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Windows 10:Todesblau und nervig

Monatelang nervende Popups. Und jetzt noch ein blauer Bildschirm: Warum nur drängt Microsoft seinen Kunden Windows 10 so auf?

Von Simon Hurtz

Fast alle Windows-Nutzer kennen den Bluescreen, die meisten aus leidvoller Erfahrung. Der blaue Bildschirm erscheint, wenn das Betriebssystem neu installiert wird oder man Grundeinstellungen des Computers verändert. Wer im laufenden Betrieb weiße Schrift auf blauem Hintergrund sieht, hat meist ein Problem: Denn der Bluescreen steht für schwerwiegende Fehlermeldungen, nicht umsonst hat er den Spitznamen BSOD, Bluescreen Of Death - blauer Bildschirm des Todes.

Der Bluescreen dürfte also nicht allzu beliebt sein. Doch das scheint Microsoft noch nicht zu reichen. Der blaue Bildschirm soll offenbar zum Hassobjekt aller Windows-Nutzer werden. Seit Anfang Juli zeigt ein Bluescreen nun auch die einzige Meldung, die bei vielen Microsoft-Kunden noch unbeliebter sein dürfte als kritische Systemfehler: die Aufforderung, auf Windows 10 zu upgraden.

Immerhin scheint sich Microsoft dessen wenigstens ein klein wenig bewusst zu sein und beginnt die Mitteilung kleinlaut so: "Entschuldigung für die Störung, aber das ist wichtig." Es folgt eine Erinnerung, dass Windows 10 nur noch bis zum 29. Juli kostenlos ist, danach werden voraussichtlich 135 (Home) beziehungweise 279 Euro (Pro) fällig (aktuelle Preise im Microsoft-Store). Zumindest können genervte Nutzer den Bildschirm wegklicken und sich weitere Erinnerungen verbitten. Zuvor hatten sich viele Kunden über hartnäckige automatisch aufklappende Fenster beschwert. Schlimmer noch: Diese Fenster interpretierten das Schließen des Fensters über das X oben in der Ecke als Zustimmung zum Erneuern des Systems und starteten daraufhin automatisch die Installation.

Eigentlich müsste man meinen, Microsoft würde aus den vergangenen Monaten gelernt haben: Die penetranten Aufforderungen zum Erneuern des Betriebssytems sind längst zum Running Gag in sozialen Medien geworden. Wer sein lieb gewonnenes Windows 7 oder 8 behalten wollte, wurde in unschöner Regelmäßigkeit an die Vorzüge von Windows 10 erinnert. Sogar während des Wetterberichts eines US-amerikanischen Fernsehsenders tauchte ein solches Fenster auf. Auch ein Computerspieler, dem gerade 130 000 Zuschauer übers Internet zusahen, wurde bei einer Livesendung durch die - unaufgeforderte und ungewollte - Installation von Windows 10 unterbrochen.

Doch offensichtlich ist Microsoft mit den Marktanteilen von Windows 10 noch nicht zufrieden und drückt sein neues System daher mit allen Mitteln in den Markt. Eigentlich sollte die einjährige Gratisphase einen Großteil der Nutzer dazu bringen, auf die aktuelle Version des Betriebssystems zu wechseln. Doch im Juni 2016 lief Windows 10 nur auf rund 19 Prozent aller Desktop-Rechner, eine Steigerung von bloß knapp zwei Prozent im Vergleich zum Vormonat. Und - was Microsoft definitiv nicht gefallen kann - im selben Zeitraum wuchs auch der Marktanteil von Windows 7 von 48,6 auf 49,1 Prozent.

Erst vor wenigen Tagen musste Microsoft einer Nutzerin 10 000 Dollar Schadenersatz zahlen, weil ihr Computer ungewollt das Upgrade auf Windows 10 gestartet hatte. Kurz darauf entschärfte der Konzern das Pop-up und erleichterte es Nutzern, das Upgrade dauerhaft abzulehnen. Auf seinem aktuellen blauen Hinweis-Bildschirm preist Microsoft Windows 10 an als das "sicherste Windows, das jemals entwickelt wurde". Das stimmt sogar, auch Sicherheitsforscher halten das Betriebssystem für "besser als MacOS", die Software also vom Konkurrenten Apple.

Sicherheitsexperten halten Windows 10 für besser als Apples MacOS

Auch insgesamt gesehen ist Windows 10 ein gutes Betriebssystem. Häufig wurde vor dem vermeintlichen "Spion im Wohnzimmer" gewarnt. Diese Sorgen sind allerdings überzogen, Windows 10 ist keine Abhörmaschine - wenn man es entsprechend einstellt. Diesen Fehler nämlich hat Microsoft gemacht: Mit den Standardeinstellungen sammelt Microsoft jede Menge persönliche Daten und zeigt den Nutzern personalisierte Werbung an. Um das zu vermeiden, sind etliche Änderungen in den Privatsphäre-Einstellungen nötig.

Wer heute noch Windows 7 nutzt, hat diesen Wunsch oft und vehement kundgetan, indem er zahlreiche Aufforderungen zum Upgrade ignoriert und immer wieder weggeklickt hat. Es ist verständlich, dass Microsoft sein neuestes und vermutlich auch bestes Betriebssystem gerne auf allen Rechner installiert sähe. Während ein Großteil der Apple-Kunden deren Betriebssysteme MacOS und iOS in kürzester Zeit aktualisiert, muss Microsoft etliche alte Versionen gleichzeitig pflegen und mit Sicherheitsupdates versorgen - ein gewaltiger Aufwand. Doch irgendwann wäre es an der Zeit, den Willen der Kunden zu akzeptieren und aufzuhören, Windows 10 mit aller Macht durchsetzen zu wollen.

Die gute Nachricht für alle Upgrade-Verweigerer: Spätestens am 29. Juli haben sie ihre Ruhe.

© SZ vom 06.07.2016
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