#WerkstattDemokratie Wie Städte weltweit Wohnraum schaffen

Werkstatt Demokratie Wohnungsmarkt
(Foto: Illustration Jessy Asmus)

In Iquique, Chile, bekommen Bewohner eine Lücke zum Selbstanbau. In Zürich bieten Hausbesetzer Inspiration und in Japan alte Wohntraditionen.

Von SZ-Autoren

Acht-Euro-Wohnungsbau in Hamburg

Kräne ragen in einen mausgrauen Sommerhimmel, Rohbauten säumen die Straßen. Das Neubaugebiet des Hamburger Quartiers Neugraben-Fischbek macht an diesem verhangenen Augusttag auf den ersten Blick keinen schillernden Eindruck. Aber in der Merlingasse, Ecke Fingerhutweg, ist was los. Werbebanner flattern, Schnittchen und Kaltgetränke sind vorbereitet. Eine kleine Festgesellschaft lauscht andächtig, als die Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) sagt: "Vielleicht schlagen wir ein neues Kapitel Stadtentwicklungsgeschichte auf."

Dieser Text ist Teil des Projekts Werkstatt Demokratie. In einer Schwerpunktwoche widmen wir uns in Beiträgen und Diskussionen der Frage "Wie wird Wohnen wieder bezahlbar?". Alle Texte und Infos zum Projekt hier.

Acht-Euro-Wohnungsbau ist das Schlagwort für die Initiative, welche der Hamburger Senat mit der städtischen Entwicklungsgesellschaft IBA als Modellprojekt auf den Weg gebracht hat. Die Idee: Die Stadt hält den Mietpreis nicht durch Subventionen niedrig, sondern, indem sie Investoren beim Grundstückkauf vertraglich auf eine Netto-Kaltmiete von acht Euro pro Quadratmeter für fünf Jahre festlegt. Eine Versicherungsgesellschaft aus der Schweiz hat sich auf den Deal eingelassen und baut in Neugraben-Fischbek ein Ensemble aus zwei viergeschossigen Mehrfamilienhäuser in Massivholzbauweise. Naturnah soll der Bau sein, außerdem eine günstige Energiebilanz aufweisen. Vor allem aber: Er soll trotz niedriger Kosten Wohnqualität bieten.

Ob aus diesem Widerspruch tatsächlich ein Zukunftskonzept wird, ist eine spannende Frage. "Unsere Aufgabe war es, zu hinterfragen, was der Kern qualitätvollen Wohnens ist", sagt Architekt Heiner Limbrock. Ohne Abstriche ist die relativ niedrige Miete also nicht zu haben. Tiefere Grundrisse und niedrigere Decken sollen das Bauen effizienter machen, stören aber den Lichteinfall. Einen Aufzug gibt es nicht, nur einen Schacht, um bei Bedarf nachzurüsten - viele Wohnungen sind deshalb zunächst nicht barrierefrei. Außerdem sind wenige Parkplätze eingeplant, dafür umso mehr Fahrradstellplätze. Wird dieses Konzept des abgespeckten Wohnkomforts aufgehen? "Das müssen wir dann überprüfen", sagt Karen Pein, Geschäftsführerin der IBA.

Der Hamburger Senat ist schon jetzt so überzeugt vom Acht-Euro-Wohnungsbau, dass er ihn zum Standard auf dem freien Wohnungsmarkt erheben will - möglichst mit längeren Sperren für die erste Mieterhöhung. "Wegweisend" nennt Senatorin Stapelfeldt das Vorhaben. Andere sind weniger optimistisch. Jens P. Meyer zum Beispiel, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion, sagt: "Ein Investor muss eine angemessene Mietrendite erwirtschaften. In gefragteren Lagen und auf dem freien Markt wird sich dieses Modellprojekt daher wohl kaum durchsetzen." Abwarten.

