Weltwirtschaft IWF warnt vor dem Ende des Booms

In den jüngsten Zahlen ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China noch gar nicht enthalten.

(Foto: dpa)
  • Wer auf die Zahlen schaut, könnte meinen, die Konjunkturparty geht ewig weiter. Doch die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds sagen, dass bald Schluss sein könnte.
  • Drohende Strafzölle und Populismus belasten die Weltwirtschaft. Die Experten fordern die Staaten daher auf, vorzusorgen.
  • Auch auf Deutschland werden die IWF-Oberen wohl Druck ausüben.
Von Cerstin Gammelin, Berlin, Claus Hulverscheidt, New York

Wohl selten war ein Blick auf die Zahlen so erfreulich: 2,5 und 2,0 Prozent für Deutschland, 2,9 und 2,7 für die USA, 6,6 und 6,4 für China. Das sind die Wachstumsraten, die der Internationale Währungsfonds (IWF) den drei Ländern in seinem neuen Konjunkturausblick für 2018 und 2019 voraussagt - viele andere Staaten kommen auf ähnlich gute Werte. Mehr noch: Fast alle Zahlen wurden im Vergleich zur Prognose vom letzten Herbst nach oben revidiert, teils sogar drastisch. Die weltweite Konjunkturparty, so ist man versucht zu sagen, wird ewig weitergehen.

Auf diesen Gedanken kann allerdings nur kommen, wer die zugehörige Analyse nicht liest, denn der IWF hat seine so hübsche Tabelle mit einem ungewöhnlich pessimistisch-warnenden Begleittext versehen. "In den meisten Ländern werden die guten Wachstumszahlen nicht von Dauer sein", schreibt Chefvolkswirt Maurice Obstfeld gleich im ersten Absatz seines Vorworts. "Die politisch Verantwortlichen sollten daher die Gelegenheit nutzen, um das Wachstum stärker zu unterfüttern, es dauerhafter zu machen und die Regierungen so auszustatten, dass diese für den nächsten Abschwung besser gewappnet sind."

Ein frommer Wunsch, wie dem Ökonomen wohl selbst schwant, denn nur wenig später kommt er auf den Populismus, den Protektionismus und die zunehmende politische wie wirtschaftliche Polarisierung zu sprechen, die immer mehr Länder prägen und die sich bei einer deutlichen Konjunkturabkühlung noch verstärken könnten. Sorge bereitet dem IWF vor allem die weitgehende Stagnation vieler Einkommen seit der Weltfinanzkrise von 2008, die Menschen anfällig für die Versprechen von Populisten mache. Wenn die Regierungen die Probleme nicht angingen, seien sogar jene Erfolge in Gefahr, die durch wirtschaftliche Reformen der Vergangenheit längst gesichert schienen, so der Fonds.

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Zu den politischen Problemen kommen gesellschaftliche und ökonomische. Obstfeld verweist etwa auf das verbreitet langsame Produktivitätswachstum und den Umstand, dass vielerorts immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentnern gegenüberstünden. Das mache es vor allem für Gering- und Durchschnittsverdiener noch schwieriger, an jene Einkommenszuwächse anzuknüpfen, die vor der Krise einmal üblich waren. Hinzu komme, dass viele der Maßnahmen, mit denen Regierungen und Notenbanken die Konjunktur in den letzten Jahren gestützt hätten, ausliefen oder sich gar ins Gegenteil verkehren könnten. Vor allem in den USA, wo Präsident Donald Trump die Staatsschuld mit der Steuerreform und neuen Militärausgaben drastisch nach oben treibt, bestehe die Gefahr, dass die Leitzinsen schneller angehoben werden müssten als bisher geplant.

Ein weiterer Risikofaktor ist aus IWF-Sicht der "eskalierende Kreislauf aus Handelsrestriktionen und Vergeltung", den die USA, Europa und China in Gang gesetzt haben. "Die ersten Schüsse in einem möglichen Handelskrieg sind bereits abgefeuert worden", schreibt Obstfeld. Die Krise könne sich noch weiter verschärfen, wenn die US-Regierung das Handelsdefizit durch ihre Finanzpolitik weiter in die Höhe treibe und "Europa und Asien" - gemeint sind vor allem Deutschland und China - sich weiter weigerten, das Problem ihrer immensen Handelsüberschüsse anzugehen.

Der IWF wird Druck auf Deutschland machen

Die aufziehenden dunklen Wolken am zuletzt so blauen Konjunkturhimmel werden auch bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank Thema sein, zu der Politiker und Notenbanker aus allen Erdteilen in der zweiten Wochenhälfte in Washington zusammenkommen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz plant - wie schon beim G-20- Treffen in Buenos Aires - nur eine 48-stündige Stippvisite, bei der er sich obendrein vor allem europäischen Themen widmen will: Am Donnerstag soll er sich bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Euro-Zone äußern, am Freitag werden die Verhandlungen um Schuldenerleichterungen für Griechenland fortgesetzt. Im Gepäck hat Scholz immerhin eine leicht verbesserte Konjunkturprognose der großen Wirtschaftsforschungsinstitute: Wie am Dienstag bekannt wurde, erwartet die Experten ein Plus von 2,2 Prozent für dieses und von zwei Prozent für nächstes Jahr. Das sind jeweils 0,2 Prozentpunkte mehrals bei der letzten Schätzung im Herbst vorhergesagt.

Auch der Bundesfinanzminister weiß allerdings, dass die IWF-Oberen ihre Augen längst auf die Jahre nach 2019 richten. Der Fonds werde bei der Tagung Druck machen, jetzt Strukturreformen anzugehen, die Staatsschulden zu senken und andere Wachstumshemmnisse abzubauen, hieß es in Berliner Regierungskreisen. Schließlich hatte IWF-Chefin Christine Lagarde ihre Kernbotschaft in jüngster Zeit schon wiederholt formuliert: "Man sollte das Dach decken, solange die Sonne noch scheint."

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