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Aufsicht:Ungereimtheiten bei der "Bilanzpolizei" DPR

Die kriminellen Machenschaften bei Wirecard waren der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung durch die Lappen gegangen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vertreter der "Bilanzpolizei" DPR sitzen in Aufsichtsräten von Firmen, die ihr Verein überwacht. Geht das ohne Interessenkonflikt? Die Studie eines Harvard-Ökonomen weckt erhebliche Zweifel.

Von Claus Hulverscheidt

Kann ein Bilanzprüfer die Bücher eines Unternehmens kritisch durchsehen, wenn ein ranghöheres Mitglied seiner eigenen Organisation zugleich auf der Gehaltsliste eben dieses Unternehmens steht? Gäbe man eine Meinungsumfrage in Auftrag, fiele die Antwort wohl eindeutig aus - und dennoch sind derartige Praktiken bei der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung, kurz DPR, seit eineinhalb Jahrzehnten gang und gäbe: Die Inspektoren des privaten Vereins, der gern "Bilanzpolizei" genannt wird, prüfen in Kooperation mit der staatlichen Aufsichtsbehörde Bafin die Unterlagen deutscher Aktiengesellschaften, in deren Aufsichtsräten wiederum Mitglieder des DPR-Nominierungsausschusses, des Vorstands oder des Präsidiums sitzen.

Ökonom Heese: "Wenn ich mir den Polizeichef ins Haus hole, wird mich die Polizei schon in Ruhe lassen."

(Foto: Harvard Business School)

Nun reichen Umfragen oder ein Bauchgefühl nicht aus, um Interessenkonflikte zu belegen. Deshalb hat sich Jonas Heese, Experte für Rechnungslegung und Professor an der Eliteuniversität Harvard in Boston, die Verquickungen zwischen DPR und deutscher Wirtschaft einmal aus wissenschaftlicher Sicht angesehen - mit beunruhigendem Ergebnis: Zieht ein führender Vertreter der "Bilanzpolizei" in den Aufsichtsrat eines Unternehmens ein, sinkt die statistische Wahrscheinlichkeit rapide, dass die DPR der betreffenden Firma öffentlich Bilanzierungsmängel vorhält. Entweder also wird nicht mehr so scharf kontrolliert wie vorher, oder aber Probleme werden fortan auf dem kleinen Dienstweg gelöst, statt sie im offiziellen Amtsblatt, dem Bundesanzeiger, zu veröffentlichen.

Das alles ist umso erstaunlicher, als sich der noch unveröffentlichten Studie zufolge die Qualität der Bilanzen mit dem Einzug eines DPR-Repräsentanten in den Aufsichtsrat nicht etwa verbessert, sondern verschlechtert. "Die Annahmen, die das Unternehmen in der Bilanz trifft, werden im Vergleich zu früheren Jahren und gemessen daran, was in der Branche üblich ist, aggressiver", sagt Heese im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Damit besteht zumindest der Verdacht, dass das Unternehmen den DPR-Regulierer vor allem deshalb angeheuert hat, um sich eine riskantere Bilanzierungspraxis erlauben zu können. Die Idee ist offenbar: Wenn ich mir den Polizeichef ins Haus hole, wird mich die Polizei schon in Ruhe lassen."

Heeses Studie kommt für die DPR zur Unzeit, denn die von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften getragene Prüfstelle und ihr Trägerverein stehen ohnehin unter Beschuss - nicht nur, weil sie die kriminellen Machenschaften beim mittlerweile bankrotten Finanzkonzern Wirecard übersahen, sondern auch wegen der Aufsichtsratsmandate des Prüfstellenpräsidenten Edgar Ernst, die bereits 2014 intern für Ärger gesorgt hatten. Allerdings ging man in der Öffentlichkeit bisher meist davon aus, dass Ernst das einzige Problem sei und sich die Angelegenheit mit seinem für das Jahresende angekündigten Rücktritt lösen würde. Heeses Studie zeigt nun, dass die Ämterverquickung viel weiter verbreitet war und ist als bisher angenommen: Zusammen genommen saßen DPR-Repräsentanten seit der Vereinsgründung 2004 in etwa der Hälfte aller Dax-Aufsichtsräte.

Noch heute gibt es fünf Abgesandte der DPR, die zugleich auf der Gehaltsliste eines Unternehmens stehen: Neben Ernst sind das der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler, die Universitätsprofessorin Michèle Morner sowie Melanie Kreis, die als Finanzvorstand der Deutschen Post sogar operativ tätig ist. Heese räumt ein, dass er "keine Smoking Gun", also keinen eindeutigen Beweis, habe, dass Firmen gezielt nach Vereinsvertretern suchten, "um sich der Kontrolle der DPR zu entziehen". Dennoch blieben Fragen: "Die Schlussfolgerung kann nur sein, dass solche Doppelmandate ein für alle Mal abgeschafft gehören", so der Ökonom.

Forderungen nach einer sofortigen Auflösung der DPR gehen dem Ökonomen aber zu weit

Untermauern konnte Heese seine Skepsis, indem er zugleich Unterlagen der als sehr streng bekannten US-Börsenaufsicht SEC auswertete. Sie kommt dann ins Spiel, wenn ein Unternehmen auch in den Vereinigten Staaten börsennotiert ist, was bei einigen deutschen Firmen der Fall ist. Ergebnis: "Sitzt ein DPR-Mitglied im Aufsichtsrat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die SEC die Bilanzierungspraxis des Unternehmens hinterfragt", sagt Heese.

Die DPR, deren Rolle die Bundesregierung nach dem Wirecard-Skandal neu zuschneiden will, ließ einen Fragenkatalog der SZ unbeantwortet, wies die Vorwürfe aber in allgemeiner Form zurück. Mitglieder der Vereinsgremien hätten gegenüber den Prüfern keinerlei Auskunfts- oder Einsichtsrechte und könnten Entscheidungen deshalb nicht beeinflussen, schrieben die Vorsitzenden von Vorstand und Nominierungsausschuss, Rolf Pohlig und Axel Berger. Auch seien "alle Mitglieder der Prüfstelle gegenüber den Organmitgliedern zur Verschwiegenheit verpflichtet". Allerdings würden Doppelmitgliedschaften im zweiköpfigen Präsidium der Prüfstelle und in Aufsichtsräten ab 2022 verboten.

Heese kennt solche Beteuerungen, wonach verschiedene Bereiche derselben Organisation durch eine "chinesische Mauer" strikt voneinander getrennt seien. Darauf vertrauen aber will er nicht. Forderungen nach einer sofortigen Auflösung der DPR allerdings gehen ihm auch zu weit - schließlich sei niemandem geholfen, wenn am Ende nur die Bafin übrig bliebe, die schlechter zahle und deshalb über weniger qualifiziertere Mitarbeiter verfüge. Zwar gebe es dann "keine Interessenkonflikte mehr, aber auch keinen, der Bilanzen lesen kann". Heese fordert stattdessen mehr Transparenz: "Würde der gesamte Schriftverkehr zwischen dem Unternehmen und den Bilanzkontrolleuren veröffentlicht, dann hätten zumindest die Investoren die Möglichkeit, genau hinzuschauen und bei Unklarheiten sehr kritische Fragen an den Vorstand zu stellen." Bei der SEC, so der Ökonom, sei das "schon lange üblich".

© SZ
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