Thomas Hahn

Werkstatt Demokratie Wie wird Wohnen wieder bezahlbar? Diskutieren Sie mit!
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Darum geht es diese Woche in der Werkstatt Demokratie der SZ. Heute können Sie in München mitreden - melden Sie sich jetzt an.   Von Sabrina Ebitsch

Halbe Häuser in Chile

Nichts ist so traurig wie der Anblick von Iquique, schrieb der weitgereiste Charles Darwin, als er im Jahr 1835 die Wüstenstadt am Pazifik erreichte. Damals gehörte sie noch zu Peru, heute liegt sie im Norden Chiles, eine Schönheit ist Iquique immer noch nicht. Der Ort wird vor allem von Geschäftsreisenden besucht, die ihr Geld in die umliegenden Kupferminen investieren, außerdem von Spielsüchtigen und Kauffreudigen, die sich in der größten Duty-Free-Zone Südamerikas austoben. Und schließlich von Architekturstudenten aus aller Welt, die sich für 93 kleine Häuser interessieren. Quinta Monroy heißt die Siedlung, die im Ruf steht, den sozialen Wohnungsbau revolutioniert zu haben.

Auf einer Brache mitten im Zentrum lebten bis 2002 etwa hundert Familien in Baracken, manche hatten sich fast 30 Jahre lang erfolgreich gegen ihre Vertreibung gewehrt. Dann bekam der damals noch unbekannte Architekt Alejandro Aravena aus Santiago de Chile den öffentlichen Auftrag, diesen Menschen dauerhafte Behausungen zu bauen. Was er nicht bekam: genügend Geld, um das Projekt umzusetzen. Die Lösung dieses Dilemmas brachte ihm 2016 den Pritzker-Preis ein, den Oscar der Architektur.

Aravena, 51, fand die Antwort, weil er die Frage modifizierte. Er fragte nicht, wie bis dahin im sozialen Wohnungsbau üblich: Welche Art von schlechtem Haus wollen wir errichten? Sondern: Wie viel von einem guten Haus? Seine Idee folgte einer bestechenden Logik: Wenn man nur die Hälfte des nötigen Budgets zur Verfügung hat, dann muss man eben halbe Häuser bauen.

Jede Familie von Quinta Monroy bekam ein Beton-Fundament, ein Dach, eine Küche, ein Bad, ein 30 Quadratmeter großes Zimmer sowie eine ebenso große Lücke - die zweite Hälfte zum Selberbasteln. Es war die architektonische Variante der berühmten Hilfe zur Selbsthilfe. Urbaner Pragmatismus gepaart mit dem Ideal der Partizipation. Die Bewohner wurden von Anfang an in den Prozess miteinbezogen. Und tatsächlich hatten schon wenige Jahre später nahezu alle 93 Familien ihr Häuschen vervollständigt. Einige füllten ihre Lücke mit Holz, andere mit Backstein. Manche strichen die Fassade grün, andere pink, wieder andere strichen überhaupt nicht. Das Gesamtergebnis ist durchaus fotogen: der geradlinige Sichtbeton eines begnadeten Baumeisters trifft Favela-Style.

Die internationale Kritik ist bis heute begeistert. Bloß in Chile selbst ist die Begeisterung nicht ganz so einhellig. Da gibt es unter anderem moralische Einwände: Muss man hart arbeitenden Menschen tatsächlich zumuten, nach Feierabend auch noch ihre Sozialwohnung fertig zu bauen? Freuen sich die Bewohner tatsächlich über "flexible Strukturen" oder wollen sie einfach nur ein funktionierendes Haus? Wer Quinta Monroy nicht nur von Fotos kennt, sieht auch, dass die Realität nicht ganz so hübsch ist wie es die digitale Bildbearbeitung suggeriert. Außerdem hatte Aravenas offenbar nicht bedacht, dass Autos in Iquique wichtigere Statussymbole sind als Wohnungen. Die Innenhöfe der Siedlung waren in seinem Entwurf als begrünte Freiflächen konzipiert, wo sich Nachbarn begegnen und Kinder spielen sollten. Heute sind es überfüllte Parkplätze.

