Interoperabilität:Warum der Abschied von Whatsapp bald leichter fallen könnte

Lesezeit: 4 min

Verschiedene Social-Media-Apps wie Whatsapp oder Snapchat auf einem Handy

Die EU möchte, dass verschiedene Chat-Apps Nachrichten austauschen können - so einfach ist das aber nicht.

(Foto: imageBROKER/Valentin Wolf via www.imago-images.de/imago images/imagebroker)

Verschiedene Messenger sollen laut EU-Plänen miteinander kommunizieren können, soziale Plattformen sich gegenseitig anfunken. Dadurch könnte eine Art SMS zurückkehren. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Von Philipp Bovermann

Die Umwälzung des Internets, die sich derzeit anbahnt, lässt sich am einfachsten am Beispiel von Whatsapp erklären. Viele Menschen machen sich Sorgen wegen des laxen Umgangs mit ihren Daten bei dem Messenger, der zum Social-Media-Imperium Meta gehört. Trotzdem nutzen 81 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren Whatsapp. Genau deshalb kommt an der App kaum jemand vorbei - sofern er nicht Freunden und Verwandten mitteilen will, er sei wegen Datenschutzbedenken zu einem anderen Messenger gewechselt und für sie nur noch zu erreichen, wenn sie mitziehen.

Man nennt das "Netzwerkeffekt": Dienste wachsen allein dadurch, dass sie stark verbreitet sind, noch weiter - und bleiben dann groß, weil die Nutzer sich gewissermaßen eingesperrt fühlen. Politiker, vor allem aus der SPD, propagieren seit Jahren ein Gegengift, das nun bald Gesetz werden könnte.

Digitale Dienste sollen zur Interoperabilität verpflichtet werden. Das bedeutet, dass sie sich untereinander verbinden müssen, damit etwa die zu einem anderen Messenger wie Signal gewechselte Enkelin ihrem Opa Nachrichten schicken kann, die der dann auf Whatsapp erhält. Bei einer Befragung des Bundesverbands Verbraucherzentrale gab ein Drittel der Befragten an, dass sie ihren Haupt-Messenger wechseln würden, wenn sie darüber alle ihre Kontakte erreichen könnten.

Querverbindungen zwischen den Mikrokosmen sollen entstehen

Die EU plant, eine entsprechende Vorgabe im Gesetz für digitale Märkte zu verankern. Die großen digitalen Plattformen sollen sich technisch öffnen, damit es für kleinere Anbieter möglich wird, sich mit ihnen "zusammenzuschalten". So heißt es in dem Antrag, auf den sich der Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz verständigt hat. Kommenden Mittwoch soll das Plenum ihn beschließen, dann geht der Entwurf in die Abstimmung mit Kommission und Mitgliedstaaten.

Die Rede ist nicht nur von Messengern, sondern auch von sozialen Netzwerken. Es könnte also sein, dass etwa Twitter-Nutzer künftig einen Beitrag über einen entsprechenden Button auch auf Facebook absetzen können. Die Verpflichtung zur Interoperabilität träfe lediglich die großen Anbieter. Diese sogenannten Gatekeeper haben bisher von den Netzwerkeffekten profitiert. Sie müssten sich und ihre Dienste also für Querverbindungen in andere digitale Mikrokosmen öffnen. Was das für Auswirkungen auf die Nutzer hat, dürfte ein spannendes Forschungsfeld werden, wenn es denn so weit kommt.

Für kleine Anbieter bestünde ein Zwang zur Interoperabilität nicht, um sie nicht zu überfordern. Sie müssten ihre Dienste wohl zunächst einmal umbauen und vermutlich auch erweitern, um überhaupt sinnvoll Kanäle zu größeren, technisch komplexeren Plattformen öffnen zu können. In der Praxis könnte das kompliziert werden. Gesucht wären nicht weniger als einheitliche Standards für die Kommunikation im Social Web, so wie es sie etwa für Onlinebanking, E-Mails und klassische Telefonie gibt. Ob diese Standards allerdings wirklich mehr Wettbewerb schaffen oder eher Innovation verhindern, ist eine offene Frage.

