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Wiedervereinigung:Florierende Ostfirmen gingen meist an Westler

Rolle der Treuhand weiter strittig

Willkommen bei der Treuhand: Das Archivbild zeigt die umstrittene Behörde im August 1993.

(Foto: Hubert Link/dpa)

Forscher haben untersucht, wie die Treuhand nach der DDR privatisierte. Das dürfte zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung Diskussionen auslösen.

Von Alexander Hagelüken, München

Produktive Ostfirmen landeten nach der Wende meist im Westen. Dieses Ergebnis einer Studie dürfte zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung wieder die Debatte anheizen, wie gerecht es damals zuging. Das Forscherteam sieht in vielen Fällen gute Gründe für das Handeln der Treuhandanstalt und schreibt zugleich: "Aber es bleibt die Umverteilung von Firmenbesitz von Ost nach West festzuhalten".

Die Privatisierung der sozialistischen DDR-Wirtschaft war kompliziert. Zahlreiche Ostfirmen konnten mit westlicher Konkurrenz kaum mithalten. Oft wurden sie aber auch durch die rasche Lohnangleichung zum Westen und die Umstellung der Ostmark auf DM 1:1 gebremst, die ihre Waren gnadenlos verteuerte. Selbst jemand wie Edgar Most, Vize-Chef der früheren DDR-Staatsbank, nannte diesen Umtauschkurs schädlich. Wie die staatliche Treuhand dann die Ostfirmen privatisierte, ist bis heute vor allem in den ostdeutschen Bundesländern umstritten.

Forscher von Ifo-Institut, ZEW und der Universität Brüssel untersuchten nun den Verkauf mittlerer und größerer Betriebe. Die Privatisierung von Geschäften, Restaurants und Hotels, die größtenteils an Ostdeutsche gingen, spielte dabei keine Rolle. Bei den untersuchten Firmen ist das Ergebnis eindeutig: Nachdem die Treuhand 1995 weitgehend fertig war, gehörte jede zweite Ostfirma mehrheitlich Westlern. Diese Betriebe standen zugleich für zwei Drittel der Umsätze und Arbeitsplätze. "Gerade produktive DDR-Firmen blieben seltener in ostdeutschem Eigentum", schreiben die Forscher Lukas Mergele, Moritz Hennicke und Moritz Lubczyk.

Die Forscher sehen dafür teils plausible Erklärungen. Westdeutsche Investoren hätten damals über einen besseren Zugang zu Finanzkapital verfügt und seien erfahrener in der Führung marktwirtschaftlicher Unternehmen gewesen. "Darüber hinaus waren sie im Verhältnis zu Investoren aus dem Osten Deutschlands wahrscheinlich auch wirtschaftlich und politisch besser vernetzt", heißt es. "Bei den von der Treuhand gesetzten Kriterien waren westdeutsche Investoren also als zukünftige Unternehmenseigentümer möglicherweise besser geeignet." Aber es bleibe eben dabei, dass damit viel Besitz in den Westen abfloss.

Es sei auch richtig, dass die Treuhand manche Firma abgewickelt habe, obwohl sie produktiv war. Allerdings habe sie immerhin mehr als 70 Prozent solcher Firmen verkaufen können, aber nur 40 Prozent der am wenigsten produktiven. Die produktiveren Betriebe waren 20 Jahre später eher noch existent als die anderen.

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