Fußball und Wirtschaft:"WM ist produktivitätsvernichtend"

Foul oder nicht? Elfmeter? Allein mit Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen oder Tore geht während der WM Arbeitszeit verloren. Wie viel genau? Das hat der Ökonom Markus Voeth ausgerechnet.

Paul Katzenberger

Professor Markus Voeth leitet den Lehrstuhl für Marketing der Universität Hohenheim in Stuttgart: Bereits zur WM 2006 untersuchte er, welche Auswirkungen das Großereignis auf die deutsche Wirtschaft hat. Damals kam er auf eine Einbuße von 0,4 Prozent des Sozialproduktes. Bei der Studie zur aktuellen WM in Südafrika fällt dieser Wert mit 0,27 Prozent geringer aus. Allerdings beinhalten beide Messgrößen nur die negativen Effekte - die langfristigen positiven Auswirkungen sind nicht quantifizierbar.

WM 2010 - Fan Fest Hamburg

Fan-Fest in Hamburg: Im Fußball haben die Deutschen eine neue Leichtigkeit entdeckt. "Das schafft eine Stimmung, die eine Langfristwirkung hat", sagt der Ökonom Markus Voeth. Die Folgen seien eine verbesserte Stimmung in Unternehmen und eine höhere Motivation sowie höhere Loyalität der Mitarbeiter.

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Herr Professor Voeth, wenn Deutschland gegen England oder gegen Argentinien spielt, dann steht das ganze Land still. Sie haben die wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußball-Weltmeisterschaft untersucht. Was überwiegt, die positiven oder die negativen Konsequenzen?

Markus Voeth: Es gibt sicherlich widerstreitende Aspekte dabei. Wenn Sie nur auf die Produktivität abzielen, dann ist so eine WM sicherlich in vielen Bereichen produktivitätsvernichtend, weil die Menschen Teile ihrer Arbeitszeit schlichtweg für andere Dinge verwenden als dies eigentlich ihr Job ist.

sueddeutsche.de: Wie hoch ist die Verlustquote einzuschätzen?

Voeth: Wir haben gefragt, ob für das Thema Fußball am Arbeitsplatz Arbeitszeit draufgeht, ohne dass diese Arbeitszeit nachgearbeitet wird. 51 Prozent der Befragten haben geantwortet: Jawohl, während der WM ist es klar, dass wir uns mit Kollegen innerhalb der Arbeitszeit und nicht neben der Arbeit, sondern anstatt der Arbeit über das Thema Fußball austauschen. Das ist auch großteils vom Arbeitgeber akzeptiert, führt aber zweifelsohne zu einem Produktivitätsverlust.

sueddeutsche.de: Arbeitet denn gar niemand die verlorene Arbeitszeit nach?

Voeth: Ein Viertel der Mitarbeiter, die sagen, dass am Arbeitsplatz über Fußball geredet wird, geben an, dass sie die entgangene Arbeitszeit nachholen würden. Das bedeutet aber auch, dass drei Viertel der Beschäftgten die Arbeitszeit nicht nachholen. Dass dieser Wert realistisch ist, haben unsere Studien schon 2006 gezeigt.

sueddeutsche.de: Wie geht die Arbeitszeit verloren: Nur durch Fachsimpeleien?

Voeth: Das können Kollegen sein, mit denen man morgens erst einmal eine viertel Stunde spricht, weil man mit ihnen ein Tippspiel macht. Das können aber auch Kollegen sein, die nicht deutscher Nationalität sind und mit denen man erst einmal über deren Nationalmannschaft spricht. Es wird einfach ein Stück weit Arbeitszeit vergeudet.

sueddeutsche.de: Wird denn am Arbeitsplatz Fußball direkt angesehen? Viele Spiele finden ja schon am Nachmittag statt.

Voeth: Das ist nur bei einem geringen Anteil der befragten Arbeitnehmer der Fall, also bei unter zehn Prozent. Das ist auch etwas, was großteils von den Arbeitgebern nicht akzeptiert wird, wohingegen bei anderen Dingen wie Austauschen über Ergebnisse, Ergebnisse im Internet verfolgen, Tippspiele, die mit Kollegen gemacht werden, ein relativ großes Wohlwollen bei vielen Arbeitgebern zu beobachten ist.

sueddeutsche.de: Wissen das die Arbeitnehmer auch?

Voeth: Interessanterweise sehen die Mitarbeiter ihre Chefs an der Stelle kritischer als diese Chefs sich selber einschätzen. Sprich: Die Mitarbeiter wissen, der Vorgesetzte sagt nichts, sie denken aber, er findet es nicht gut. Der Chef denkt wiederum: Ich sage ja nichts und glaubt daher, bereits das Signal auszusenden, dass er das zumindest in Teilen akzeptieren würde.

sueddeutsche.de: Letztendlich siegt aber die Neugier auf den Fußball. Haben Sie quantifiziert, welche Einbußen die deutsche Wirtschaft dadurch unter dem Strich erleidet?

Voeth: Ja, wir sind auf einen Verlust von 0,27 Prozent des Bruttosozialprodukts gekommen. Ausgedrückt in Euro, bedeutet dies eine Einbuße von 6,6 Milliarden Euro, wenn man der aktuellen Wachstumsprognose der Bundesbank für 2010 glaubt. Für uns ist das zunächst aber nur eine Messgröße, die sich aus 15 Minuten ergibt, die pro Mitarbeiter während der WM in Durchschnitt täglich verlorengeht.

sueddeutsche.de: Verändert sich denn dieser Messwert, je nachdem wie lange Deutschland im Turnier bleibt?

