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Weltwirtschaft:Für die Armen der Welt sind das gute Nachrichten - und schlechte

Der Preistrend ist auf der ganzen Welt zu spüren, wenn auch nicht überall so ausgeprägt wie in den USA. Der Index der Welternährungsorganisation FAO für die globalen Lebensmittelpreise lag im September um 6,0 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Der Getreideindex ging um 8,8 Prozent zurück, der Index für Milchprodukte sogar um 24,9 Prozent.

Für die Farmer stellt sich die Frage: Wohin mit dem Segen? Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Washington lagerten am 1. September bei Farmern und Getreidehändlern 1,24 Milliarden Scheffel Mais, 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lagerkapazitäten auch noch für die Ernte dieses Jahres reichen", sagt Analyst Scoville. Auch weltweit werden die Lager immer voller. Nach Angaben der FAO werden die Maisvorräte in der Welt bis Ende des Jahres nochmals um 8,3 Prozent steigen, obwohl sie bereits heute so hoch sind wie zuletzt vor 15 Jahren. All dies drückt die Preise weiter.

Die Trendwende bei den Agrarpreisen ist umso bemerkenswerter, als einige Ursachen der Preisexplosion des vergangenen Jahrzehnts unverändert geblieben sind: die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern, die Produktion von Bio-Kraftstoff, der Klimawandel. Dazu kommt noch die Krise in der Ukraine, die die Produktion in einem der wichtigsten Anbaugebiete Europas bremst. Agrarexperten glauben, dass sich der Preisverfall auch bei tierischen Produkten fortsetzen wird, mit einer gewissen Verzögerung - abhängig davon, wie lange es dauert, bis Tiere schlachtreif sind. Bei Hühnchen werden die niedrigeren Preise in einem halben Jahr, bei Schweinen in einem, bei Rindern in zwei Jahren auf den Märkten ankommen.

Niedrige Preise haben weltweit Konsequenzen

Das vorläufige Ende der Teuerung bei Agrarprodukten hat weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft. Besonders in Europa könnte die Furcht vor Deflation weiter zunehmen. In Deutschland stiegen die Preise für Lebensmittel zuletzt zwar mit 0,9 Prozent noch etwas stärker als die Verbraucherpreise insgesamt (0,6 Prozent). Aber das wird sich ändern. In den USA könnte die Notenbank Federal Reserve noch länger warten, ehe sie ihren Leitzins erhöht. "Die Fed wird sich unter diesen Umständen sicherer fühlen, wenn sie die Zinsen noch etwas länger bei null lässt", sagt ein New Yorker Banker, der mit den Debatten in der Fed vertraut ist. Kurzfristig werden die niedrigen Preise der drohenden Abkühlung der Weltkonjunktur entgegenwirken.

Für die Armen der Welt hat das Ende der Teuerung zwei Seiten. Kurzfristig helfen die niedrigen Preise den Hungrigen. "Ein derart scharfer Rückgang der internationalen Lebensmittelpreise ist ein willkommenes Ereignis, vor allem nach dem Anstieg in der Vergangenheit", meint Ana Revenga, Expertin für den Kampf gegen Armut bei der Weltbank. Trotzdem sei es wichtig, sich auf künftige Lebensmittelkrisen vorzubereiten. Und die wird es geben, denn die niedrigen Preise nutzen zwar den Armen in den Städten, schaden aber den Kleinbauern, die weniger verdienen.

© SZ vom 17.10.2014/bbr
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