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Weltwirtschaftsforum:Schwindsucht in Davos

Auch im Schweizer Wintersportort Davos in Graubünden liegt derzeit so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. In der kommenden Woche findet hier das Weltwirtschaftsforum statt.

(Foto: FABRICE COFFRINI/AFP)

US-Präsident Donald Trump und andere Prominente sagen ihre Teilnahme am diesjährigen Weltwirtschaftsforum ab. Das ist schlecht fürs Image der Großveranstaltung in den Schweizer Bergen, die kommende Woche beginnt.

Vor 130 Jahren hat in Davos das erste Sanatorium für Tuberkulosekranke eröffnet. Wenige Jahre zuvor hatte der deutsche Mediziner und Biologe Robert Koch den Erreger entdeckt. Davos liegt auf 1560 Metern über dem Meer und ist wegen seiner Höhenluft berühmt. Viele hofften auf Genesung in den Schweizer Bergen und Überwindung der gefährlichen Lungenkrankheit, die damals Schwindsucht hieß. Thomas Mann wurde hier 1924 zu seinem berühmten "Zauberberg" inspiriert - Davos und die Schwindsucht gehören seitdem irgendwie zusammen.

In diesem Januar leiden Davos und das dort alljährlich stattfindende Weltwirtschaftsforum (WEF) unter einer besonderen Art von Schwindsucht. Einige der wichtigsten Gäste haben ihre Teilnahme abgesagt, und das ist ganz schlecht für das Image der Forums, dessen offizielles und wenig bescheidenes Ziel lautet: "Den Zustand der Welt verbessern." Das Jahrestreffen in Davos findet in der kommenden Woche mit 3000 Teilnehmern aus Politik, Forschung und Wirtschaft statt, die Überschrift ist etwas sperrig: "Globalisierung 4.0: Auf der Suche nach einer globalen Architektur im Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution". Anspruch ist, die wichtigsten Menschen zusammen zu bringen und Aufmerksamkeit zu erregen.

Die gesamte US-Delegation mit mehreren Ministern reist nun doch nicht in die Schweiz

Diesmal sieht es aber nicht so gut dafür aus. US-Präsident Donald Trump, der im vergangenen Jahr in Davos für Aufsehen gesorgt hatte, hatte zunächst zugesagt und begründet nun sein Fernbleiben mit dem innenpolitischen Streit über den amerikanischen Staatshaushalt und den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. An diesem Freitag wurde wegen des Shutdown auch die Reise der übrigen, hochrangig besetzten US-Delegation in die Schweiz abgesagt. Unter anderem hatten sich Außenminister Mike Pompeo, Finanzchef Steven Mnuchin und Handelsminister Wilbur Ross angesagt. "Das WEF ohne den US-Präsidenten ist wie eine Party ohne das Geburtstagskind - nur halb so lustig und halb so spannend", schrieb die Schweizer Zeitung Blick.

In Davos waren die Amerikaner bislang traditionell immer besonders stark vertreten. Aber auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, der unter ziemlichem Druck steht, bleibt fern, aus Termingründen, wie es heißt. Die britische Premierministerin Theresa May hat ihre Reise storniert. Russlands Wladimir Putin ist nach jetzigem Stand nicht da; China lässt sich nur durch Vizepräsident Wang Qishan vertreten. Nun gehören zu den hochrangigsten Rednern Angela Merkel - die Bundeskanzlerin ist Dauergast in Davos -, Japans Ministerpräsident Shinzo Abe und der neue rechtspopulistische Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro.

"Wir werden sehen, wie die beste aller Zeiten zu schaffen ist", sagte in dieser Woche Klaus Schwab. Der inzwischen 80 Jahre alte Deutsche hat die Veranstaltung 1971 als relativ kleines Managementforum mit anfangs 444 Teilnehmern ins Leben gerufen und dann groß gemacht. Die operativen Geschäfte führt als Präsident des WEF der ehemalige norwegische Außenminister Børge Brende. In den Jahren ist das Weltwirtschaftsforum zu einem erfolgreichen mittelständischen Wirtschaftsbetrieb geworden, zu einer Geldmaschine.

Neben dem Treffen in Davos gibt es über das ganze Jahr Veranstaltungen in aller Welt. Zudem werden viele Studien veröffentlicht, die durchaus beachtet werden, zum Beispiel ein Report über die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften. Gerade wurde der alljährliche Risikobericht präsentiert. Es gebe viele Probleme, heißt es darin, Klimawandel, Datenkriminalität, geopolitische Krisen und weltwirtschaftliche Spannungen. "Globale Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab. Stattdessen nimmt die Spaltung zu", schreiben die Verfasser. In Davos soll diskutiert werden.

Das Weltwirtschaftsforum lebte schon immer auch von den weltweiten Schlagzeilen, die in Davos produziert werden. Im vergangenen Jahr kam Donald Trump und traf sich mit europäischen Wirtschaftschefs zum Abendessen und sagte anschließend: "America first bedeutet nicht America alone." 2017 rühmte Chinas Staatschef Xi Jinping den freien Welthandel, 2016 bekannte sich der damalige britische Premier David Cameron zur Europäischen Union, wenige Monate bevor die Bevölkerung für den Brexit stimmte.

Seit 2015 ist das Forum in der Schweiz, das als gemeinnützige Stiftung fungiert und so Steuervorteile genießt, als internationale, gemeinnützige Organisation anerkannt und hat damit den gleichen Status wie etwa das Internationale Rote Kreuz. Das Budget beträgt etwa 300 Millionen Euro, beschäftigt werden rund 700 Mitarbeiter. Das meiste Geld fließt dem Forum durch Sponsoren zu. Es gibt 120 strategische Partner, darunter auch deutsche Konzerne, der jährliche Mindestbeitrag liegt bei etwa 600 000 Franken. "Normale" Förderer zahlen etwa die Hälfte, daneben gibt es einfache Mitglieder, die mit deutlich weniger dabei sein. Die Sponsoren erhalten dafür Zugang zu den Treffen und Informationen. Trotz der hohen Preise ist das Interesse offenbar groß, es gibt eine Warteliste. Es wird nur jemand aufgenommen, wenn ein anderer ausscheidet. Dass das Forum vor allem von weltweit tätigen Konzernen mit eigenen Interessen getragen wird, sorgte immer mal wieder für Kritik. Die wirtschaftliche Basis des Weltwirtschaftsforums ist dabei gut; die Zentrale in einem Vorort von Genf mit weitem Blick über den See, die der Stiftung gehört, wird derzeit mal wieder ausgebaut.