bedeckt München
vgwortpixel

Anklage gegen Winterkorn:Millionen soll der Manager mittels der "Güterstandsschaukel" ins Ausland geschafft haben

Der Aufsichtsratschef von VW könnte in so einem Fall gar nicht mehr anders, als von Winterkorn Schadenersatz zu verlangen. Und ihn notfalls zu verklagen. Das brächte natürlich nicht die vielen Milliarden Euro zurück, die VW die Affäre bislang gekostet hat. Aber es wäre ein Signal. Wobei offen bliebe, was bei Winterkorn noch alles zu holen wäre. Er hat als Vorstandschef bis zu 17 Millionen Euro im Jahr an Gehalt und Boni kassiert. Als die Abgasaffäre schon eine Zeitlang lief, hat Winterkorn Millionenbeträge in die Schweiz geschafft, auf ein Depot bei einer Bank. Es handele sich wahrscheinlich um ein Depot der Ehefrau, notierten die Ermittler später. Die Ermittler vermuteten, der Ex-Konzernchef könnte einen "Notgroschen" für den Fall angelegt haben, dass er in der Affäre noch persönlich belangt werde. Der Clou an der Sache, aus Sicht Winterkorns: Nach allem, was bislang bekannt ist, wäre das völlig legal gewesen. Im Wege eines komplizierten Steuersparmodells unter Eheleuten, das "Güterstandsschaukel" genannt wird.

Bei Volkswagen sieht das etwas anders aus. Der Konzern verfügt über keine "Güterstandsschaukel" dieser Art, sieht sich aber anders als Winterkorn schon jetzt horrenden Schadenersatzforderungen ausgesetzt. Hunderttausende Kunden wollen per Musterklage Geld haben für Dieselfahrzeuge, die bei den Abgaswerten nicht gehalten haben, was VW einst versprochen hatte. Und Tausende Aktionäre verlangen in einem Musterverfahren beim Oberlandesgericht Braunschweig rund neun Milliarden Euro für den Kurssturz ihrer Papiere nach Enthüllung der Manipulationen im September 2015. Die Anleger behaupten, der Vorstand habe schon früher von gefälschten Abgasmessungen gewusst und hätte dies an der Börse mitteilen müssen. Das nicht getan zu haben, sei ein Verstoß gegen die Pflichten einer Aktiengesellschaft.

"Güterstandsschaukel" hat laut Winterkorn nichts mit Vorwürfen gegen ihn zu tun

Volkswagen streitet das alles vehement ab, doch nun könnten Autokunden wie Aktionäre indirekt Hilfe von der Staatsanwaltschaft in Braunschweig bekommen. Die will Winterkorn zusammen mit einem weiteren ehemaligen Top-Manager und drei Motorentechnikern auf die Anklagebank bringen. Zwei dieser Techniker haben umfassend ausgepackt, einer halbwegs. Zweieinhalb Kronzeugen also. Das mögliche Kalkül der Ermittler: Wenn die Motorentechniker auch vor Gericht auspacken und dort ebenfalls Winterkorn und den Vorstand belasten, dann wäre das hilfreich bei dem Versuch, ein Betrugsurteil gegen den ehemaligen Vorstandschef zu erwirken. Winterkorns Anwalt Felix Dörr lässt aber bereits anklingen, dass er und sein Mandant gar nicht daran denken, in einem möglichen Prozess klein beizugeben. Dörr hat bereits die ein oder andere heftige Auseinandersetzung mit der Staatsanwaltschaft hinter sich.

Einmal, ganz zu Beginn der Affäre, hatten die Strafverfolger irrtümlich gemeldet, gegen Winterkorn werde bereits ermittelt. Das war dann aber erst deutlich später der Fall. Und im vergangenen Jahr legte sich Dörr mit der Staatsanwaltschaft an, weil Details über die "Güterstandsschaukel" in die Akten und so in die Öffentlichkeit gelangt waren, obwohl das aus Sicht des Winterkorn-Anwalts nichts mit der Abgasaffäre zu tun hatte.

Der Ex-Konzernchef und die Staatsanwälte würden sich, so sieht es aus, in einem Prozess nichts schenken. Sondern hart um jedes Detail und jede Deutung kämpfen. Nur in einem Punkt kommen die Ermittler Winterkorn entgegen, um einen Tag. Sie gehen davon aus, dass der Konzernchef seine brisante Wochenendpost damals erst am Sonntag gelesen habe, dem 25. Mai 2014. Und nicht schon am Samstag. Da hatte Winterkorn nämlich Geburtstag.

© SZ vom 16.04.2019/lüü
Automobilindustrie Deutschland braucht eine Antwort von VW

Anklage gegen Winterkorn

Deutschland braucht eine Antwort von VW

Einzeltäter oder Bauernopfer? Der Ex-VW-Chef sollte die Betrugsanklage nutzen, um sich öffentlich zu erklären. Es wäre seine Chance, im Diesel-Debakel Rückgrat zu zeigen.   Kommentar von Angelika Slavik, Hamburg

Zur SZ-Startseite