"Wir schenken, weil es uns selbst gut tut"

Geschenke zu kaufen empfinden viele als Weihnachtsstress, der sich nach dem Fest oft nahtlos mit dem Umtausch fortsetzt. Doch schenken ist mehr als nur ein Warenaustausch, sagt der Philosoph und Glücksforscher Wilhelm Schmid: Es mache zufrieden, gelassen und stifte Sinn.

Interview: Jan Grossarth

Geschenke zu kaufen empfinden viele als Weihnachtsstress, der sich nach dem Fest oft nahtlos mit dem Umtausch fortsetzt. Aus ökonomischer Sicht erscheint der Geschenk-Ritus ziemlich absurd, kennt der Mensch doch seine Präferenzen selbst am besten. Doch schenken ist mehr als nur ein Warenaustausch, sagt der Philosoph Wilhelm Schmid. Es mache zufrieden, gelassen und stifte Sinn.

Der 54-jährige Berliner Philosoph und Autor Wilhelm Schmid

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Schmid, was macht glücklicher: Schenken oder beschenkt werden?

Wilhelm Schmid: Mich macht Schenken eindeutig glücklicher. Ich werde gar nicht gern beschenkt, ich habe keine Wünsche und wenn ich etwas bekomme, kann es fast nur überflüssig sein.

SZ: Geben ist seliger denn nehmen, ein alter christlicher Gedanke. Kann das ökonomisch sein?

Schmid: Ja, denn jedes Schenken ist ein eigennütziger Akt. Wir schenken, weil es uns selbst gut tut, und erst dann dem anderen. Da sollte man sich nichts vormachen. Schenken macht die Seele weit. Und Geiz macht sie eng, deswegen schenken Menschen gern. Andererseits ist unser Geiz nötig, um die Ressourcen anzusammeln, mit denen man überhaupt schenken kann.

SZ: Was geht in unserem Körper vor, wenn wir beschenkt werden?

Schmid: Wenn sich der Beschenkte wohl fühlt mit dem, was er bekommen hat, schüttet der Körper Endorphine aus. Man muss aber aufpassen: In Endorphinen steckt das Wort Morphium drin. Dazu muss man wissen, dass das auch dann eine Droge ist, wenn sie nicht von außen zugeführt wird. Das hat natürlich dieselben Konsequenzen, wie alle anderen Drogen auch: Das Glück flammt auf und brennt schnell ab. Gerade bei Kindern ist das gut zu beobachten: Helle Freude, und schon am nächsten Tag liegt das Geschenk in der Ecke.

SZ: Erlahmt die Freude genau so schnell, wenn wir uns selbst beschenken?

Schmid: Ja, das ist wirklich das Verhängnisvolle beim Einkaufen. Das größte Glück ist oft schon beim Nachhauseschleppen der Taschen verflogen. Man könnte die Sachen genauso gut im Geschäft lassen, zahlen und weggehen.

SZ: Da haben wir den Unterschied.

Schmid: Gut möglich - beim Beschenkten lässt die Wirkung bald nach, und der Schenkende hat mehr als nur diese kurze Endorphinausschüttung. Schenken macht die Seele weit, und mit einer weiten Seele lässt es sich ganz anders atmen. Auch die Spendenvereine sind ja darauf geeicht, dass sie Weihnachten ordentlich abgreifen.

Das, was wir geben, ist im Grunde Sinn. Das ist etwas, das über das Glück hinausgeht: Wenn ich Menschen unterstütze, deren Leben ernsthaft verbessert werden kann, dann stelle ich Zusammenhänge her zwischen mir und diesen Menschen, und immer da, wo Zusammenhang entsteht, entsteht Sinn. Einen kleinen Unterschied mag es aber geben zwischen persönlichem und anonymen Schenken: Es entsteht eine stärkere persönliche Beziehung, wenn ich die Empfänger kenne.

SZ: Macht Schenken einen Millionär so glücklich wie einen Arbeitslosen?

Schmid: Die Relationen sind in der Tat besonders wichtig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor vielen Jahren in Paris kam meine Freundin, die damals ganz wenig Geld hatte, zu Besuch. Und dann lag auf dem Wohnzimmertisch ein sehr teures Ticket für eine Theateraufführung. Da wusste ich: Das ist die Frau fürs Leben. Und so war es auch. Hätte sie in hervorragenden Einkommensverhältnissen gelebt, wäre es nicht mehr als eine schöne Geste gewesen, so war es überwältigend.

SZ: Weihnachten werden wir fast zum Schenken gedrängt. Wäre die Freude über ein freiwilliges Geschenk nicht viel größer als über ein Pflichtgeschenk?

Schmid: Das kommt auf die Situation an. Grundsätzlich haben Rituale eine große Bedeutung für unser Leben, und zu Weihnachten gehört eben das Geschenke-Ritual. Die Kinder lieben das über alles. Dem zu entrinnen, wenn man Kinder hat, würde ich für unmenschlich halten. Die ewige Wiederkehr des Gleichen tut den Menschen gut. Und Rituale wie Weihnachtsgeschenke sind ein Element, das Gelassenheit ins Leben bringt - auch wenn uns die Hektik im Vorfeld oft anderes vermuten lässt.