Süddeutsche Zeitung

Weltwirtschaftskrise:In 80 Jahren nichts gelernt

An den Finanzmärkten ist die Angst zurück: Die Börsen taumeln - und mit ihnen die Politiker, die sich verzweifelt bemühen, die schlimmste Staatsschuldenkrise seit acht Jahrzehnten einzudämmen. Doch Banken und Hedgefonds heben mit Leerverkäufen und Kreditversicherungen ganze Staaten aus den Angeln. Das Ergebnis: Nach 1931 stecken wir mitten in der zweiten Weltwirtschaftskrise.

Ulrich Schäfer

Wer wissen will, wie lang sich die Wirtschaftskrise noch hinziehen kann (und wie schlimm es noch kommen könnte), sollte acht Jahrzehnte zurückblicken. 1931 befand sich die erste Weltwirtschaftskrise im zweiten Jahr, und es war - wie sich später herausstellte - nicht einmal die Hälfte der Krise durchschritten. Doch Politiker, Unternehmer und Ökonomen behaupteten voller Optimismus, das Schlimmste sei überstanden. Der Präsident von General Motors verkündete frohgemut: "Ich sehe keinen Grund, warum 1931 nicht ein extrem gutes Jahr werden sollte." Die Harvard Economic Society erklärte, der Abschwung nach dem Crash von 1929 sei vorbei. Und der amerikanische Handelsminister tönte: "Die Depression ist überwunden."

Welch eine Illusion - und welch besorgniserregende Parallele zur heutigen Krise, zur zweiten Weltwirtschaftskrise, wie man sie inzwischen nennen muss. Denn die hat inzwischen alle Industrieregionen der Welt zugleich erfasst: die USA, Europa und Japan. Diese Krise wurde bis vor wenigen Wochen kleingeredet und verdrängt.

Nun gut: Europa plagte sich mit einigen hochverschuldeten Ländern an der Peripherie, mit Griechenland und Portugal. Aber ansonsten schien nach dem Absturz von 2008 und 2009 alles wieder in bester Ordnung zu sein: Die Weltwirtschaft - und mit ihr die exportorientierte deutsche Wirtschaft - wuchsen in einem Maß, wie man es seit Jahren nicht gesehen hatte. Man freute sich über den Boom, über weniger Arbeitslose, über das deutsche Wirtschaftswunder. Krise? Ach was.

Doch mittlerweile dürfte jedem, der es sich zuletzt bequem eingerichtet hat, klar sein, dass die Stimmung in den vergangenen eineinhalb Jahren weitaus besser war als die Lage. Und dass jene epochale Krise, die im Frühjahr 2007 mit dem Platzen der US-Immobilienblase begann, aber erst im September 2008 mit der Pleite von Lehman Brothers im breiten Bewusstsein ankam, noch längst nicht vorbei ist. Und dass wie vor acht Jahrzehnten noch etliche Krisenwellen folgen werden: ausgelöst durch kollabierende Banken, bankrotte Staaten, schlechtere Ratings oder - schlimmstenfalls - das Zerbrechen der Eurozone.

An den Finanzmärkten jedenfalls - wo es angeblich so rational zugeht, in Wahrheit aber oft Leichtsinn und Irrsinn herrschen - ist die Angst zurück: Die Börsen taumeln, und mit ihnen die Politiker, die sich verzweifelt bemühen, die schlimmste Staatsschuldenkrise seit acht Jahrzehnten einzudämmen, während gerade manche versuchen, die Geschichte der Krise umzudeuten.

Wenn Banken Staaten aushebeln

Denn am Beginn der zweiten Weltwirtschaftskrise stand eben nicht die zügellose Verschuldung einzelner EU-Staaten. Die Griechen, gewiss, haben sich mit geschönten Zahlen den Zutritt zum Euro erschlichen, und auch die Italiener scheren sich seit jeher kaum um ihr Defizit. Nur: Diese Krise hat 2007 nicht in Griechenland ihren Anfang genommen, nicht in Italien und schon gar nicht in Irland oder Spanien. Irland und Spanien waren bis zum Lehman-Crash zwei grundsolide Schuldner, die teils sogar hohe Überschüsse erzielten.

