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Wirecard:Die deutschen Aufsichtsbehörden brauchen einen Neustart

Abendliche Skyline aus Bankgebäuden in Frankfurt am Main - v.l.n.r.: Europäische Zentralbank, Commerzbank, Dresdner Ban

Abendliche Skyline aus Bankgebäuden in Frankfurt am Main.

(Foto: Rainer Unkel/imago images)

Die Pleite von Wirecard reiht sich in eine lange Liste der Desaster. Es wird Zeit, dass die Deutschen finanzpolitische und personelle Konsequenzen ziehen.

Um wirtschaftspolitische Großskandale hautnah zu erleben, muss man sich keine Serien wie "Borgen" oder "House of cards" anschauen. In Deutschland braucht der interessierte Bürger nur die Finanzbranche im Blick zu behalten, die seit einem Jahrzehnt, um es sarkastisch auszudrücken, beste Unterhaltung bietet. Nach der Pleite der Hypo Real Estate, zerschlagenen Landesbanken, einer gescheiterten Großfusion von Commerzbank und Deutscher Bank sowie heftiger Kritik aus Brüssel am deutschen Sparkassensicherungssystem läuft die nächste, besonders dramatische Folge: der tiefe Fall des deutschen Dax-Konzerns Wirecard.

Der Zahlungsdienstleister hat bekanntlich Insolvenz angemeldet, weil 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz fehlen. Damit nicht genug. Der frühere Chief Operating Officer ist abgetaucht; der Vorstandschef ist zurückgetreten und nur gegen Kaution auf freiem Fuß. Die EU-Kommission hat die europäische Aufsichtsbehörde eingeschaltet, um den deutschen Kollegen gründlich auf die Finger zu schauen. Es ist eine der größten Pleiten der Bundesrepublik. Und es ist eine Pleite, die schon wieder das Vertrauen in den Finanzstandort Deutschland erschüttert. Umso wichtiger ist es zu klären, wer für das Desaster verantwortlich ist.

Solch ein Scherbenhaufen kann nur entstehen, wenn die Kontrollen in mehreren Instanzen versagen: bei den Wirtschaftsprüfern, der Aufsichtsbehörde Bafin und beim Dienstherrn im Bundesfinanzministerium. Niemand hat es für nötig gehalten, die gesamte Wirecard AG kontrollieren zu lassen - und nicht nur einen kleinen Teil davon, die Wirecard Bank. Anstatt Hinweisen auf kriminelle Machenschaften nachzugehen, haben die Aufseher der Bafin lieber gegen Journalisten und Whisteblower ermitteln lassen. Die Bafin hat hingenommen, dass bei der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung nur ein Mitarbeiter für eine Sonderprüfung von Wirecard zuständig war. Es ist ein Versagen auf der ganzen Linie.

Die Konsequenz daraus kann nur ein Neustart bei den Aufsichtsbehörden sein. Es ist nicht das erste Mal, dass die deutsche Aufsicht versagt. In der Bankenkrise waren 68 Milliarden Euro an Steuergeldern nötig, um die heimischen Finanzinstitute zu stabilisieren und das Ersparte der Bürger zu retten. Und weil deutsche Kontrolleure per se auch nicht schlechter sind als die Kollegen aus anderen Ländern, liegt der Schluss nahe, dass das Versagen ein systematisches ist.

Die großen Skandale wurden immer zuerst im Ausland debattiert

Aber warum? Ist so ein Desaster möglich, weil Wirtschaftsprüfer ein Unternehmen prüfen, das sie dafür auch bezahlt, weil also ein klassischer Interessenkonflikt vorliegt? Oder weil Mitarbeiter die Autorität der Chefs zu sehr respektieren? Oder weil niemand als Nestbeschmutzer beschimpft werden mag, so wie einst EU-Kommissar Günter Verheugen, der in der Finanzkrise eingestand und anprangerte, die Deutschen seien Weltmeister in riskanten Bankgeschäften - und dafür einen veritablen Shitstorm erntete.

Auffällig ist, dass große Skandale der jüngeren Vergangenheit wie die Betrugsfälle bei der Deutschen Bank, der Abgasbetrug von Volkswagen, die Fleischskandale und jetzt Wirecard immer zuerst im Ausland debattiert worden sind. Für den Standort Deutschland ist das ein verheerendes Signal. Neues Vertrauen kann es nur geben, wenn glaubhaft die Fehler aufgearbeitet werden. Und zwar von neuen, unabhängigen Chefs.

© SZ vom 30.06.2020
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Von Meike Schreiber

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