Risikobericht des Weltwirtschaftsforums:"Handelskriege werden zur Norm"

Dürre: Vertrockneter Mais auf einem Feld

Trockene Erntefelder: Aufgrund der Klimakrise kommt es weltweit zu Ressourcenproblemen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Inflation, Armut und Kampf um Ressourcen: Der Risikobericht des Weltwirtschaftsforums prophezeit kurz vor dem Treffen in Davos düstere Zeiten. Und das leider sehr überzeugend.

Von Nakissa Salavati

Die Elite ist besorgt. Zumindest muss sie es sein, wenn sie wieder zum jährlichen Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos zusammenkommt. Denn die Probleme, die höchste Politiker und Politikerinnen, Unternehmenslenker und Investoren in dem Schweizer Ort besprechen werden, sind massiv. Der Risikobericht des Weltwirtschaftsforums warnt kurz vor dem Treffen ohne Umschweife vor den sozialen Folgen der gestiegenen Lebenshaltungskosten in den kommenden Jahren, der militärischen und wirtschaftlichen Konflikte und der Ressourcenprobleme aufgrund der Klimakrise. Besonders davon betroffen seien die "schwächsten Teile der Gesellschaft und bereits fragile Staaten", heißt es darin. Das bedeute mehr Armut, mehr Hunger, mehr gewaltsame Proteste und politische Instabilität. Auch die Mittelschicht in vielen Ländern müsse mit ansehen, wie in Gefahr gerate, was sie sich aufgebaut habe. Der Risikobericht verwendet unter anderem Daten aus einer Umfrage unter 12 000 Expertinnen und Experten. Wie in den Jahren zuvor schätzen sie die Klimakrise und das Versagen, sie vehement abzumildern, als größtes langfristiges Risiko für die Welt ein.

Anfang 2022 noch waren im jährlichen Bericht die Folgen der Pandemie das vorherrschende aktuelle Thema - und dann während des Treffens in Davos der Angriff Russlands auf die Ukraine. 2023 wird nun ein Bilanz-Ziehen, was all das mit Staaten und Gesellschaften weltweit gemacht hat. Denn die Probleme von damals - Inflation, Energiekrise, Krieg und eine mögliche Rezession - haben sich noch weiter verstärkt. Die Inflation ist gestiegen, die Notenbanken haben mit höheren Zinsen reagiert und die Ära der günstigen Staatsverschuldung beendet. Staaten befinden sich in einer Zwickmühle: Sie müssen die Folgen der Lebenshaltungskosten abfedern, dürfen die Inflation aber nicht verstärken und können sich auch nicht auf eine stabile Wirtschaft verlassen.

Wer sich's leisten kann, federt Probleme ab

In Europa etwa haben Staaten Milliarden investiert, um die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Energiekrise zu dämpfen. Die deutsche Regierung entlastet Bürger beispielsweise mit der Gaspreisbremse und hilft auch der Industrie. Das größte Programm in Höhe von 430 Milliarden Dollar haben die USA gestartet, um Investitionen ins Land zu holen und die innovativsten Unternehmen anzulocken. Die EU befürchtet, dass ihr dies mittelfristig schadet und will sich wehren. Der Risikobericht prophezeit mehr Konflikte dieser Art: "Handelskriege werden zur Norm, die Konflikte globaler Mächte werden sich verstärken."

Solche Milliardenprogramme, wie sie nun reiche Industriestaaten auflegen, sind für ärmere Volkswirtschaften unrealistisch. Auch der technische Fortschritt, eigentlich gewollt und im Kampf gegen die Klimakrise notwendig, hänge von Ressourcen ab. Viele Staaten könnten sich die Technologien schlicht nicht leisten: "Die neue ökonomische Ära wird wohl davon geprägt sein, dass arme und reiche Staaten weiter auseinanderdriften. Diese Zeit ist der erste Rückschritt in der menschlichen Entwicklung seit Jahrzehnten."

Besonderen Fokus legt das Weltwirtschaftsforum auf das Zusammenspiel all dieser Probleme. Die Lebensmittelsicherheit der Zukunft etwa oder auch die Frage, wann ein Kampf um Energieressourcen ausbricht, hängen stark davon ab, ob es Staaten und Gesellschaften gelingt, die Natur zu erhalten und die Klimakrise abzuschwächen. Ökosysteme brechen bereits zusammen, Länder, deren Wirtschaft besonders von der Klimakrise betroffen sind, verlieren ihre Lebensgrundlage. Der Gründer der Davos-Treffen, Klaus Schwab, sagt es so: "Wir finden keine Lösungen, wenn wir die Probleme nicht gemeinsam betrachten und ihre Zusammenhänge verstehen."

"Jetzt ist der Moment, um gemeinsam zu handeln"

Genau darin liegt auch die Hoffnung bei all den düsteren Prognosen, noch gebe es ein Zeitfenster: "Viele der beschriebenen Risiken sind kurz davor, einzutreten. Jetzt ist der Moment, um gemeinsam zu handeln, entschieden und mit einem langfristig ausgerichteten Blick", heißt es im Bericht. Warnungen vor dem Klimawandel oder auch vor Pandemien verhallen oft, weil Menschen akute Probleme immer zuerst lösen - zu Recht. Allerdings "verlieren jene Risiken Aufmerksamkeit, die eigentlich die Wurzel des aktuellen Problems sind", so der Bericht. Man müsse den Fokus verschieben und langfristige Risiken nicht ausblenden. Ein Beispiel dafür ist die Überschwemmung im Ahrtal 2021, die selbstverständlich sofort eine Lösung brauchte. Das eigentliche Problem - Extremwetter aufgrund der Klimaerwärmung - ist damit noch nicht bekämpft.

Das Weltwirtschaftsforum gilt vielen als das Hinterzimmer-Treffen der Mächtigsten, als eine extrem elitäre Veranstaltung. Tatsächlich ist die Teilnehmerliste jedes Jahr exklusiv, die wichtigen Treffen sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dieses Jahr werden den Veranstaltern zufolge alleine 56 Finanzminister und 19 Notenbanker teilnehmen. Allerdings ist das Treffen in Davos auch der Versuch, sich global auszutauschen und zu kooperieren, um Konflikte zu lösen. Die Teilnehmer kommen aus 130 Ländern. Dieses Jahr werden beispielsweise auch viele chinesische Teilnehmer und Teilnehmerinnen anreisen, zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie.

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