Nein, ihren Anfang nahm die Krise in den USA, wo sich die Regierung seit dem 11. September 2001 im Krieg gegen den Terror hemmungslos verschuldet hat; und wo auch Eigenheimbesitzer, Banken und Hedgefonds seit langem ungeniert auf Pump lebten. Gerade die Finanzindustrie erhöhte - befördert durch das billige Geld der US-Notenbank - in den Jahren, die der Krise vorausgingen, ihre Kredite ins Unermessliche, um damit ihre gewagten Geschäfte zu finanzieren. Leverage nannte die Finanzindustrie diese Spekulation auf Pump: Hebelwirkung. Nun heben Banken und Hedgefonds mit Leerverkäufen und Kreditversicherungen ganze Staaten aus den Angeln.

Dies ist ein ziemlich zynisches Spiel. Denn die Staaten haben sich - bei allen Fehlern, die sie in der Haushaltspolitik begangen haben - seit dem Lehman-Crash ja vor allem deshalb über alle Maßen verschuldet, weil sie die Weltwirtschaft und die Banken vor dem Absturz bewahren wollten. Mit Hilfe der staatlichen Retter ist es der Finanzindustrie gelungen, ihre Schuldenlast zu reduzieren, während sich die Schuldenlast von Irland vervierfachte, jene von Spanien sich verdoppelte und jene von Deutschland um ein Fünftel stieg. Vereinfacht gesagt wurden im Kampf gegen den Wirtschaftskollaps also private Schulden gegen staatliche Schulden ausgetauscht.

Fehler der Märkte

Als Folge dessen haben in Europa plötzlich nicht bloß Griechenland oder Italien ein Etatproblem, sondern auch Staaten, die deutlich seriöser gewirtschaftet haben. Und deshalb drehten die Spieler an den Kapitalmärkten, die mit ihren aberwitzigen Finanzinstrumenten die Welt im Jahr 2008 an den Rand des Abgrunds getrieben hatten, den Spieß kurzerhand um. Sie knöpften sich zunächst jene Staaten vor, die ohnehin als unsolide galten: erst Griechenland, dann Portugal. Und nun, nachdem die Politiker unter dem Druck der Krise immer wieder Fehler machen, auch andere.

Man kann der Theorie anhängen, dass die Finanzmärkte dazu da sind, die Fehler der Politik zu korrigieren. Und in Fällen wie Griechenland oder Italien mag dies stimmen. Man kann aber auch zu der Erkenntnis kommen, dass es noch dringlicher ist, die Fehler der Finanzmärkte zu korrigieren. Denn da hat die Politik bislang kläglich versagt. Was an Reformen beschlossen wurde: größere Kapitalpuffer für Banken, bessere Risikosysteme, Stresstests, war richtig und notwendig. Nur: Es reicht nicht aus, um die Märkte in die richtigen Bahnen zu lenken.

Wenn die Welt aus dieser Krise die richtigen Konsequenzen ziehen will, müssen die Staaten nicht bloß ihre Schulden wieder reduzieren. Es ist auch erforderlich, die Finanzmärkte so zu gestalten, dass Krisen seltener und weniger gefährlich werden (wobei sich Krisen niemals völlig verhindern lassen). Dazu ist es notwendig, eine wirklich globale Aufsicht für die Finanzmärkte zu schaffen, ein Regelwerk, das klar Grenzen setzt. Es ist auch notwendig, manche Finanzinstrumente zu verbieten, deren volkswirtschaftlicher Sinn sich nur schwer erklären lässt.

Möglich ist dies, allen Zweifeln der Finanzbranche zum Trotz: Die Bundesregierung wurde belächelt, als sie vor einem Jahr Leerverkäufe verbot, also die Spekulation mit Wertpapieren, die man nicht besitzt. Am Freitag folgten andere europäische Staaten diesem Schritt. Der Einsatz von Kreditausfallversicherungen, mit denen man auf die Pleite ganzer Unternehmen oder Staaten wetten kann, gehört ebenfalls begrenzt.

Als Lehman Brothers 2008 zusammenbrach, hieß es, Politik, Notenbanken und Finanzindustrie hätten aus den Fehlern der ersten Weltwirtschaftskrise gelernt. Drei Jahre später darf man das bezweifeln: Wie 1931 sind alle zu schnell zur Tagesordnung übergegangen; wie damals werden wieder Fehler gemacht, wenn auch andere. Vor allem aber: Es fehlt die Bereitschaft (und der gemeinsame Wille), die richtigen Lehren zu ziehen.

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SZ vom 13.08.2011/jab
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