bedeckt München 16°

Welthandel:Die Globalisierung auf der Anklagebank

Die Öffnung der Welt ist ein Erfolgsmodell, sie bringt den meisten Menschen Vorteile. Doch weil der Frust der Verlierer mehr Populisten wie Trump an die Macht bringen könnte, wird eine neue Politik gesucht.

Von Alexander Hagelüken

Vor ein paar Jahren schubst Thomas Straubhaar sein Leben in eine neue Richtung. Der Ökonom gibt die Leitung des Hamburger HWWI-Instituts ab und begibt sich auf Weltreise. Er lehrt in Mexiko und Brasilien, und was er da erlebt, bringt den überzeugten Marktwirtschaftler ins Grübeln. Eine Elitehochschule in Mexiko stellt allen Studenten iPads. Die Massenunis dagegen versuchen verzweifelt, jungen Leuten aus armen Schichten irgendwie ein Studium zu ermöglichen. An einer Uni drängen sich 200 000 Studenten. Es sieht dort aus wie einst in der DDR.

"Wir liberale Ökonomen haben unterschätzt, dass nicht alle gleichermaßen von der Globalisierung profitieren", urteilt der 59-Jährige selbstkritisch. "Für größere Teile der Bevölkerung ist das Leben härter geworden." Straubhaar steht damit für einen Konflikt, der gerade viele Diskussionen bestimmt. Das Wirtschaftsmodell, das 20 Jahre lang unangefochten dominierte, steht plötzlich infrage. Fast jeder zweite Deutsche sieht die Globalisierung als Bedrohung, ebenso fast jeder zweite EU-Bürger, so eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Von Freitag an wird die größte Wirtschaftsmacht der Erde von Donald Trump regiert, der internationale Autokonzerne zur Fertigung in den USA zwingen will. Mit Strafzöllen gegen Mexiko und China könnte der Anti-Globalisierer die Weltkonjunktur in die Knie zwingen.

Die Globalisierung quetscht die Mittelschicht ein

Die massive Attacke trifft das Wirtschaftsmodell, von dem die Menschheit nach dem Urteil von Ökonomen insgesamt klar profitiert. Laut Weltbank lebt nur noch jeder zehnte Erdenbürger von unter zwei Dollar am Tag. Anfang der 90er-Jahre musste das jeder dritte. In China und Indien entstand erstmals eine Mittelschicht. Exporte erzeugen 40 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, doppelt so viel wie bei Anbruch der Globalisierung. Der Franzose Philippe Martin erforschte, dass Länder weniger Kriege gegeneinander führen, wenn sie engen Handel miteinander treiben. Den schlagendsten Indikator aber, findet Thomas Straubhaar, liefert der Tod. "Die heutige Generation lebt weltweit länger und gesünder als ihre Eltern. Das zeigt den Erfolg besser als alles andere."

Immer weniger Menschen im Ruhrgebiet

Industriestandorte wie Duisburg zählen zu den Verlierern der Globalisierung.

(Foto: Oliver Stratmann/dpa)

Im Antiglobalisierungsklima spielen solche Erfolge kaum eine Rolle. Kein Wunder, der Protest wütet ja mehr in den Industriestaaten als in den Schwellenländern. Dort schrumpfte die Armut drastisch. Dagegen quetscht die Globalisierung eine Gruppe ein zwischen all ihre Profiteure, zwischen die westlichen Firmenbesitzer und Gutverdiener oben und die Bevölkerungsmilliarden der Dritten Welt unten: Jene Amerikaner oder Deutsche, die oft Routinejobs machen, mit denen sie heute weltweit im Wettbewerb stehen. "Durch die globale Konkurrenz stagnierten die Einkommen Geringqualifizierter", sagt Holger Görg, der am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) forscht. Reformen wie die Agenda 2010, mit denen Regierungen auf die neue Konkurrenzlage reagierten, machten Jobs unsicherer. "Auch die Mittelschicht kommt unter Druck."

Zur Realität zählt jedoch mehr als das, argumentiert Görg. Weil Turnschuhe, Smartphones und Fernseher überall auf der Erde gefertigt werden, kaufen Deutsche billiger, als wenn alle Produkte, ohne Globalisierung, nur in Deutschland produziert würden. Sie können sich vom Lohn mehr leisten als früher. "Dieses Argument taucht in der Diskussion kaum auf. Man muss diesen Vorteil gegen stagnierende Einkommen rechnen." Auch die Jobbilanz der Globalisierung ist positiv: In Deutschland arbeiten so viele wie noch nie. In den USA gibt es unter fünf Prozent Arbeitslose.

Viele fühlen sich als Absteiger - oder fürchten diesen für ihre Kinde

Immer mehr Menschen im Westen sind trotzdem wütend. Sie erregt, wie ungleich die Erfolge der Globalisierung verteilt werden. Manager kassieren Millionen, selbst wenn sie versagen, während Normaljobs häufig härter wurden. Fast jeder zweite Deutsche verfügt über weniger Geld als Ende der 90er-Jahre. Viele fühlen sich als Absteiger. Oder sie fürchten den Abstieg, und den ihrer Kinder. Auch hier ist der Tod ein Indikator: Die Lebenserwartung weißer Arbeiter in den USA sinkt.

Warenproduktion

SZ-Grafik

Diesen Frust nutzen Populisten, um die Wut auf Fremdes zu lenken. Auf ausländische Firmen, auf Migranten. Solche Hinwendungen zum Nationalen sind in Epochen großer Umbrüche häufig zu beobachten. So war es auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich der Alltag durch Fließbänder, Verstädterung und Massenverkehrsmittel rasant beschleunigte. Wenn das Leben unübersichtlicher wird, suchen Menschen Zuflucht im Bekannten - und in der Ablehnung des Fremden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite