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Paul Poet und die Mikro-Nationen:"Das hat nichts mit Hippieträumen zu tun"

Poet: Ursprünglich mit einem Radio-Piratensender. Dem durfte dann aber, als Sealand eine eigene Nation wurde, kein Werbegeld mehr gezahlt werden. Großbritannien formulierte die Gesetze neu, weil es sich über die Besetzung der Insel geärgert hatte. Später erkundete die Familie neue Geschäftsfelder - Geoffrey Withers, der in den achtziger Jahren noch Finanzberater der früheren britischen Premierministerin Margret Thatcher war, mischt bei Sealand übrigens auch mit. Mittlerweile geht das eher in Richtung Waffenhandel, Casinoschiff-Belieferung und Geldwäsche. Das sind Schlitzohren, die sich unangreifbare Freiräume errichten und dann auch skrupellos nutzen. Aber es ist ein Doppelleben: Die Familie Bates besitzt auch die britische Staatsangehörigkeit und hat sich zugleich ein Leben als Fischer und Muschelzüchter aufgebaut. Die Abenteurer-Fürsten von Sealand haben also auch eine gesetzte klassische Existenz mit Reihenhaus und Garten an der Küste von England.

SZ: Sind das Glücksritter, die sich da ihre eigenen Welten schaffen?

Poet: Das sind sicher Glückritter und Lebenskünstler, und das ist ja auch etwas Schönes. Wie kann in dieser übererklärten Welt noch ein Traum Realität werden? Selbst wenn die Mikronationen oft nur anarchische Gefäße sind, am Ende zusammenkrachen mögen und auf globaler Ebene nicht ernst genommen werden - sie bieten ein Glückgefühl für ein paar Dutzend Menschen, die einen bunten Weg wählen, um ihr Leben neu aufzusetzen. Aber auch bekannte Unternehmer gehören zu denen, die von einem eigenen Mikrokosmos träumen.

SZ: Welche zum Beispiel?

Poet: Es gibt etwa das Seasteading Institute von Patri Friedman, dem Enkel des Ökonomen Milton Friedman. Der will mit Geld etwa vom Paypal-Mitgründer Peter Thiel Inselstaaten errichten, in denen völlig frei gewirtschaftet werden kann. Sealand war nur der Pionier auf diesem Gebiet. Oder Lazarus Long, Fürst der Mikronation von New Utopia, der in der Nähe der Cayman-Inseln an einem Riff ein künstliches Eiland aufschütten will, um dort völlig dereguliert eine Bank und medizinische Einrichtungen aufzubauen. Er verspricht Investoren schon jetzt die beste aller Welten.

SZ: Wie ist es Ihnen selbst in den Mini-Nationen ergangen? Haben Sie sich dort wohl gefühlt?

Poet: Durchaus. Diese Sturheit, sich einerseits selbst abzugrenzen und gleichzeitig offen sein zu wollen - das hat auch etwas sehr Österreichisches, was die Mikronationen-Szene in sich trägt. Die ganze Bewegung der Gegenwelten, die ist komplett anders als das, was man damit verbinden mag. Das hat nichts mit 1968 zu tun, mit dem Hippietraum von Ich-suche-mir-jetzt-meine-Insel, die autark und separiert vom Weltgeschehen funktioniert. Das geht heute nicht mehr. Die Welt ist ergründet und vordefiniert. Um sich davon abzusondern, muss man auch mit der Welt gemeinsam funktionieren. Das ist Globalisierung. Die Leute in Empire Me sind alle fit auf diesem Gebiet, die sind mit der Welt vernetzt und kommunizieren. Sie haben gar keine andere Wahl.

SZ: Warum?

Poet: Weil es seit der großen neoliberalen Welle in den letzten 20 Jahren kein Gegenkonzept mehr gibt, sondern nur noch ein kapitalistisches Weltverständnis, das auch die Demokratien formt.

SZ: Aber momentan kracht es im Gebälk des Kapitalismus ...

Poet: Weil er sich in einer Hyperbewegung selbst torpediert hat. Darum entsteht mit Occupy Widerstand. Weil die Leute nicht mehr fühlen, dass diese Welt, die sich auftut, Gültigkeit hat. Weil es mehr oder weniger inszenierte Marktwelten sind, in denen sie außer über Geld nicht wirklich etwas beizutragen haben. Da gibt es dieses Bedürfnis nach etwas, was wirklich Wert besitzt. Ich glaube, die ganze Krise ist die Suche nach dem, was eigentlich Realität ist.

SZ: Das wäre auch einen Film wert ...

Poet: Der ist bereits in Planung. Er wird über die Occupy-Bewegung gehen und Revolte heißen. Ich weiß zwar nicht, ob es Occupy noch gibt, wenn er in die Kinos kommt. Aber das Phänomen, dass Leute sich zu wehren beginnen, ist mehr als Eventkultur und bleibt sicher aktuell. Occupy ist für mich nur eine erste Brennstufe, weil Menschen, die sich zwei, drei Jahrzehnte vollkommen haben treiben lassen und zu passiven Konsumenten geworden sind, nun plötzlich sehen: Das funktioniert nicht mehr.

Beim Filmverleih Real Fiction finden sich Hinweise, in welchen Städten der Film gezeigt wird.