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Wettlauf am Finanzmarkt:Geld in Echtzeit

Überweisungen sollen künftig nur noch einige Sekunden statt Tage dauern. Mit ihrer Instant-Payment-Initiative will die Europäische Zentralbank die Banken stärken. Doch Fintechs und Internetkonzerne wie Google und Facebook könnten schneller sein.

Es ist ein bekanntes Spiel. Zuerst nimmt eine Branche die Konkurrenz nicht wahr, dann versucht sie, sie zu ignorieren und plötzlich wird sie von ihr überrollt. Zu beobachten war das bereits im Musikmarkt, im Filmgeschäft oder auch im Versandhandel. Damit den Banken nichts dergleichen passiert, versucht die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken neue Entwicklungen von oben zu befehlen: Erst mit der Umstellung auf das europaweit einheitlich Sepa-Verfahren und nun mit der Initiative für Instant Payment. Das Verfahren, mit dem Überweisungen künftig nur noch zehn Sekunden statt einige Tage dauern sollen, soll die Banken im Wettbewerb stärken, und das möglichst bald.

In diesem Monat werden die Standards beschlossen, ein Jahr später sollen die ersten Angebote der Banken marktreif sein. Doch viele Experten sehen den engen Zeitplan kritisch. Einer von ihnen ist Enrico Moritz, Berater bei afb, einem Beratungshaus für die Finanzbranche. Er befasst sich seit einigen Jahren mit dem Thema Echtzeitüberweisung. Die Vorgaben rund um SECInst, wie die Echtzeitüberweisungen heißen sollen, hält er - wie auch andere - für kostspielig und schwerfällig. "Bereits bei der Einführung der Sepa-Standards haben wir gesehen, dass sich solche Projekte stark verzögern", sagt er.

Vor 2019, da sind sich Beobachter der Szene sicher, sollte man deshalb mit Instant Payment nicht rechnen. Doch ist es bis dahin zu spät? Haben Konkurrenten dann das Feld übernommen und den Bankensektor umgekrempelt?

Alternativen zu Instant Payment gibt es bereits heute. Das Start-up Payfriendz bietet schnelle, unkomplizierte Überweisungen zwischen Freunden an. Das deutsche Kreditinstitut BIW lässt Kunden mit seiner App Kesh auch in ausgewählten Geschäften bezahlen. Und mit Sofort-Überweisung hat sich ein Start-up im Online-Handel etabliert, das die Überweisungen beim Online-Einkauf beschleunigen soll. Diese Apps bieten schon heute das, was Banken frühestens nächstes Jahr auf den Markt bringen: Überweisungen nahezu in Echtzeit, zudem oftmals bequemer. Statt der IBAN oder der Bic reicht bei Kesh etwa eine Handynummer, um Geld zu überweisen.

Dass sich bisher aber keiner dieser Anbieter durchgesetzt hat, hat einen Grund: Es handelt sich um "Silo-Lösungen". Sie funktionieren nur, wenn die Nutzer die gleiche Plattform nutzen. Solange ich Geld zwischen Freunden überweise, die alle die gleiche App nutzen, funktioniert alles problemlos. Will ich aber mit einer der Apps in einem Geschäft bezahlen, das die App nicht nutzt, stößt das System an seine Grenzen.

