Weinbranche Oechsle hat ausgedient

2018 ist ein sehr guter Weinjahrgang, doch die Kriterien ändern sich. Das hängt mit dem Klimawandel zusammen, die deutschen Winzer müssen sich umstellen. Die Zeiten, in denen hohe Oechsle-Grade einen guten Wein garantierten, gehen zu Ende.

Von Silvia Liebrich

Vorschusslorbeeren, die gab es für den Weinjahrgang 2018 bereits zur Genüge. Anhaltende Hitze und Trockenheit im vergangenen Rekordsommer ließen auf eine gute Ernte hoffen. Doch erfüllt der junge Wein die hochgesteckten Erwartungen? Der 2018er sei zweifelsohne ein sehr guter Jahrgang, sagt Steffen Christmann. Etwas anderes würde man von dem Mann auch nicht erwarten, schließlich ist er Präsident des Verbandes der VDP-Prädikatsweingüter. Die Note "absolut herausragend" will er dennoch nicht vergeben. "Es gab in den vergangenen 15 Jahren durchaus Jahrgänge, die mithalten können", schränkt er ein, und meint etwa die Jahre 2005 und 2015.

Einen ersten Eindruck von den jungen deutschen Weinen können Händler und Sommeliers am Sonntag und Montag in Mainz gewinnen. Die Fachmesse des VDP gilt als wichtigste Plattform für inländische Anbieter, noch vor der ProWein in Düsseldorf - und ist ein Pflichttermin für deutsche Spitzenwinzer. Die bekommen längst auch aus dem Ausland immer mehr Anerkennung. Immerhin ein Viertel ihres Weins verkaufen die Prädikatsweingüter inzwischen im Ausland, Tendenz steigend. Gut 200 davon gibt es in Deutschland.

Im Gegensatz zu den Ackerbauern zählen die Winzer zu den Gewinnern des Klimawandels. "Früher gab es immer wieder Jahre, da sind die Trauben in Deutschland einfach nicht reif geworden, heute haben wir jedes Jahr reife Trauben", sagt Christmann, der in der Pfalz ein Familienweingut führt, dessen Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert reichen. Freuen konnten sich die Erzeuger 2018 auch über deutlich höhere Mengen. "Seit einigen Jahren haben die Winzer erstmals wieder richtig volle Keller", ergänzt er. Dem Deutschen Weininstitut zufolge fuhren sie 10,4 Millionen Hektoliter Weinmost ein, so viel wie zuletzt 2007. Auch an der Qualität gibt es wenig auszusetzen.

"Die 2018er-Weine sind viel schlanker, präziser und frischer, als es der heiße Sommer vielleicht vermuten lässt", betont der VDP-Präsident. Doch das erfordert Können: etwa den richtigen Zeitpunkt auszuwählen für die Ernte, Know-how im Weinkeller und vieles mehr. Was einen guten Wein ausmacht, bestimmen heute andere Kriterien als noch vor wenigen Jahrzehnten - auch das hängt mit dem Klimawandel zusammen. Die Zeiten, in denen hohe Oechsle-Grade, also der Zuckergehalt der Trauben, in Deutschland einen guten Wein garantierten, gehen zu Ende. Heiße Temperaturen wie im Sommer 2018 treiben den Zucker- und damit den potenziellen Alkoholgehalt nach oben und mindern die Säure. "Wer das ausreizt, bekommt schwere breite Weine, das will niemand trinken", fügt Christmann hinzu.

Der deutsche Wein braucht daher eine neue Qualitätsordnung. So wie die Erzeuger in Frankreich, Spanien und Italien wollen sich nun auch die deutschen stärker an der geografischen Herkunft orientieren und nicht vor allem an Oechsle-Graden. Fest steht: Wer eine gute Lage vorweisen kann, verdient mehr. Der VDP führte für seine Mitglieder bereits 2003 ein eigenes vierstufiges System ein. Während eine Flasche der niedrigsten Kategorie (Gutswein) im Verkauf derzeit im Durchschnitt zehn Euro kostet, liegt die höchste Kategorie (Große Lage) bei 32,50 Euro.

Auch andere Verbände wie der Deutsche Weinbauverband (DWV) favorisieren eine neue Qualitätskennzeichnung. Ziel sei es, das System zu vereinfachen und transparenter zu machen, heißt es dort. "Es ist höchste Zeit, dass das deutsche Weingesetz von 1971 reformiert wird", meint VDP-Präsident Christmann. Das will auch die EU. Die Bundesregierung möchte eine Reform noch in dieser Legislaturperiode angehen.