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Weltmarktführer:Vom Jäger zum Gejagten

Der Weg zum Weltmarktführer ist hart: Unternehmen aus dem Mittelstand schaffen es nur mit Mut und Ausdauer, sich an der Spitze zu halten.

Der Umzug im Forschungsgebäude der Firma Bürkert im schwäbischen Ingelfingen ist in vollem Gange. Eine Mitarbeiterin klaubt noch ein paar Stifte von ihrem Schreibtisch, andere schieben schon ihren Rollcontainer auf den neuen Platz im Großraumbüro. Umzug ist alle paar Monate. "Immer wenn ein Projekt abgeschlossen ist, werden die Teams neu gemischt. Das erhöht Kreativität und Innovationskraft", sagt Heribert Rohrbeck, 48, Chef des Mittelständlers.

Illustration Carl-Heinz Daxl, SZ

Der Weg zum Weltmarktführer ist hart. Nur wer Mut und Ausdauer beweist, kann an der Spitze bleiben.

(Foto: Illustration: Carl-Heinz Daxl/SZ)

"Blaukittel und Weißkittel arbeiten eng zusammen." Rohrbeck duldet keine eingefahrenen Prozesse, schon gar nicht in der Wirtschaftskrise. "Bewegliche Ziele sind schwerer zu treffen. Gerade jetzt im Verdrängungswettbewerb muss man schnell reagieren", sagt Rohrbeck.

Die Produkte von Bürkert messen, regeln und steuern Gase und Flüssigkeiten. Sie stecken zum Beispiel in Kühlaggregaten, Zahnarztstühlen, Zapfsäulen oder Wasseraufbereitungsanlagen. "Wir sind in vielen Nischen Marktführer. Aber wir konkurrieren gegen Konzerne mit mehreren zigtausend Beschäftigten. Differenzierung ist unsere einzige Überlebens- und Wachstumschance." 2008 setzte die Gruppe mit weltweit 2000 Mitarbeitern 326 Millionen Euro um. "Wenn wir etwas machen, versuchen wir es komplett zu machen", so Rohrbeck. Die Produktion findet weitgehend in der Region statt.

Den Kunden zuhören

Rohrbeck greift nach einem Pipettiergerät für Blutanalysen, das für einen Medizintechnikkonzern entwickelt wurde. "Die Herausforderung war, die Ventile so schmal zu konstruieren, dass 16 in eine Reihe passen", erläutert Rohrbeck. "Wir müssen unseren Kunden zuhören, um zu verstehen, was ihr Problem ist."

Das neue Produkt wurde gemeinsam mit dem Kunden entwickelt. Rohrbeck ist stolz auf Innovationen wie diese, aber ruhen darf er nicht. "Wir dürfen uns nicht für die Schönsten und Tollsten halten. Möglicherweise kommt nächstes Jahr schon ein Querdenker, der es besser macht. Wenn der Markt einen auf den Teppich zurückholt, ist es meist zu spät."

Ein simples Erfolgsrezept hat Rohrbeck nicht. Das Geheimnis der Weltmarktführer würden viele gerne lüften - auch Bernd Venohr, Unternehmensberater und Professor an der Hochschule für Recht und Wirtschaft. 1500 Weltmarktführer hat er in Deutschland identifiziert (siehe auch die SZ vom 14. Mai). Das Ergebnis seiner Analyse: "Jedes Mal a bissle besser" - gemäß diesem Motto würden die meisten Spitzenunternehmen arbeiten. Weltmarktführer zu werden ist schwer, es zu bleiben auch.

Krieger und Sportler

Wohl deshalb bedienen sich die Manager gerne des Vokabulars von Kriegern und Sportlern, um den alltäglichen Konkurrenzkampf zu schildern. "Im Windschatten fährt es sich eben bequemer", sagt Thomas Bauer, 53, Chef des Tiefbauspezialisten Bauer aus Schrobenhausen mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz und 8700 Beschäftigten im Jahr 2008. "Das ist wie beim Radfahren. Wer vorausfährt, muss unglaublich schnell vorausfahren. Aber es ist auch schön, wenn man vorausfährt."

Gefahren lauern überall - sie kommen von außen und von innen. "Manchmal fühlt man sich schon gehetzt", sagt Gerhard Sturm, Gründer des Ventilatorenherstellers EBM Papst. 74 Jahre ist er alt, vor gut zwei Jahren hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Weltmarktführer zu werden, war nie sein Ziel. Er hatte mit Heinz Ziehl, einem seiner ehemaligen Chefs, einen kleinen sogenannten Außenläufermotor weiterentwickelt. Die Kaufmänner von Ziehl-Abegg zweifelten am Markterfolg, deshalb machte sich Sturm 1963 mit Hilfe Ziehls in Mulfingen selbständig.

Fehler der Konkurrenten

Die Zeiten als Hidden Champion, das Wachstum in aller Stille, seien schön gewesen, sagt Sturm. Die Größe habe ihm manchmal Angst gemacht. "Früher habe ich gesagt, wenn wir 500 Mitarbeiter haben, ist Schluss. Später habe ich gesagt, 1000 reichen." 2008 setzte EBM Papst mit weltweit knapp 10.000 Mitarbeitern gut eine Milliarde Euro um.

Sturm hat auch aus den Fehlern der Konkurrenten gelernt. Einen davon, die Firma Papst, übernahm er 1992. "Papst war eine Beteiligung mit japanischen Konkurrenten eingegangen und hatte sich frontal gegen den Wettbewerb gestellt", erzählt Sturm. Eine weitere Lehre lautet: "Es ist besser, immer ein bisschen anders zu sein als andere Firmen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welches Kriterium für den Aufstieg zum Weltmarktführer entscheidend ist - und wie man den Erfolg wahrt.