gehen, auch wegen der Sonderverwaltung. Und die Bafin ist plötzlich eine zupackende Aufsicht - Jahre später.

© SZ vom 13.07.2020

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