Eine Firma, die das Silo-Problem gelöst haben will, ist die CPG Finance Systems, ein Spezialanbieter für Zahlungsverkehrssysteme aus München. Geschäftsführer Reinhold Wegmann will dafür das bisher Bank-System optimieren. Seine Überlegung: Überweist man innerhalb einer Bank, dauert es schon heute nur wenige Sekunden, bis das Geld auf dem Empfängerkonto ist. Er will deshalb eine Infrastruktur in Form eines Treuhänders zwischen die Banken schalten. Der Treuhänder habe dann ein Konto bei den meisten deutschen Banken. Plant jemand eine Überweisung von der Postbank auf eine Sparkasse, liefe das so: Das Geld geht von der Postbank zum Postbankkonto des Treuhänders. Der bekommt das Geld im System gutgeschrieben und überweist von seinem Sparkassenkonto den entsprechenden Betrag auf das Konto des Empfängers. Weil jeder der beiden Prozessteile immer nur innerhalb einer Bank stattfinde, sei das Geld innerhalb von Sekunden überwiesen. Einige große Firmen mit vielen Überweisungen nutzen das System schon heute. Bei den Banken ist seine Idee hingegen auf wenig Enthusiasmus gestoßen. Wird Instant Payment zur Pflicht, lohnt sich das System nicht mehr. Mehr Interesse kommt von den größeren Internetfirmen. Mit zwei von ihnen sei man in "fortgeschrittenen Verhandlungen", sagt Wegmann.

Google nutzen viele schon. Über den Konzern auch Bankgeschäfte zu tätigen, wäre bequem

Die Internetfirmen gelten neben Start-ups schon lange als große Bedrohung für die hiesige Bankenwelt. Die weite Verbreitung der Dienste würde den Konzernen von Beginn an einen Vorteil gegenüber Fintechs und Banken bringen. Denn Facebook oder Google nutzt der Kunde schon. Kann er mit den Diensten auch Geld überweisen, im Handel und Online bezahlen und sein Konto verwalten, würden das viele Kunden aus einem einfachen Grund nutzen: Es wäre bequem.

Internetkonzerne könnten die Nutzer so wiederum noch stärker an sich binden und gleichzeitig Banken oder Zahlungsdienstleistern Marktanteile abknüpfen, erklärt Finanzexperte Moritz. Er sagt: "Die Internetfirmen haben die finanziellen Mittel, die Marktmacht, zahlreiche Nutzer und ausreichend Wissen über das Verhalten der Nutzer, um eigene Bezahlstandards zu etablieren." Vorbereitungen haben die Konzerne alle getroffen: Google und Paypal besitzen seit Langem eine eingeschränkte Banklizenz in Europa und lassen ihre Kunden untereinander Geld austauschen, Facebook hat in Irland eine ähnliche Lizenz beantragt und Amazon übernimmt im E-Commerce bereits die Aufgaben eines Zahlungsdienstleisters. Langfristig könnten sie alle zu alternativen Banken werden - könnten.

Denn ob die Internetkonzerne wirklich zu vollwertigen Banken werden wollen, ist fraglich. Denn die Bedingungen der Bankenfinanzaufsicht (Bafin) seien sehr hoch, erklärt Finanzberater Moritz. Geldwäschevorschriften beachten, die Identität der Kunden rechtssicher feststellen, einen Anlageplan für die Ersparnisse der Kunden erstellen und sich um die Verzinsung Gedanken machen: All das gehört zu einer Voll-Bank-Lizenz dazu. Für das Ziel der Konzerne, den Kunden noch mehr an sich zu binden, sei das viel zu aufwendig. Noch blieben die Konzerne deshalb in Lauerstellung. "Nur wenn einer den ersten Zug macht, werden die anderen nachziehen", ist sich Moritz sicher. "Dann wird es ungemütlich für die Banken."

Bei den Banken gibt man sich derweil betont gelassen. "Klar rechnen wir damit, dass neue Wettbewerber bis zur Einführung von Instant Payment in den Markt treten", sagt Ingo Beyritz, Experte beim Bundesverband deutscher Banken (BdB). Optimistisch ist er trotzdem. Denn er ist sich sicher: Hat sich der Standard für Echtzeitüberweisungen einmal durchgesetzt, stärke das die Banken enorm. Weil Instant Payment über Bankkonten abgewickelt werde, sei der Kunde wieder stärker an sein Geldhaus gebunden. "Welche Rolle Drittanbieter dabei spielen werden, wird sich zeigen", sagt er. Bis das System aber tatsächlich etabliert ist, wird es noch Jahre dauern. Wenn es dann mal nicht zu spät ist.