Wincor Nixdorf Gemeinsam stärker

Diebold und Wincor Nixdorf, Hersteller von Geldautomaten, wollen ihre Kräfte bündeln. Für das Unternehmen aus Paderborn eine Chance.

Von Christoph Giesen und Helmut Martin-Jung

Karte einstecken, Code eintippen und Betrag wählen, ratter-ratter und schon spuckt die Maschine Bargeld aus. Fast jeder nutzt heute Geldautomaten und klar war bisher stets: Die Banken kümmern sich ums Geld, darum, die Konten zu verwalten, und die Hersteller der Maschinen bauen und warten diese. Doch in Zeiten, in denen die Banken Filialen abbauen und Sparprogramme aufsetzen, ändern sich die Regeln. Wenn die Geldautomaten- und Kassenhersteller Diebold und Wincor Nixdorf nun ihre Kräfte bündeln wollen, dann tun sie das nicht, weil sie zusammen Maschinen besser und billiger bauen können. Sie tun es, weil sie ihr Geschäft in eine neue Richtung lenken wollen.

"Der Markt verändert sich von Hardware zu Software und Service", sagt Andy Mattes, der Chef des US-Unternehmens Diebold, das hinter NCR bisher die Nummer zwei auf dem Markt ist. Dieselbe Entwicklung habe man ja auch schon in anderen Bereichen der Informationstechnologie gesehen. Mattes soll nach dem Zusammenschluss Chef des neuen Unternehmens werden.

Sein Ziel ist es, künftig das gesamte Geschäft der fusionierten Firmen als Service-Dienstleistung anzubieten. "Derzeit werden viele der internen Prozesse noch von den Banken betreut", argumentiert er, "das wird künftig zu Dienstleistern wandern". 80 Prozent der Dienstleistungen würden die Banken derzeit noch selbst erledigen. Wincor Nixdorf-Chef Eckard Heidloff stimmt ihm zu: "Business as usual ist keine Option mehr." Lange hatte sich Heidloff gegen eine Übernahme durch die Amerikaner gesträubt, aber deren Pläne hätten ihn schließlich überzeugt.

Mattes hält es für absehbar, dass die Banken auf die Suche nach Partnern gehen werden, die ihnen diese Dienstleistungen kostengünstiger erbringen können. Und er prophezeit auch: "Wir werden weniger im Wettbewerb mit Hardware-Herstellern stehen als mit den Anbietern von Outsourcing-Dienstleistungen."

Der Name Nixdorf hat in Deutschland noch immer einen guten Klang

Dafür sieht der Chef den Zusammenschluss als "unheimliche Chance". Die beiden Unternehmen seien "extrem komplementär". Diebold ist in den USA stark, Wincor Nixdorf in Europa. Es gebe daher viel Synergiepotenzial. Weil Wincor Nixdorf bisher viel über Partner gelöst habe, könnte hier einiges an Einsparung erzielt werden. "Es hilft uns, dass Wincor Nixdorf hier bisher eine andere Philosophie hatte."

Ein Bild aus guten Tagen: Der Unternehmer Heinz Nixdorf (rechts) zeigt Helmut Kohl einen geöffneten Nixdorf-Computer.

(Foto: Teutopress/Süddeutsche Zeitung Photo)

Der neue Konzern soll Diebold Nixdorf heißen und wird - falls die Aktionäre der Übernahme zustimmen - einen Jahresumsatz von etwa 4,8 Milliarden Euro machen. Mattes, der aus Deutschland stammt, kündigte an, dass es außer dem bereits von Wincor Nixdorf in dessen Restrukturierung geplanten Personalabbau von 1100 von insgesamt 9000 Stellen bis 2018 keine weiteren Entlassungen in Deutschland geben werde.

Und auch der Name Nixdorf, der zumindest in Deutschland noch immer einen guten Klang hat, bleibt erhalten. Heinz Nixdorf, geboren 1925 in Paderborn, hatte sich aus sehr bescheidenen Verhältnissen zu einem der bekanntesten Firmenchefs in Deutschland hochgearbeitet. Seine "Mittlere Datentechnik", mit der der Selfmademan von Mitte der 1960er-Jahre an die Büros ausgestattet hatte, geriet aber unter Druck durch eine neue Entwicklung: den Personal Computer. Und Nixdorf machte einen gewaltigen Fehler: Er lehnte das Neue ab, "ich baue kein Goggomobil", sagt er damals, Anfang der 1980er-Jahre.

