Süddeutsche Zeitung

Weltbild-Verlag:Kaufhaus Kirche

Die geistlichen Eigentümer des Weltbild-Verlages müssen die Insolvenz des Unternehmens mit Bedacht behandeln - immerhin tragen sie die Verantwortung für 6800 Mitarbeiter. Trotzdem könnte die Pleite ein Neuanfang sein.

Zu den großen Geschichten in der Bibel gehört die von der Tempelreinigung. Sie ist auch eine davon, wie nah die Kirche dem Geld kommen darf. Nachlesen kann man sie bei allen vier Evangelisten, besonders anschaulich erzählt sie Johannes in Kapitel 2, Vers 13 bis 16. Jesus geriet demnach regelrecht in Rage, als er sah, wie verkommen der Tempel in Jerusalem war. Er erblickte im Vorhof die Händler, welche Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und dazu die Geldwechsler, die es verstanden, anderen ihr Bares aus der Tasche zu ziehen. Jesus wand daraufhin aus Stricken eine Geißel und trieb damit die Händler und Tiere hinaus. Die Tische der Geldwechsler kippte er um und rief: "Schafft das hier weg! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhaus!"

Die Kirche - kein Kaufhaus? Schön wäre es. Die katholische Kirche in Deutschland betreibt auch ein Kaufhaus. Es heißt nicht Karstadt, nicht Kaufhof, nicht Amazon, sondern Weltbild; und es verkauft im Namen des Herrn nicht bloß Erbauliches, sondern auch all das, was der Buchmarkt so her gibt - bis hin zu den Erotik-Bestsellern "Shades of Grey".

Die erotischen und esoterischen Bücher, die vor gut fünf Jahren viel Empörung auslösten, gibt es noch immer im Sortiment von Weltbild. Die Bischöfe haben es nicht geschafft, ihr Kaufhaus davon zu säubern. Und nun sind sie auch noch damit gescheitert, die finanziellen Dinge der Buchhandelskette mit ihren 300 Filialen zu ordnen. Sie mussten das Unternehmen in die Insolvenz schicken, weil ihm das Geld schneller ausging, als die zwölf Bistümer neues beschaffen konnten.

Im Nachhinein wäre es natürlich besser gewesen, die katholische Kirche hätte sich schon vor drei, vier Jahren zum Verkauf eines Unternehmens durchgerungen, bei dem man sich fragt, warum sie es überhaupt je betrieben hat. Doch die Bischöfe haben damals gezögert, weil sie meinten, sie könnten ihr Unternehmen von all dem Schmuddelkram befreien. Ja, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der sich gegen einen Verkauf gewandt hatte, ist sogar bis heute der Meinung, es sei vernünftig, wenn die Kirche mit einem eigenen Medienhaus präsent sei - ein Argument, mit dem sich (weil wir ja auch in einem ökologischen Zeitalter leben) am Ende auch der kirchliche Betrieb von Windrädern begründen ließe.

Die Bischöfe hielten noch aus einem anderen Grund an Weltbild fest: Sie glaubten, die Kirche könne als sozialer Unternehmer in einem Markt bestehen, der mehr und mehr von globalen Verlagen und Handelshäusern beherrscht wird - in einem Markt, in dem ein Konzern wie Amazon zum Inbegriff des unsozialen Unternehmens geworden ist, weil er mit seinen Mitarbeitern rüde umgeht und sich bestens auf Steuertricksereien versteht. Doch das hat sich als Irrglaube erwiesen.

Und so stellt sich - wie schon in der Debatte um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst - erneut die für die Kirche heikle Frage, ob sie mit Geld umgehen kann. In Limburg ging es vordergründig darum, wie viel privaten Luxus sich ein merkwürdiger Bischof gönnen darf. Tatsächlich ging es aber vor allem um die Frage, wie ernst es die Kirche mit jenem bescheidenen Lebensstil meint, den der neue Papst Franziskus vorlebt und vorgibt.

Auch bei Weltbild geht es nun nicht bloß um die normale Pleite eines Unternehmens, wie es sie immer wieder gibt. Sondern auch hier wird sich zeigen, wie die Kirche es mit der Wirtschaft hält, wie wichtig ihr also Profit und Gewinnstreben sind - und wie sehr ein kirchliches Unternehmen noch auf seine Mitarbeiter Rücksicht nehmen kann, wenn die Zahlen nicht stimmen.

Gilt also, im übertragenen Sinne, der Satz von Franziskus, dass "diese Wirtschaft tötet"? Oder gelingt es den Bischöfen, die Pleite von Weltbild anders abzuwickeln, als es im Fall Schlecker geschah?

Gerade weil der Papst mit seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" die Maßstäbe so hoch angesetzt hat, müssen die Bischöfe die Insolvenz von Weltbild mit Bedacht behandeln. Sie müssen dafür sorgen, dass die 6800 Mitarbeiter nun doch noch entweder einen anderen, zahlungskräftigen Arbeitgeber bekommen - oder aber zumindest einen Job anderswo im großen Unternehmen Kirche, das in Deutschland immerhin 1,2 Millionen Menschen beschäftigt, in Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten oder Sozialstationen.

In dem Fall könnte die Pleite von Weltbild sogar ein guter Anfang sein, der Prozess einer Säuberung in der Kirche - so wie auch bei Johannes. In dessen Evangelium steht die Geschichte von der Tempelreinigung weit am Anfang, nicht wie bei den anderen Evangelisten erst kurz vor der Leidensgeschichte Christi.

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SZ vom 14.01.2014
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