So warnte EU-Kommissionsvizepräsidentin Margrethe Vestager im März: "Wenn wir jetzt vorschreiben, dass alle Messenger kompatibel sein müssen, könnte das dazu führen, dass wir eine Art SMS zurückkriegen." Sonderfunktionen wie das Einblenden von Emojis bei Videocalls oder etwa eine besonders gute Übertragungsqualität müssten entweder universeller Standard werden - oder auf die Nutzer beschränkt bleiben, die innerhalb desselben Dienstes miteinander kommunizieren. Die Kommunikation zwischen den Diensten liefe in diesem Fall Gefahr, einen kleinsten gemeinsamen Nenner als Standard zu etablieren.

"Nur noch so schnell wie der langsamste Teilnehmer"

Solche Befürchtungen sind auch aus der Branche zu hören. Sie stehen in einem Zwischenbericht des Bundeskartellamts, das derzeit den Markt für Messenger und Videotelefonie untersucht. Es geht darin in erster Linie um Interoperabilität. Eine entsprechende gesetzliche Verpflichtung lehnen die meisten befragten Unternehmen ab. Ein laut dem Bericht "führender Videokonferenzanbieter" etwa fürchtet, die Branche könne sich fortan "nur so vorwärtsbewegen, wie der langsamste Teilnehmer mithalten könne". Heißt natürlich auch: Die großen Anbieter wollen ihren technischen Vorsprung und ihre durch Netzwerkeffekte geschaffenen Quasi-Monopole natürlich behalten. Aber auch kleinere Dienste fürchten, ihre Spezialisierung zugunsten allfälliger Standards preisgeben zu müssen.

Der Schweizer Messenger Threema etwa schreibt auf SZ-Anfrage: Kommunizierten künftig die Nutzer aller Messenger auf demselben Datenschutz-Niveau, müsste sich niemand mehr eine App wie Threema herunterladen, die auf Datenschutz besonderen Wert legt. Andere Anbieter warnen vor dem massenhaften Austausch sogenannter Metadaten (zum Beispiel: Wer kommuniziert mit wem?) und Identifier (Wer ist wer?) in einem übergreifenden Kommunikationsnetz interoperabler Dienste. Immerhin hält der Bericht des Bundeskartellamts fest, dass Interoperabilität von der Branche "nicht rundheraus abgelehnt wird".

Sichere Verschlüsselung soll weiterhin möglich bleiben

Die eigentliche Arbeit aber stünde wohl erst noch bevor, wenn die EU den "Gatekeepern" wirklich vorschreiben sollte, sich zu öffnen, was als sehr wahrscheinlich gilt. Dann würde die Suche nach den gemeinsamen Standards beginnen, zwischen der Skylla des kleinsten gemeinsamen Nenners und der Charybdis von Funktionsumfängen, die manche Anbieter überfordern und somit außen vor lassen. Erste technische Vorschläge liegen schon bereit, wie etwa die abhörsichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auch zwischen unterschiedlichen Messengern zu realisieren wäre.

Die Bereiche, die laut Antrag aus dem Parlamentsausschuss interoperabel gestaltet werden sollen, sind in Messengern "Funktionen wie Text, Video, Sprache und Bild", in sozialen Medien "Beiträge, Likes und Kommentare". Das Papier bleibt vage hinsichtlich der Frage, wie diese Festlegung von Standards vonstattengehen soll. Für Susanne Blohm vom Bundesverband Verbraucherzentrale wäre aber gerade das der entscheidende Punkt: Wer entscheidet, wie die Universal-Chatnachricht, der Universal-Videoanruf, das plattformübergreifende Super-Like aussehen soll? Es bestünde, sagt sie, "die Gefahr, dass die Ausgestaltung in den Händen der marktmächtigen Unternehmen liegt, die dann diejenigen sind, die das auch technisch umsetzen". Schlimmstenfalls wäre dann irgendwann jeder Messenger so datenhungrig wie Whatsapp heute.

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