Wie Deutsche die goldenen Jahre erlebt haben Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)

Von Alexander Hagelüken

Isabel Schnabel hatte sich schon als Studentin mit Finanzkrisen beschäftigt. Als sie Anfang 2007 in Mainz ihre erste Professorenstelle antrat, wollte sie genau darüber eine Vorlesung halten. Da hieß es: Ach, das interessiert doch keinen. Wenige Monate später brach die Finanzkrise aus, Amerika und Europa erlebten den schlimmsten Wirtschaftsabsturz seit 80 Jahren. Warum in Deutschland trotzdem bald ein langer Boom begann, während viele Euroländer in Rezessionen feststeckten? Schnabel sieht mehrere Gründe. "Weil Deutschland Arbeitsmarkt und Sozialsystem schon in den 2000er Jahren reformierte, musste es das nicht wie andere Länder in der schwierigen Zeit nach der Krise tun." Ansonsten zählt sie Argumente für den Boom auf, die andere Ökonomen ebenso aufzählen, Exportstärke etwa, moderate Löhne. Dann sagt sie etwas, das aufhorchen lässt: "Was oft unterschätzt wird, ist der positive Effekt der Zuwanderung. Das half, den Aufschwung zu verlängern, weil Arbeitskräfte zur Verfügung standen." Konjunkturell blieb der globale Finanzschock für die Deutschen also nur eine Episode. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung behält das Thema aber lieber im Auge - ein Karrierehelfer für Finanzexpertin Schnabel, die vor fünf Jahren Wirtschaftsweise wurde, mit erst 42 Jahren. Geht der deutsche Boom nun langsam zu Ende? Handelsstreit, Brexit, die Risiken türmen sich. Die Wirtschaftsweisen sagten im November für 2019 noch 1,5 Prozent Wachstum voraus, Schnabel rechnet inzwischen nur noch mit gut einem Prozent. Nur weil der Boom schon lange anhalte, müsse er aber nicht enden. "Im Sachverständigenrat sagen wir immer, ein Aufschwung stirbt nicht an Altersschwäche", sagt sie. Andererseits: "Ob eine populistische Regierung in den USA oder anderswo schlechte wirtschaftspolitische Entscheidungen trifft, kann man schwer mit einem Modell vorhersagen."