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Wirecard:Gekauft, wenn es Vorwürfe gab

Wirecard-Hauptsitz in Aschheim bei München

Ein Wirecard-Gebäude am Einsteinring in Aschheim bei München. Mittlerweile braucht die Firma weniger Platz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mitarbeiter der Finanzaufsicht Bafin haben mit Wirecard-Aktien gehandelt. In der Kontrollbehörde waren viele offenbar bis zuletzt von dem Zahlungsdienstleister überzeugt.

Von Klaus Ott und Meike Schreiber

Seit Monaten häuft sich die Kritik an den Aufsichtsbehörden, die im Fall Wirecard versagt hätten. Jetzt hat erstmals ein Beschäftigter gehen müssen. Allerdings keiner der Chefs. Die Finanzkontrolle Bafin hat sich vor zwei Wochen von einem Mitarbeiter getrennt, der mit Wirecard-Aktien gehandelt, dies aber intern zu spät gemeldet hatte. Das Dienstverhältnis sei zum 30. November 2020 beendet worden, teilte das Bundesfinanzministerium auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion mit. In drei weiteren Fällen wird der Antwort zufolge noch geprüft, ob Anlass für Maßnahmen besteht. Die von den vier Beschäftigten verspätet angezeigten Finanzgeschäfte hätten Wirecard-Aktien sowie "derivative Finanzinstrumente mit Bezug zur Wirecard AG" betroffen. Das ergab eine interne Sonderauswertung der Bafin.

Mit den Papieren des vor einem halben Jahr pleitegegangenen, aber vorher schon skandalumwitterten Zahlungsdienstleisters haben noch viel mehr Beschäftigte der Bafin gehandelt. Diejenigen, die auf Wirecard-Aktien gesetzt hätten, seien "besoffen" gewesen von der vermeintlichen Erfolgsgeschichte des Unternehmens. So sagt es der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler, dessen Kritik vor allem auf Bafin-Chef Felix Hufeld zielt. "Am Ende ist das eine Führungsfrage." Wer als Chef solche Geschäfte in einer Aufsichtsbehörde so laufen lasse, der habe "grundsätzlich etwas falsch gemacht".

Wer Kursabschläge zum Einstieg nutzt, glaubt fest, dass der Aktienpreis bald wieder steigt

Bei einer anderen wichtigen Kontrollbehörde, die im Fall Wirecard ebenfalls gefordert ist, hat sogar der Chef persönlich mit Aktien des Unternehmens gehandelt. Das musste Ralf Bose, der Leiter der Wirtschaftsprüferaufsicht Apas, vergangenen Freitag im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags einräumen. Was sogleich Rücktrittsforderungen aus den Reihen von FDP, Grünen und Linken auslöst. Vergleicht man Boses Aktienkauf Ende April 2020 mit den Geschäften von Bafin-Mitarbeitern, dann fällt eines auf: Immer dann, wenn es schlechte Nachrichten über den Konzern mit Markus Braun und Jan Marsalek an der Spitze gab und der Kurs fiel, griffen die Aufseher zu.

Einerseits klar: Wer kauft schon zu Höchstkursen. Andererseits ist genau das eines der Probleme. Wer dann einsteigt, wenn schwere Vorwürfe durch die Medien gehen, der glaubt natürlich an das Unternehmen und an steigende Kurse. Der erwartet also, dass sich die Verdachtsmomente in Luft auflösen. Im Fall Wirecard ging es immerhin um Hinweise auf erfundene Geschäfte und geschönte Bilanzen; also auch um die Frage, ob Braun und Marsalek das Zahlenwerk des Konzerns und damit den Aktienkurs manipuliert hatten. Und genau da muss die Bafin im Zweifelsfall hinschauen und prüfen, ob Aktionäre getäuscht werden.

Drei Mal gab es solche Zweifel, gab es entsprechende Presseberichte, die mit heftigen Kursstürzen verbunden waren. Ende Januar/Anfang Februar 2019, Mitte Oktober 2019 und Ende April 2020. Und jedes Mal haben Bafin-Mitarbeiter zugegriffen und gekauft. Und das sogar noch im Juni 2020, als Wirecard eingestehen musste, dass es keine Belege für Treuhandkonten in Asien gebe. Die Konten waren angeblich mit 1,9 Milliarden Euro gefüllt. Selbst da haben manche Mitarbeiter also noch an die Zukunft von Wirecard geglaubt. Das ziehe sich "wie ein roter Faden" durch die Wirecard-Geschäfte von Bafin-Beschäftigten, sagt FDP-Mann Schäffler. Bafin-Mitarbeiter haben auch bei anderen Gelegenheiten Aktien ge- und verkauft. Die Liste der Geschäfte umfasst fast zwölf eng bedruckte Seiten.

Die Prüffirma EY befand die Wirecard-Bilanzen ein ganzes Jahrzehnt in Ordnung

Und wer da alles bei Wirecard-Aktion, die lange Zeit als der Renner an der Börse galten, zugegriffen hat: Mitarbeiter der Bankenaufsicht, der Abteilung für Grundsatzfragen, oder aus der Marktüberwachung, und aus anderen Bereichen. Quer durch die Bafin. Der Antwort des Finanzministeriums an den Bundestag lässt sich nicht entnehmen, dass Bafin-Mitarbeiter betroffen wären, die für Wirecard oder die Wirecard-Bank zuständig gewesen seien. Doch Kritiker des umfangreichen Aktienhandels von Finanzaufsehern halten das nicht für ausschlaggebend. Die europäische Wertpapieraufsicht Esma rügte vor einigen Wochen die Geschäfte von Bafin-Beschäftigten mit Wirecard-Aktien. Das lasse am internen Kontrollsystem zweifeln.

Die Bafin äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Details der internen Sonderauswertung, verwies aber auf neue Maßgaben. "Um allein den bloßen Anschein eines Interessenkonflikts gar nicht erst aufkommen zu lassen", habe man Mitte Oktober im Vorgriff auf weitere Reformen die Compliance-Regeln für die privaten Wertpapiergeschäfte der Mitarbeiter verschärft. Compliance steht für Sauberkeit. Felix Hufeld ist aber bereits seit März 2015 Präsident der Finanzaufsicht. Er hat also fünfeinhalb Jahre und den Wirecard-Skandal gebraucht, um ein- und durchzugreifen. Und das, obwohl seit dem großen Siemens-Schmiergeldskandal vor knapp eineinhalb Jahrzehnten in der Wirtschaft die Maßgabe gilt, man solle alleine schon den bösen Schein meiden, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.

Im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags hat ein Vertreter der Wirtschaftsprüfgesellschaft EY auf strenge Maßgaben für den Aktienhandel verwiesen. EY steht unter Druck, weil die Prüffirma die Bilanzen von Wirecard ein ganzes Jahrzehnt lang für in Ordnung befunden hat. Der EY-Mann verwies auf einen strengen Standard, der generell für die Wirtschaftsprüfer gelte, nicht nur für die jeweiligen Prüfteams. Auch seine Kolleginnen und Kollegen, die nicht mit Wirecard befasst gewesen seien, hätten keine Aktien des Zahlungsdienstleisters halten können. Ausgerechnet ein EY-Vertreter musste also dem Parlament erklären, was geht und was nicht.

Bei der Bafin ging so viel, dass der FDP-Abgeordnete Schäffler zürnt, "die standen immer auf der Seite von Wirecard, und alle anderen waren die Bösen. Dabei muss eine Aufsicht einen kritischen Blick haben." In den vier Fällen, die bei der Bafin wegen verspäteter Meldungen jetzt näher untersucht wurden beziehungsweise werden, fällt ein Beschäftigter besonders auf. Er hat gleich 45 Aktiengeschäfte zu spät angegeben, teilweise erst nach mehr als einem halben Jahr. Und bei der Wirtschaftsprüferaufsicht Apas ging sogar noch mehr als bei der Bafin. Apas-Chef Bose hat am 28. April 2020 Wirecard-Aktien gekauft und am 20. Mai wieder verkauft. Der Bundestag erfuhr davon erst jetzt, obwohl der Finanzausschuss sich bereits im Juli mit der Apas befasst hatte. Ob Bose im Amt bleibt, dürfte vor allem von Wirtschaftsminister Peter Altmaier abhängen. Der hat es am Wochenende vorgezogen, zu schweigen.

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