Boris Herrmann

Paläste fürs Proletariat in Wien

Der Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk in Wien

(Foto: Bwag; Bwag, Döbling (Wien) / CC BY-SA 4.0)

Für viele Mieter heißt der Sehnsuchtsort: Wien. Um die verheerende Wohnungsnot zu bekämpfen, schwang sich die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts selbst zur Bauherrin auf. Heute gilt der soziale Wohnungsbau als beispielgebend, weit über Österreichs Grenzen hinaus. Die Stadt verwaltet 220 000 Wohnungen, dazu kommen noch einmal 200 000 öffentlich geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen. Sie bieten so vielen Wienern einen Platz zum Wohnen, dass das Leben im Sozialbau hier kein Stigma mehr ist, sondern die Norm. 62 Prozent der Menschen leben in einem Gemeindebau. Einer von ihnen ist Herbert Studeny. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht, Stiege 2, vierter Stock, "Karl-Michal-Hof".

Lesen Sie die ganze Geschichte von Herbert Studeny und dem Wiener Gemeindebau:

Immobilien, Mieten und Wohnen So geht Wohnen
Immobilienmarkt in Wien

So geht Wohnen

Nein, der Immobilienmarkt muss nicht den Gesetzen des Zynismus gehorchen: In Wien kümmert sich die Politik seit jeher um die Mieter und nicht um die Spekulanten, denn Wohnen wird als Grundrecht gesehen. Das Ergebnis ist beneidenswert.   Von Peter Münch

Hausbesetzer-Idee in Zürich

Der Genossenschaftsbau Kalkbreite in Zürich

(Foto: Genossenschaft Kalkbreite/Volker Schopp)

Zürich - Ausgerechnet Zürich. Eine Stadt, die wie kaum eine andere in Europa für schicke Bankentürme steht, für teure Einkaufsstraßen und ein ziemlich exklusives Lebensgefühl - ausgerechnet diese Stadt lockt auch Besucher aus aller Welt an, die sich für neue, günstige Formen des Wohnens interessieren.

In einer der attraktivsten Wohngegenden Zürichs hat die Stadt vor einigen Jahren ein ungewöhnliches, gemeinschaftliches Wohnprojekt bewilligt. In unterschiedlichen großen Clustern wohnen Familien, WGs und Einzelpersonen zusammen, es gibt Begegnungsräume, gemeinsame Dachgärten, Partyräume, Couchecken. Die Idee dazu stammt aus der Hausbesetzerszene.

Vieles, was sich Hausgemeinschaften normalerweise teilen, gibt es nicht: Eine Tiefgarage zum Beispiel. Wer in der Kalkbreite - so heißt das 2014 eröffnete Wohnhaus - einziehen möchte, verpflichtet sich, kein Auto zu besitzen. Denn Autos, darin sind sich die Bewohner, die neben einem Bio-Supermarkt, der fast ohne Plastikverpackung auskommt, auch einer Greenpeace-Geschäftsstelle Platz bieten, gibt es in der Stadt ohnehin schon zu viele. Zu Beginn musste das Projekt daher auch viel Kritik einstecken, galt als Lieblingsutopie des rot-grünen Stadtrats, der verdienten Politiker und treuen Unterstützern mit Steuergeldern zu einer günstigen Wohnung verhilft. Inzwischen ist diese Kritik verstummt.

Dass die Kalkbreite funktioniert, bestreitet niemand mehr. Die Cluster-Wohnungen sind dank genossenschaftlicher Finanzierung ziemlich billig, die Wartelisten lang. 260 Menschen und 200 Arbeitsplätze haben dort, mitten in der Stadt, Platz gefunden. Und das obgleich jedem Bewohner nur etwa 34 Quadratmeter zur Verfügung stehen - der Schweizer Durchschnitt liegt bei 45 Quadratmetern. In der Kalkbreite schaffen die großzügigen Gemeinschaftsräume das, was sonst jedes Wohnzimmer für sich leisten muss. "Verdichtetes Wohnen" nennen das die Städteplaner. Ein Zauberwort.

Als der Münchner Stadtrat die Modellsiedlung 2017 besuchte, zeigte man sich beeindruckt, aber auch irritiert. Daheim in Bayern werde "jedes besetzte Haus innerhalb von 24 Stunden geräumt", berichteten die Besucher - und schienen gar nicht mehr so sicher, ob das eigentlich eine gute Sache ist.

Charlotte Theile