Es war der Anfang vom Ende: Heinz Nixdorf starb überraschend 1986 - bei der Cebit-Party seines Unternehmens erlitt er einen Herzinfarkt. Sein Nachfolger Klaus Luft, den der Patriarch noch selbst ausgesucht hatte, konnte das Blatt nicht mehr wenden. 1986, im Todesjahr des Gründers, hatte der Gewinn des Unternehmens noch 222 Millionen Mark betragen, 30 000 Menschen arbeiteten für den Konzern. Luft hatte auf starkes Wachstum gesetzt. Drei Jahre später stand bereits ein Verlust von einer Milliarde Mark im Raum. Die Produkte waren einfach nicht mehr gut genug und mussten mit gewaltigem Vertriebsaufwand in den Markt gedrückt werden. Im November 1989, zeitgleich mit dem Fall der Mauer, verließ Klaus Luft die Firma, um einem Rauswurf zuvorzukommen.

Siemens übernahm 1990 die Regie - doch glücklich war diese Partnerschaft nie

Schließlich übernahm der Münchner Siemens-Konzern die Regie. 1990, während Deutschland die Einheit feierte, nahm die Siemens Nixdorf Informationssysteme offiziell den Geschäftsbetrieb auf. Neun Jahre lang gehörte Nixdorf zu Siemens. Viel übrig geblieben ist davon nicht. 1990 übernahm der Münchner Konzern die Aktienmehrheit und legte das Unternehmen mit der hauseigenen Datenverarbeitungssparte zusammen.

Aktuelles Lexikon: Aktientausch

Immer wieder heißt es, vor der Erfindung des Geldes hätten die Menschen vor allem Tauschhandel betrieben. Allerdings schreiben einige Anthropologen, dass bis heute eindeutige Belege dafür fehlten. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Menschen bis heute immer wieder zum Tauschhandel zurückkehren. Nämlich dann, wenn das Geldsystem nicht mehr funktioniert, also zumeist in Phasen erdrückender Knappheit, zum Beispiel in räuberischen Diktaturen oder in Kriegen. Aber auch in modernen Kapitalmärkten gibt es diese Handelsform. Zwar wird dort meistens um Mikrosekunden gerungen, um Börsengeschäfte noch schneller abzuwickeln. Doch bei Firmenübernahmen sind Tauschgeschäfte nach wie vor beliebt - wie jetzt bei der Übernahme des deutschen Geldautomaten-Herstellers Wincor-Nixdorf durch den amerikanischen Konkurrenten Diebold. Dabei bezahlt ein Unternehmen einen Teil des Übernahmepreises mit eigenen Aktien. Diese werden also als Zahlungsmittel eingesetzt. Die Aktionäre des Konkurrenten, der übernommen wird, erhalten einen Teil der zugesagten Summe in Form von Aktien, im Tausch gegen ihre Anteilsscheine. Das kann sich für Unternehmen vor allem dann lohnen, wenn sie nicht genügend flüssige Mittel verfügen (und für die Übernahme keinen Kredit aufnehmen wollen) - aber auch für die Aktionäre, je nach Tauschverhältnis der Aktien zueinander. Jan Willmroth

Die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) war als der größte Computerhersteller Europas weiterhin an der Börse gelistet. 1992 kaufte Siemens schließlich die restlichen Aktien. Doch glücklich wurde Siemens mit Nixdorf nie. Mehrere Sparrunden folgten. Später wurde das Dienstleistungsgeschäft herausgelöst und in den Bereich Siemens Business Services (SBS) überführt - ein Geschäft, das Siemens heute aber ebenfalls nicht mehr betreibt. 1998 nahm Siemens die SNI AG dann von der Börse und integrierte das Computergeschäft in den Konzern.

Nach einem Jahr war auch damit Schluss. 1999 verkauften die Münchner die Kassensystem- und Bankenrechner an zwei Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Die SBS lebte noch ein paar Jahre fort, wurde aber nach der Korruptionskrise, die den Konzern erschütterte, abgewickelt. Nixdorf, beziehungsweise dessen verwertbaren Bestandteile, wurde von Finanzinvestoren übernommen, daher auch der Namenszusatz Wincor - das steht für erfolgreicher Kern. Einige Jahre blühte das Geschäft mit Geld- und Kassenautomaten, doch seit mehr und mehr bargeldlos bezahlt wird und die Banken sparen, tat sich auch Wincor Nixdorf schwer und schwerer.

Für Wincor Nixdorf zahlt Diebold etwa 1,7 Milliarden Euro - die Aktien des deutschen Unternehmens werden mit 52,50 Euro bewertet - ein Plus von gut 40 Prozent gegenüber den Kurs vom Oktober, als die Verhandlungen begannen. Die Anleger goutieren den Vorstoß, die Wincor Nixdorf-Aktien, die im MDax gelistet sind, legten deutlich zu, am Nachmittag lag ihr Kurs bei mehr als 48 Euro (plus 5,6 Prozent).