Voeth: Natürlich: Wenn Deutschland nach der Vorrunde wieder nach Hause gefahren wäre, dann wäre dieser Effekt sicherlich kleiner ausgefallen. Und wenn sich Deutschland spektakulär auf den Titelthron vorkämpft, dann ist dieser Effekt wahrscheinlich größer.

"Imagemäßig deutlich besser positioniert"

sueddeutsche.de: Auf welchem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft basiert ihr Wert von der Viertelstunde verlorener Arbeitszeit?

Fußball und Wirtschaft: Professor Markus Voeth: "Viele Unternehmen wollen siche heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren, sondern verstehen sich häufig als globales Unternehmen."

Professor Markus Voeth: "Viele Unternehmen wollen siche heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren, sondern verstehen sich häufig als globales Unternehmen."

(Foto: Oskar Eyb)

Voeth: Bei jedem Befragten haben wir dessen eigene Erwartungshaltung zugrunde gelegt. Die Mehrzahl der Befragten glaubt, dass Deutschland im Viertelfinale rausfliegt, und das haben die Leute natürlich bei ihrer Antwort an der Stelle im Kopf gehabt.

sueddeutsche.de: Steigert denn ein so positiv wahrgenommenes Ereignis wie die WM nicht die Loyalität der Arbeitnehmer zu ihrem Arbeitgeber, wenn dieser besonders großzügig ist, und den Austausch am Arbeitsplatz oder sogar das Verfolgen der Spiele via Internet oder Fernsehen zulässt?

Voeth: Ja, absolut. Das schafft eine Stimmung, die eine Langfristwirkung hat. Die erwähnte Einbuße von 0,27 Prozent ist sehr kurzfristig. Sie taucht während der WM auf - durch entgangene Arbeitszeit. Der positive Langfristeffekt durch eine verbesserte Stimmung, höhere Motivation, höhere Loyalität, höhere Identifikation mit dem Unternehmen, der schmälert dieses Negative. Leider sind wir nicht in der Lage zu sagen, um wie viel genau?

sueddeutsche.de: Warum?

Voeth: Eine Größe wie Stimmung lässt sich eben nicht so gut quantifizieren wie ein hartes Kriterium wie 15 Minuten Arbeitszeit pro Tag und Arbeitnehmer im Durchschnitt.

sueddeutsche.de: Sind 15 Minuten an Arbeitszeitverlust eigentlich nicht Erbsenzählerei? Wenn wir uns beispielsweise die WM 2006 im eigenen Land anschauen, die das Image Deutschlands in der Welt sicher deutlich positiv verändert hat. Plötzlich waren die Deutschen nicht mehr nur Ordnungsfanatiker, sondern ein Spaßvolk. War diese Werbung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht viel wertvoller als die paar verlorenen Arbeitsminuten?

Voeth: Die Nachhalleffekte der WM 2006 darf man sicher nicht unterschätzen. Imagemäßig ist Deutschland seither im Ausland deutlich besser positioniert, das hätte man durch keine Werbekampagne in vergleichbarer Weise erreichen können. Unter wirtschaftlichen Aspekten muss man allerdings fragen: "Was hat eigentlich eine Firma, die Werkzeugmaschinen für den asiatischen Markt herstellt, davon, wenn die Deutschen nicht mehr als so akribisch oder ordnungsfanatisch, sondern als menschlich und fröhlich rüberkommen?"

sueddeutsche.de: Das klingt so, als ob das "Made-in-Germany-Label", das ja für die akkuraten Deutschen steht, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer noch wichtiger ist als das "Sommermärchen", bei dem sich die lustigen Deutschen präsentiert haben?

Voeth: "Made in Germany" spielt vor allem im Industriegüterbereich natürlich eine Rolle, teilweise können sie sich sogar nur über das Herkunftsland abgrenzen und zwar nicht so sehr über die eigentlichen Produkte, sondern über die Qualität anschließender Serviceleistungen. Der Kunde kauft beispielsweise eine Maschine und muss darauf hoffen, dass sie ihm helfen, wenn er einmal ein Problem haben sollte. Da spielt es schon eine Rolle, dass man sich über das Label "Made in Germany" gleich als verlässlich, pünktlich und zuverlässig positioniert.

sueddeutsche.de: Deutschland bleibt also trotz seiner neuen Leichtigkeit im Fußball auf seine Rolle festgelegt?

Voeth: In vielen Industriegüterbereichen spielt das wie gesagt sicher noch eine Rolle, aber der Effekt wird immer schwächer, nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Unternehmen heute nicht mehr so eindeutig als deutsches, als französisches oder irgend ein anderes Unternehmen positionieren wollen, sondern sich häufig als globales Unternehmen verstehen.

sueddeutsche.de: Hätte denn der Weltmeister-Titel einen wirtschaftlichen Wert?

Voeth: Es gibt empirische Studien, die dies zu belegen versuchen. Da gibt es aber unterschiedliche Ergebnisse. Wissenschaftlich sauber belegt ist dies also nicht.

sueddeutsche.de: Aber der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte doch schon lange vor der Weltmeisterschaft 2006 gesagt, seine Chancen für eine Wiederwahl würden steigen, wenn Deutschland Weltmeister werde. Das ließ sich damals nicht mehr überprüfen, weil es zu vorgezogenen Neuwahlen kam, aber lag Schröder daneben?

Voeth: Auf der Politikebene sind die Effekte sicher größer als in einzelnen Branchen. Das mag sich dort auch mal zeigen, aber man darf diesen Effekt nicht pauschalisieren und man darf ihn auch nicht überschätzen.

© sueddeutsche.de/bgr/mel
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB