Whistleblower Heikle Entscheidung

Illustration: Sead Mujic

Ein Manager deckt Korruption in Saudi-Arabien auf. Er fürchtet um sein Leben - und hilft nun anderen Informanten.

Von Björn Finke, York

"Fürchterlich" sei die Erfahrung, ein Whistleblower zu sein, sagt Ian Foxley. "Aber ich würde mich wieder so entscheiden." Der frühere Oberstleutnant der britischen Armee arbeitete als Projektmanager bei einer Tochter des Airbus-Konzerns in Saudi-Arabien. Dort deckte er mutmaßliche Schmiergeldzahlungen an saudische Militärs und Offizielle auf. Dafür wurde er nicht belohnt, sondern mit Gefängnis bedroht. Der Ex-Fallschirmjäger, der in Bosnien und Nordirland eingesetzt war, fürchtete um sein Leben, floh nach Großbritannien und packte hier aus.

Er wurde also zum Whistleblower, zum Insider, der Missstände in seiner Organisation, seiner Firma, seiner Behörde öffentlich macht. Jemand, der bildlich gesprochen mit der Trillerpfeife Alarm schlägt.

Das Serious Fraud Office, die Londoner Ermittlungsbehörde für schwere Wirtschaftskriminalität, begann auf Grundlage seiner Aussagen 2012 ein Verfahren, das immer noch läuft. Und Foxley gehörte zu den Mitgründern von Whistleblowers UK, einem Verband, der sich für den besseren Schutz solcher Informanten in Großbritannien einsetzt und sie berät.

"Für mich war die Gründung auch eine Art Therapie", sagt der 60-Jährige. "Es tat gut, sich mit anderen über seine Erfahrungen auszutauschen und ihnen zu helfen." Denn nach der Rückkehr aus Saudi-Arabien fiel der Spezialist für militärische Kommunikationstechnik in ein tiefes Loch, litt unter Depressionen. Seine Firma, die britische Airbus-Tochter GPT Special Project Management, hatte ihn nach der Flucht in die Heimat entlassen. Foxley bewarb sich bei anderen Unternehmen, doch da bekam er zu hören, dass er nach diesem Skandal verbrannt sei. Über einen Freund fand der erfahrene Manager schließlich eine Stelle bei einem Technologie-Start-up.

"Meine Depressionen hingen mit dem enormen Stress zusammen", sagt der Ex-Offizier

Seit September ist er wieder Student. An der Universität im nordenglischen York, in der Nähe seines Wohnorts, beschäftigt er sich für einen Master-Abschluss mit Menschenrechten. Seine Masterarbeit untersucht Menschenrechtsverletzungen gegenüber Whistleblowern. "Die Erfahrungen unseres Verbandes zeigen, dass fast alle Whistleblower für ihren Mut Nachteile erleiden", sagt er. Sie werden für ihre scheinbare Illoyalität schlecht behandelt, verlieren Job und Einkommen, die Anspannung greift ihre Gesundheit an. "Meine Depressionen hingen mit dem enormen Stress zusammen", sagt er. "Und ich habe als Offizier lange in Kriegsgebieten gedient. Wie soll es da anderen ergehen?"

Foxley fing im Sommer 2010 bei GPT in Riad an, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Die Tochter des europäischen Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns Airbus beliefert die saudische Nationalgarde, die Leibgarde des Königshauses, mit moderner Kommunikationstechnik. Der Vertrag ist fast zwei Milliarden Pfund wert; auch das britische Verteidigungsministerium ist an dem Projekt beteiligt.

Foxley zieht alleine nach Saudi-Arabien, zunächst ohne seine Frau und die drei Kinder - ein weiser Beschluss, wie sich hinterher zeigt. Vieles habe ihn direkt stutzig gemacht, erinnert er sich: Er ist der dritte Projektmanager innerhalb eines halben Jahres, GPT erhielt den Riesenauftrag ohne Ausschreibung, Foxley bekommt keine Budgetvorgaben. Nach sechs Monaten spitzt sich die Lage zu. Foxley soll einen Vertrag unterschreiben, der unter anderem eine Zahlung von 1,6 Millionen Pfund an nicht näher benannte Subunternehmer freigibt. Auf Nachfragen, für wen das Geld bestimmt sei, antworten andere Manager, das gehe ihn nichts an.

Er vertraut den Kollegen nicht mehr, spricht aber schließlich mit einem Angestellten, der in der Firma konsequent als Spinner bezeichnet wird. Dieser vermeintliche Spinner ist ein Finanzcontroller, der seine Vorgesetzten seit Jahren auf verdächtige Zahlungen hingewiesen habe, jedoch ruhiggestellt worden sei, sagt Foxley. Der Zahlenmann berichtet ihm über 11,5 Millionen Pfund an mutmaßlichen Bestechungsgeldern, über verschenkte Luxusautos.

Foxley kopiert belastende E-Mails und Unterlagen und wendet sich an die Vertretung des britischen Verteidigungsministeriums in Riad. Die habe allerdings GPT informiert, klagt er. Foxley wird zu einem Treffen in die britische Militärmission einbestellt. Dort sei auch eine Managerin von GPT anwesend gewesen, die mit dem saudischen Königshaus verwandt sei, sagt er. Ihm sei gedroht worden, dass er für den Verrat von Firmeninterna in Saudi-Arabien ins Gefängnis kommen könne.

Nach dem unheilvollen Gespräch rät ihm ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, sofort von Riad nach London zu fliegen. Das Warten an der Passkontrolle sei ein Albtraum gewesen, sagt Foxley: "Ich habe gefürchtet, festgenommen und gefoltert zu werden." Doch alles geht gut, GPT hat ihn noch nicht angezeigt.

Er fordert, dass der Gesetzgeber Whistleblower besser schützen soll

Zu dem Ermittlungsverfahren, das Foxley angestoßen hat, teilt Airbus mit, dass der Konzern umfassend mit dem Serious Fraud Office zusammenarbeite, aber darüber hinaus nicht Stellung nehmen wolle.

Damit es andere Whistleblower einfacher haben, fordert Foxley besseren Schutz durch den Gesetzgeber. So sollten Konzerne hart bestraft werden, wenn sie Informanten schikanieren. Zudem sollten Whistleblower an den Geldbußen für die aufgedeckten Missstände beteiligt werden. "Das ist keine Belohnung, sondern eine Entschädigung für den Ärger", sagt er.

Auch das Whistleblower-Netzwerk, ein deutscher Verband, verlangt Gesetzesänderungen. Immerhin setzen sich die Justizminister der Länder dafür ein, dass der Bund entsprechende Regeln erlässt. Frankreich ist da schon weiter: Im November verabschiedete das Parlament ein Gesetz zum Schutz von Hinweisgebern.