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Wie Stiftungen investieren:Nach Rendite und Moral

A boy looks at a whale shaped art installation that is made of plastic and trash made by environmental activist group Greenpeace Philippines in Cavite

Umweltaspekte spielen für Stiftungen bei der Geldanlage eine immer größere Rolle. Das Bild zeigt einen Kunstwal, vollgestopft mit Plastikmüll. Mit der Installation auf den Philippinen will die Organisation Greenpeace ein Zeichen setzen gegen die Verschmutzung der Meere.

(Foto: Erik de Castro/Reuters)

Seit der Finanzkrise ist vielen Stiftungen ein gesundes, nachhaltiges Wirtschaften viel wichtiger als ein womöglich schneller Gewinn.

In der Zeit, als Karsten Behr begann, sich für Aktien zu interessieren, war es vergleichsweise leicht gewesen, an der Börse Geld zu verdienen. Es war Mitte der Achtzigerjahre, viele Unternehmen drängten damals an den Kapitalmarkt. Wer das Glück hatte, einige der meist stark überzeichneten Neuemissionen zu ergattern, konnte die Papiere meist wenige Tage später zu einem deutlich höheren Kurs verkaufen. "Als ich Nixdorf- und Porsche-Aktien zeichnete, musste meine Mutter unterschreiben. Ich war noch zu jung für solche Börsengeschäfte", erzählt Behr. Heute ist er Geschäftsführer der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung in Hannover, und es gehört zu seinem Job, große Summen möglichst ertragreich anzulegen. Die vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1989 gegründete Stiftung verfügt über ein Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Euro. Zuwendungen aus der Glücksspielabgabe (die hauptsächlich aus der Bingo-Umweltlotterie kommen) sorgen für einen steten Geldzufluss. In jedem Jahr stehen der Stiftung etwa sechs Millionen Euro für Umwelt- und Naturschutzprojekte sowie für Projekte zugunsten der Entwicklungszusammenarbeit und des Denkmalschutzes zur Verfügung.

Anders als vor 30 Jahren ist es heute, in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Aktienkurse, ungleich schwerer, eine ordentliche Rendite zu erwirtschaften. Hinzu kommt: Eine Stiftung, deren Zweck der Schutz der Umwelt ist, kann keine Investments tätigen, die ihrem Anliegen zuwiderlaufen - auch wenn die Renditen noch so verlockend sein mögen. "Anlagen, bei denen die Reputation der Stiftung Schaden nehmen könnte, sollte man tunlichst unterlassen", betont Behr. Das bedeute beispielsweise keine Investments, bei denen Betreiber von Kohlekraftwerken involviert sind.

"Oftmals", so der Geschäftsführer, "ist es jedoch schwer, klar abzugrenzen, ob eine Anlage mit dem Stiftungszweck vereinbar ist oder nicht." Er nennt die Beispiele Siemens und Münchener Rück: "Siemens ist an einem Wasserkraftwerk in Südamerika beteiligt, das die Münchener Rück versichert hat. Mit Blick auf die Schonung von Ressourcen ist Wasserkraft eine gute Sache. Aber Kritiker verweisen darauf, dass für den Bau des Kraftwerks massiv in die Umwelt eingegriffen wurde. Da sitzt man als Investor, dem Nachhaltigkeit wichtig ist, zwischen zwei Stühlen." Üblicherweise definiert jede Stiftung für sich Anlagerichtlinien. Sie legen fest, welchen Zielen die Investments folgen sollen und nach welchen Kriterien die Auswahl zu treffen ist. "Dabei gewinnt der Aspekt der Nachhaltigkeit einer Geldanlage bei allen Stiftungen immer stärker an Bedeutung - unabhängig von ihrer Größe", beobachtet Stefan Riecher, Direktor der Braunschweiger Privatbank, die bundesweit zahlreiche Stiftungen betreut.

Die Ursprünge dieses neuen Denkens datiert Riecher auf die Jahre nach der Finanzkrise 2007/2008. Damals hätten viele Stiftungen so viel Geld verbrannt, dass mitunter gar ihr Stiftungszweck in Gefahr geraten sei. "Wir haben mit Stiftungen gesprochen, die bis zu 40 Prozent ihres Vermögens verloren haben", sagt der Banker. Seitdem sei vielen Stiftungen gesundes, nachhaltiges Wachstum viel wichtiger als eine kurzfristig zu erzielende hohe Rendite.

Auch die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung hat festgelegt, dass sich Investments an nachhaltigen Kriterien orientieren sollen. "Das heißt jedoch nicht Nachhaltigkeit um jeden Preis. Schließlich muss ich auch ökonomische Komponenten im Auge behalten, sonst kann ich den Stiftungszweck nicht erfüllen. Es geht immer darum, eine gute Balance zu finden zwischen einer vernünftigen Rendite und einer nachhaltigen Anlage", sagt Behr. Anders als noch vor zehn Jahren gebe es inzwischen jedoch eine große Auswahl nachhaltiger Investmentprodukte. "Nachhaltigkeit in der Geldanlage bedeutet keinesfalls den Verzicht auf Rendite."

Aber was genau ist ein nachhaltiges Investment? "Eine kirchliche Stiftung folgt möglicherweise einer anderen Definition und setzt andere Toleranzgrenzen als eine Umweltstiftung", erläutert Banker Riecher. Ist es zum Beispiel noch akzeptabel, wenn ein ansonsten nachhaltigen Kriterien entsprechendes Unternehmen ein oder zwei Prozent seines Umsatzes mit Rüstungsprojekten oder Glücksspiel erwirtschaftet? Dazu gibt es möglicherweise unterschiedliche Meinungen. Behr ist ein Gegner strenger Ausschlusskriterien. "Eine Anlagerichtlinie braucht eine gewisse Flexibilität: Wenn ich die Grenzen zu eng setze, laufe ich permanent Gefahr, sie zu verletzen." Der Geschäftsführer legt Wert auf ein breit gefächertes Portfolio. Das reduziere das Risiko und biete eine gute Chance für eine kontinuierliche Rendite. Dabei investiert die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung nicht in Einzeltitel, sondern bevorzugt in Fonds. So hat sie sich etwa an einem geschlossenen Fonds beteiligt, der in regenerative Energien in Entwicklungsländern investiert. Auch besitzt sie Anteile an einem Fonds, der Kleinkredite an Jungunternehmer in Afrika vergibt. Interessant findet Behr neben Anleihen von Unternehmen, die als nachhaltig eingestuft werden, auch "Green Bonds": "Wenn Papiere begeben werden, um Umweltprojekte direkt zu initiieren oder zu unterstützen, passt das perfekt zu unserem Stiftungszweck."

"Viele Stiftungen haben Angst, etwas falsch zu machen."

Riecher hält es für wichtig, dass eine Stiftung und die sie betreuende Bank sehr intensiv über die Investmentstrategie diskutieren. Denn auch viele Geldinstitute haben für ihre Anlagepolitik Nachhaltigkeitskriterien definiert - die aber nicht deckungsgleich sein müssen mit den Vorstellungen der Stiftung. "Das Problem besteht darin, dass Banken und Stiftungen häufig nicht auf Augenhöhe miteinander reden können, weil vor allem in den Gremien kleiner Stiftungen zu wenig Anlagekompetenz vorhanden ist", beklagt Riecher, der ehrenamtlich in zwei Stiftungen als Finanzvorstand tätig ist. Er rät, externe Expertise einzuholen, auch wenn das möglicherweise aufwendig sei. "Hilfreich ist auch, wenn sich Stiftungen in Netzwerken bewegen. Da hört man, wie andere es machen, und kann Erfahrungen austauschen."

Behr und Riecher sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit nicht bloß eine Modeerscheinung ist. "Es braucht manchmal ein wenig Mut, Entscheidungen zu treffen. Viele Stiftungen haben Angst, etwas falsch zu machen", sagt Behr. Aber mitunter ist auch einem erfahrenen Investor wie ihm ein Risiko zu groß. So winkte er kürzlich ab, als ihm für seine Stiftung eine Beteiligung an einem Windpark angeboten wurde. "Ein tolles Projekt. Aber die Mindestanlagesumme betrug fünf Millionen Euro. Das hätte die Gewichte in unserem Portfolio zu sehr verschoben."

© SZ vom 30.11.2017
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