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Werkswohnungen:Mein Chef ist mein Vermieter

DEU Deutschland Stuttgart 10 05 2014 Stuttgart Vier markante Hochhäuser gleich hinterm Stuttgar

Ein Modell, das wieder zum Vorbild im Wohnungsbau werden könnte: Eisenbahnerwohnungen in Stuttgart.

(Foto: Arnulf Hettrich/imago)

Unternehmen setzen vermehrt auf Werkswohnungen, um Fachkräfte anzulocken und halten zu können.

Espelkamp liegt im nördlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen und laut Immobilienexperten lässt sich an dem Bilderbuchstädtchen ein neuer Trend ablesen: Obwohl die wirtschaftliche Situation in Espelkamp gut ist und viele Arbeitsplätze vorhanden sind, will doch kaum einer dorthin ziehen, Unternehmen ringen um ihre Fachkräfte. Die Wohnungsfirma Aufbaugemeinschaft Espelkamp kam deswegen mit einer Idee zu den Personalabteilungen der Betriebe: "Welche Wohnangebote würden euch helfen?", war die Frage. Arbeitgeber und Immobilienfirma taten sich zusammen - es entstanden neue Mitarbeiterwohnungen. Betriebe mieteten Wohnraum bei der Aufbaugemeinschaft und untervermieteten an ihre Angestellten, die, siehe da, tatsächlich blieben. Win-Win-Win könnte man dazu sagen.

Früher hieß das Konzept vom "Wohnen beim Chef" auch mal "Werkswohnung". In den 1970er Jahren gab es hierzulande etwa 400 000 davon. Doch diese wurden nach und nach verkauft, und so auch aus öffentlicher Hand gegeben, weil sie nicht mehr rentabel erschienen. 2004 zum Beispiel veräußerte die Bundesregierung etwa 80 000 Wohnungen und zusätzlich 65 000 Eisenbahnerwohnungen. "Heute wissen wir", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund, "das war ein Fehler".

Denn die Lage am Wohnungsmarkt ist angespannt, rund eine Million Wohnungen fehlen, schätzt Ropertz, vor allem in Ballungszentren. Und das sei längst nicht mehr nur ein Problem für untere, sondern auch mittlere Einkommensschichten. Arnt von Bodelschwingh zufolge, Immobilienberater bei RegioKontext, könnte der neue Trend helfen, um Druck vom Markt zu nehmen. Er stellte am Mittwoch mit Ingeborg Esser, Geschäftsführerin des Bundesimmobilienverbands GdW, in Berlin eine neue Studie vor. Immer wieder zeigt sich demnach, dass Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels mehr als nur einen guten Job bieten müssen. Also wirbt man zusätzlich mit Wohnungen - und möglichst auch mit schnellem Wlan und Reinigungskraft. Allein im vergangenen Jahr habe RegioKontext mehr als 60 Projekte, privat wie staatlich, gezählt - insgesamt wisse man von etwa 250 Initiativen. Der Erfolg des Trends jedoch lasse sich noch schwer beweisen, sagte von Bodelschwingh.

Zum Konzept Werkswohnung hat längst auch die Deutsche Bahn zurückgefunden, ebenso Flughäfen und Chemiekonzerne. Varianten gibt es viele, von Übergangsmieten für die Dauer der Probezeit bis zu Permanentverträgen. Ein Unternehmen kann eigene Wohnungen auf brachliegenden Grundstücken bauen und dann vermieten. Oder über eine Immobilienfirma Wohnraum vermieten. Oder Belegrechte erwerben - das hat den Vorteil, dass ein Betrieb nicht selbst in Neubau investieren muss.

In Berlin-Lichtenberg etwa stellte die Polizei der Immobilienfirma Berlinovo ein Grundstück zur Verfügung. Berlinovo baute 101 Wohneinheiten, diese wiederum vermietet die Polizei nun an Polizeischüler für die Dauer ihrer Ausbildung. Im Städtchen Espelkamp entstanden 23 Wohneinheiten und zwei WGs über die Aufbaugemeinschaft, nun wird an einem "Welcomehaus" gebaut, für eine Warmmiete von etwa acht Euro pro Quadratmeter. Für die 15 Wohnungen darin können Arbeitgeber ein Belegrecht für mindestens zehn Jahre erwerben. Optimistisch für den Erfolg der Werkswohnung 2.0 stimmte von Bodelschwingh auch, dass so bezahlbarer Wohnraum entstehe. Zwar seien es bisher überwiegend Einzelinitiativen, doch in fünf Jahren seien "mit Sicherheit" Wohnungen im fünfstelligem Bereich entstanden.

Ingeborg Esser hob hervor, dass sich nun neue "player" auf dem Immobilienmarkt zeigten. Der Sache zugute komme ein Gesetz, das seit 1. Januar 2020 gilt: Vermietet der Arbeitgeber um ein Drittel unter der ortsüblichen Miete, muss dies nicht mehr als "geldwerter Vorteil" versteuert werden - so wird es letztlich günstiger für den Mieter. Immobilienfirmen hoffen nun auf mehr Bauland und schnelle Genehmigungsverfahren.

© SZ vom 13.02.2020
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