Wirbel ums Abwasser:Wenn der Westen den Osten kanalisiert

In Brandenburg entstanden viel zu große Klärwerke. Daher klagen die Bürger jetzt über die bundesweit höchsten Abwassergebühren. Die EU-Betrugsbekämpfer ermitteln.

Von Arne Boecker

In dieser Woche sind die brandenburgischen Landtagsabgeordneten jeden Tag auf ein anrüchiges Thema gestoßen. An der Treppe vor dem Landtag lauerten ihnen Menschen auf, die ein Dutzend Abwasser-Initiativen vertreten.

Abwasser 465 Dpa

Ein Mitarbeiter der Schweriner Abwasserentsorgung dreht an einem Einstellrad für eines der Reinigungsbecken im Klärwerk der mecklenburgischen Landeshauptstadt.

(Foto: Foto: dpa)

"Hungerstreik", stand auf den Pappschildchen, die sie an ihre Jacken geheftet hatten. "Enteignung" und "Diebstahl", "Nötigung" und "Betrug", war filzstiftdick auf den Plakaten gekrakelt.

Wütend

Die Menschen von Brandenburg sind wütend. Die Märkischen fühlen sich von turmhohen Schulden niedergedrückt und von Gesetzen entmündigt. "Mein Schmutzwasser gehört mir!", sagen sie.

Wegen dieses Abwassers herrscht in Brandenburg seit langem Aufruhr. Vordergründig wird um die Gebühren für die Entsorgung gestritten. Eigentlich geht es jedoch darum, wie der Westen eine Idee über den Osten gestülpt hat - und wie der sich übertölpeln ließ.

Zwischen Potsdam und Brandenburg (Havel) liegt Jeserig. Mitten im Feld steht das Klärwerk. In einem Betonbecken schwimmt braune Brühe, nebenan stapelt sich der Schlamm in zwei Türmen.

"Rechen harken das 'Dicke' aus dem Abwasser heraus", erklärt Günter Jäger, "die Feinarbeit erledigen Bakterien." Das gereinigte Wasser fließt in die Havel, der Schlamm holen sich Landwirte.

Es fehlt an Schmutz

Günter Jäger ist Geschäftsführer des Klärwerks. Im Abwasserzweckverband Emster sind die zehn Gemeinden organisiert, die nach Jeserig einleiten. 1995 war das Klärwerk eingeweiht worden.

"Meine Vorgänger haben die Anlage auf eine Million Kubikmeter Abwasser pro Jahr ausgelegt", sagt Jäger. "Heute kommen wir etwa auf eine Auslastung von 350 000 Kubikmetern." Schnell stiegen die Gebühren, schon 1996 kam es deswegen zu tumultösen Versammlungen.

Aus seinem Büro schaut Günter Jäger auf Brachland. Eigentlich müsste er ein mindestens 30 Hektar großes Gewerbegebiet sehen, so war es mal gedacht. Dem teuer gebauten Klärwerk Jeserig fehlt das Abwasser der Firmen, die dort produzieren, und es fehlt das Abwasser der Arbeiter, die in die Nachbarschaft ziehen sollten.

Die Kunden, die das Klärwerk heute in den zehn Gemeinden hat, liefern schlicht nicht genug Schmutz. Also ist der Zweckverband Emster mit etwa fünf Millionen Euro verschuldet.

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